Rose McGowan: Brave | Alice im Traumaland

18. Februar 2018

Rose McGowan | Brave

[Lesedauer: ca. 12:50 Minuten]

Für das kollektive (popkulturelle) Gedächtnis war Rose McGowan lange Zeit vor allem zweierlei: Das blonde Mädchen, das im ersten Film der „Scream“-Reihe auf fatale Weise im Garagentor steckenbleibt, und das brünette Starlet, das auf dem Red Carpet der MTV Awards in nichts als einem Netzkleid posiert. Beide Momente sind mit zwei der wenigen Männer verbunden, die in „Brave“, ihrer mit Wut, Blut und Tränen in die Tasten gehämmerten Autobiographie, vergleichweise gut davonkommen: Wes Craven und (mit Einschränkungen) Marilyn Manson. Ansonsten liest sich das schwer erträgliche und ebenso schwer aus der Hand zu legende Buch wahlweise wie ein misogyner Entwicklungsroman aus der Hölle, eine Urban-Horror-Version von „Alice im Wunderland“ oder ein perverses Videospiel über Macht und Missbrauch mit multiplen Endgegnern auf jedem Level.

Doch Garagentor und Netzkleid waren gestern. Heute, so schreibt Die Welt kürzlich, ist McGowan als „Frau, die den Weinstein-Skandal ins Rollen brachte“, nichts weniger als eine „Rachegöttin“ [1]. Doch natürlich ist das genauso kurz gegriffen wie alle früheren Labels, mit denen sie schon belegt wurde. Und es würde ihr nicht gefallen. Labels sind das letzte, was sie gerne aufgedrückt bekommt, denn mit ihnen entscheiden andere, wer, was und wie sie zu sein hat – eine schleichende Form der Unterdrückung, und von Unterdrückung in jeglicher Ausprägung handelt „Brave“ auf jeder einzelnen Seite. Auf dem Cover entledigt sie sich ihrer einstmals langen Haare, jenes unabdingbaren Accessoires also, ohne das Frauen für Hollywood nicht besetzbar seien. „Don’t need them anymore“, hatte sie die Entscheidung einst auf Instagram kommentiert. Eine bildgewordene Kampfansage. Rose McGowan zieht in den Krieg.

Ob sie mit jemandem Schluss gemacht habe, sei sie immer wieder gefragt worden. Noch so ein Klischee: Frisurwechsel nach Beziehungsende. Aber dann habe sie genauer darüber nachgedacht, und ja, sie habe sich getrennt, und zwar von jenem kollektiven Frauenbild, das die Entertainment-Industrie beständig propagiere; getrennt von jener langen glänzenden Kardashian-Haarpracht, dem vermeintlichen Geheimnis der Verführung, das nichts anderes zu sagen scheine als „Fuck me, big boy“ – und da sind wir erst im Vorwort. Wird das etwa ein Blick in die Mottenkiste des 70er-Jahre-Feminismus? Keineswegs. Wer das Buch jetzt eigentlich schon wieder zuschlagen will, hat sich von McGowan bereits provozieren lassen. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Rose McGowan | (Screencapture)

Es sei ihre Agentin gewesen, augerechnet eine Frau also, von der sie eingebläut bekommen hätte, dass es in Hollywood ohne lange Haare keinen Job gäbe, weil dann nämlich die Männer, die für die Rollenvergabe zuständig wären, nicht mit ihr ins Bett wollten („if they didn’t want to fuck me, they wouldn’t hire me“). Eine einfache Regel, deren Gültigkeit sich bestätigen sollte. Wer daran zweifelt, möge für sich selber fünf weibliche US-Schauspielerinnen der letzten drei Jahrzehnte aufzählen, die in den frühen Jahren ihrer Karriere kurze Haare hatten. Uns fällt keine einzige ein. Soviel zur Mottenkiste. Für ihre Stylisten sei sie eine fleischgewordene Barbie gewesen, sie selber habe sich eher als aufblasbare Sexpuppe empfunden. „I had been turned into the ultimate fantasy fuck toy“, formuliert sie es drastisch genug, um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. – Wieder zuviel des Guten? Erinnern wir uns daran, dass einer der damals mächtigsten Männer der Branche sie 1997 kurzerhand zu seinem ganz persönlichen „fuck toy“ erklären sollte. Und davor und danach noch viele andere mehr. So jedenfalls liest es sich nicht nur in McGowans Buch.

Das Schlimmste dabei: Weinstein – den sie nur „the monster“ nennt – ist lediglich ein Fall von vielen in einer schier endlosen Missbrauchskette, die sich wie ein blutroter Faden durch „Brave“ zieht. Zwei davon sind körperlicher Art, Vergewaltigungen im juristischen Sinne (in einem Gespräch mit Ronan Farrow deutete sie jüngst eine dritte an [2]). Sämtliche anderen äußern sich in allen erdenklichen Spielarten psychischer Unterdrückung und Manipulation. Sie nehmen die Gestalt einer Sekte an, in die McGowan hineingeboren wurde, sie treten auf als bipolarer Vater mit Gotteskomplex, als Liebhaber mit krankhaften Besitzansprüchen, und schließlich als die große Manipulations- und Propagandamaschine Hollywood, deren Teil sie wird – auch aktiv. Denn ja, indem sie sich auf die Regeln der Entertainmentindustrie eingelassen habe, sei sie ebenso zum Täter geworden wie alle anderen auch. In unsere Gehirne habe sie sich hineingewunden, uns beobachtet, imitiert, manipuliert, und als das Produkt verkaufen lassen, das sich am besten verkaufen ließ: „I was the cigarette the advertisers told you you needed.“

Keine Frage: Was sie da gelernt hat, nutzt sie nun für ihre eigenen Zwecke. Wenn sie ihrer Geschichte etwa das Schicksal der Schauspielerin Frances Farmer voranstellt, dann schlägt sie damit den Grundton des Buches an, der beim Leser lange nachklingen soll. Farmer habe sich dem männlichen Studiosystem entziehen wollen und es bitter bereut. Von ihren Peinigern gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingeliefert, sei sie wieder und wieder einer Elektroschocktherapie unterzogen worden, bis nichts mehr von ihr übrig blieb als eine leere Hülle. „And all because she didn’t want to be sold as entertainment.“ Das ist ein fantastischer Einstieg, keine Frage, inhaltlich allerdings – soweit man heute weiß – ziemlicher Humbug. Die Lobotomie-Legende um Frances Farmer entstammt der weitestgehend fiktionalisierten Biographie „Shadowland“ (Grundlage des Films „Frances“ von 1982) und ist längst durch den Journalisten Jeffrey Kauffman und dessen umfangreiche Recherchearbeit widerlegt. [3] Auch über die kühne These, es sei das Studiosystem gewesen, das hier federführend die Finger im Spiel gehabt hätte, lässt sich trefflich streiten. Aber sehen wir genauer hin: „There once was a famous actress named Frances Farmer“ – führt McGowan die Episode nicht ein wie ein Märchen?

Denn nein, es geht hier wohl kaum um eine Nacherzählung, die man wörtlich zu nehmen hat, als vielmehr um die Demonstration eines Musters, für das Frances Farmer exemplarisch steht: für das unvermeidliche Scheitern am System, das keinen Widerspruch duldet. Und Flucht schon gar nicht. Nur wenige entkämen ohne psychische Schäden – sofern sie überhaupt am Leben blieben. „The streets of Hollywood are paved over the bodies of the vulnerable, the fucked with, the lied to, and the hurt.“ Sie, McGowan, habe beinahe selber dazugehört. Was sie da beschreibt, trägt sektenähnliche Züge, und so will sie es auch verstanden wissen. Von einer Sekte zur nächsten habe ihr Weg sie geführt, von den Children of God, einer pseudoreligiösen Hippie-Community mit patriarchalen und pädophilen Strukturen im Italien der frühen 70er, über Umwege in den Schoß von Hollywood. Die Parameter identisch: mächtige weiße Männer auf der einen Seite und auf der anderen zum Objekt degradierte, zurechtgestutzte und auf ihre Funktionsweise hin abgerichtete Frauen, die sich zum Wohle ihrer Herren prostituieren. Denn der Wert einer Schauspielerin bemesse sich in der Entertainment-Industrie danach, wie viele fremde Männer bei ihrem Anblick ejakulierten.

Rose McGowan | Citizen Rose

Wer jetzt noch nicht entnervt ausgestiegen ist, wird vermutlich bis zum Ende dranbleiben. Klar ist eins: „Brave“ unterscheidet sich ganz grundlegend von den üblichen Celebrity-Lebensbeichten, die buchhalterisch lediglich von einer Station zur nächsten eilen. McGowan hat anderes im Kopf. Anhand ihrer eigenen Biografie will sie wiederkehrende Strukturen von Unterdrückung und Missbrach aufzeigen mit dem erklärten Ziel, sie zu zerschlagen – oder doch zumindest, ihrem Zugriff zu entkommen. Ob ihr das gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Vor allem aber ist ihr Buch das Resultat einer ausgiebigen Selbstanalyse und (vielleicht) Selbsttherapie. Dass die Wurzeln dafür in ihrer frühen Kindheit liegen, ist selbstverständlich eine Binsenweisheit, und so wird man das erste Kapitel über ihre Zeit bei den Children of God mit besonderer Aufmerksamkeit lesen müssen und sich dabei mehr als einmal fragen, ob man dieser erstaunlich klaren Einsicht in die ersten Lebensjahre wirklich trauen kann. Die junge Rose, die einen natürlichen Widerstandsdrang in sich wahrnimmt; die unbedingte Forderung der Sekte nach (insbesondere optischer) Perfektion; das konträre Verbot des Vaters, jemals so etwas wie Selbstachtung zu entwickeln; der systematische sexuelle Missbrauch; die eigenwillige Form von Prostitution, um Männer in die Sekte zu locken („flirty fishing“ genannt); die generelle Geringschätzung und Objektivierung von Frauen – da kommt eine Menge dessen zusammen, was später immer und immer wiederkehren wird.

Ja, McGowans frühe Erinnerungen wirken wie im Writer’s Room zusammengetragen, um vor dem Hintergrund eines abenteuerlich anmutenden Plots eine schlüssige Figur bieten zu können, die den Irrsinn, der auf sie wartet, möglichst glaubwürdig schultert. Überhaupt, wäre „Brave“ ein Roman ohne realen Hintergrund, hätte man im Lektorat ganz sicher auf den Verzicht einiger Episoden gedrängt. Zuviel des Guten an allen Ecken und Enden. Umso verstörender, wenn man McGowan weder willentliche Geschichtsklitterung noch ein fehlgeleitetes Erinnerungsvermögen unterstellt, sondern stattdessen davon ausgeht, dass ihre Aufzeichnungen grundsätzlich der Wahrheit entsprechen. Eine Menge ihrer Gegner tun das derzeit allerdings nicht.

Es folgt Alptraum auf Alptraum – und damit Trauma auf Trauma. Die Flucht in die USA mit einem Leben, das mal bei der (zunächst in der Sekte zurückgelassenen) Mutter und deren gewalttätigem Partner, mal unter unsäglichen Umständen beim verhassten Vater stattfindet, erzwungener Zwischenstopp in der Entzugsklinik, der sie zweimal entflieht (wir erinnern uns an Frances Farmer), dann eine lange Obdachlosigkeit, die zukünftig zum tief verwurzelten Angst-Trigger werden soll, irgendwann eine erste freiwillige Beziehung aus psychischem Missbrauch und Abhängigkeit mit der Folge exzessiver Magersucht, der gewaltsame Tod des ersten Mannes, mit dem sie sich eine Zukunft wünscht, und schließlich mehr oder weniger per Zufall der Einstieg ins Filmgeschäft („The Doom Generation“, 1995).

Man möchte mit der geschundenen, gerade einmal 23-jährigen Frau aufatmen, als der Sturz von einem Höllenkreis in den nächsten endlich ein Ende gefunden zu haben scheint und sie 1997 mit gleich drei Filmen auf dem renommierten Sundance-Festival vertreten ist, doch wer das letzte halbe Jahr nicht in medialer Isolation verbracht hat, weiß längst, dass der Frieden ein trügerischer ist. Kurz bevor sie an jenem vielzitierten schicksalhaften Tag das Hotelzimmer von Harvey Weinstein betritt, lächelt sie in eine MTV-Kamera und sagt, „I think my life is finally getting easier.“ Nichts hätte weiter von der Wahrheit entfernt sein können. In der Sekte, so schreibt sie an anderer Stelle, habe sie frühzeitig gelernt, jeden Raum zunächst nach Waffen zu scannen. Es hat ihre generellen Instinkte nicht geschärft, jedenfalls nicht für ein Umfeld, dessen Oberfläche sauber glänzt und vorgibt, auch darunter nicht anders auszusehen. Hollywood war so weit weg von ihrem früheren Leben, die bisherige Erfahrung positiv genug („Scream“, „Jawbreaker“ und „Going all the Way“ hat sie in guter Erinnerung“), dass all ihre Sensoren stumm geschaltet waren. Als sie ihrem „Monster“ gegenübersitzt, spürt sie nicht den Hauch einer Gefahr.

Die Vergewaltigung beschreibt sie in allen grausigen und abstoßenden Details, als ginge es um Exploitation. Wie man das bewerten soll, ist schwer zu entscheiden. Gehört es zur Selbsttherapie? Ist es ein Verkaufsargument für das Buch? Wird hier Sensationslust und Voyeurismus bedient? Lässt sich der Täter nur auf diese Weise adäquat bloßstellen? Wahrscheinlich trifft jede einzelne Variante zu. Doch ganz abgesehen davon kann man sich als Leser nicht entziehen und wird die eigene Reaktion und Wahrnehmung auf die Waage legen müssen. Widert mich das an? Macht es mich sprachlos und wütend? Oder finde ich das alles weniger schlimm als es ist? Schiebe ich dem Opfer reflexartig einen Schuldanteil zu, weil es alles ohne Widerstand über sich ergehen lässt? Glaube ich das überhaupt, was ich da lese? – Ganz sicher hat McGowan gewollt, dass man sich in dieser unangenehmen Lage wiederfindet. Keine andere Stelle von „Brave“ hat so sehr Spiegelfunktion wie diese. Klingt weit hergeholt? Wer das glaubt, möge den Selbstversuch wagen.

Rose McGowan | Tweet vom 08. Oktober 2017

„Wach auf!“, will sie sich selber zugerufen haben, als sie ihrem Monster ausgeliefert war, doch auch wenn sie für einen Moment zu sich kommt und aktiv eingreift, versinkt sie im Anschluss in einen noch viel tieferen Schlaf – ein Grundmotiv des gesamten Buches. „The real Rose slept while the fake Rose lived a bizarre alternate life playing the life of someone playing parts“, schreibt sie an früherer Stelle. Sie wacht nicht auf, zwei Jahrzehnte lang nicht. Geprägt von der Summe aller Erfahrungen seit frühen Kindertagen ist sie das ideale Opfer. Deshalb nimmt sie in Weinsteins Gegenwart keine Gefahr wahr, auch wenn sie selber beschreibt, warum sie eigentlich schon vorab hätte stutzig werden müssen. Wer keine Liebe bekommen hat, geht dorthin, „where the love is“ oder zu sein scheint. Hollywood schien diese Liebe zu versprechen. Schien zu versprechen, dass ihr Leben einfacher wird.

Es ist derselbe Boden, aus dem zerstörerische Beziehungen erwachsen, die zunächst wie duftende Blumen erscheinen, sich dann aber bald als giftiges Unkraut erweisen. Die schlimmste steht ihr noch bevor, und sie erwächst direkt aus Weinstein und den Folgen. Doch dazu später. Als sie das Hotelzimmer verlässt, geschieht das Unfassbare: Der erste Mensch, dem sie erzählt, was ihr gerade zugestoßen ist, ihr Co-Star (Ben Affleck), mit dem sie wenige Minuten später eine Pressekonferenz abhalten soll, antwortet auf die unsäglichste Weise, die man sich vorstellen kann: „Goddamn it. I told him to stop that!“ Es ist eine symptomatische Reaktion. Alle wussten Bescheid, keiner greift ein. Von einem ihrer Agenten wird sie Ähnliches zu hören bekommen: „Goddamn it!“ (schon wieder) Er habe gerade erst einen Beitrag über Weinstein in der LA Times gestoppt, „he owes it to me not to do this.“

Offenbar ist man lediglich verärgert darüber, dass der Geschäftspartner, Klient, Arbeitgeber einfach macht, was er will, obwohl einem das nicht allzu gut gefällt. Aber Schwamm drüber. Eine Anwältin rät McGowan unmissverständlich von rechtlichen Schritten ab. Sie sei Schauspielerin, habe Sexszenen gedreht, niemand werde ihr glauben. Da mag sie das erste Mal begriffen haben, dass sie erneut in einer Sekte gelandet ist, einem „Kartell des Schweigens“, einem „Boys Club“, dem allerdings auch Frauen angehören. Hilfe hat sie keine zu erwarten. Das hält sie in den kommenden Jahren allerdings nicht davon ab, so vielen Leuten in der Branche wie möglich zu erzählen, was ihr passiert ist, bis es ein weit verbreitetes offenes Geheimnis ist. Nach den Enthüllungen von vergangenem Oktober hat das mancher ziemlich unüberlegt bestätigt und sich dabei kaum mit Ruhm bekleckert (Alec Baldwin ist so ein Fall [4]).

Weinstein setzt sie nach einer Geldforderung von 100.000 Dollar – ein Umstand, der aktuell immer wieder gegen McGowans Glaubwürdigkeit ins Feld geführt wird – auf eine inoffizielle schwarze Liste. Niemand will sie mehr beschäftigen, sie sei „bad news“. Es folgen ein paar wenige kleinere Nebenrollen, die sie nicht immer vorteilhaft aussehen lassen (ganz grauenerregend: „Ready to Rumble“), der Karriereaufstieg aber, der eigentlich der nächste logische Schritt gewesen wäre, bleibt aus. Umso eiliger unterzeichnet sie für „Charmed“, jene TV-Serie, die sie einem breiten Publikum bekannt machen wird, und an die sie länger gebunden bleibt als ihr lieb ist. Für Fans der Show ist McGowans Bilanz kein Vergnügen. Von austauschbaren Dialogen ist die Rede, von Männerwirtschaft hinter der Kamera, schwelenden Dramen, denen sie sich aber bewusst entzogen habe (zuletzt distanzierte sie sich öffentlich von Alyssa Milano, einem ihrer Co-Stars [5]), und insgesamt einer schwierigen Zeit, in der sie konstant damit beschäftigt gewesen sei, jemand anderes zu sein. Fünf Jahre, die dazu beitragen, dass sie sich umso mehr und umso bereitwilliger in etwas hineinstürzen wird, das alle Traumata ihrer Vergangenheit zusammenführt und auf perfide Weise potenziert. „Destruction“ hat sie das zugehörige Kapitel genannt und es übertrifft tatsächlich alles, was ihr bis dato widerfahren ist – Weinstein eingeschlossen. Einmal mehr begegnet sie einem Monster, nur dass sie dieses mit offenen Armen in ihr Leben lässt.

Charmed | Holly Marie Combs, Alyssa Milano, Rose McGowan

Von der rebellischen Version ihrer selbst aus früheren Tagen ist längst nichts mehr übrig. Mit Anfang 30 ist Rose McGowan zu Frances Farmer geworden. Sie ist bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Mehr noch als in der Zeit nach der Obdachlosigkeit braucht es nicht viel, um sie dahingehen zu lassen, „where the love is“. Als sie dem Mann begegnet, der sie, der Kapitelüberschrift gemäß, endgültig zerstören wird, hat sie keinen Funken Selbstwertgefühl und Zukunftsperspektive mehr. Der Mann heißt Robert Rodriguez, doch für ihr Buch entscheidet sie sich, ihn lediglich mit seinen Initialien zu benennen. Er wickelt sie unmittelbar ein, erzählt ihr von seiner unglücklichen Ehe, seinem unabhängigen Leben jenseits von Tinseltown, schmiert ihr Honig um den Bart. Er werde ihr Retter sein in Hollywood, ihr Ritter in glänzender Rüstung, ihre Karriere auf eine neue Ebene heben. Erneut scant McGowan ihr Umfeld nicht nach Waffen, schluckt stattdessen jedes seiner Worte, beginnt eine stürmische Affäre ohne Rücksicht auf Verluste und bereut es bald schon bitterlich.

Denn der attraktive, charmante und erfolgreiche Filmemacher mit dem kindlichen Gemüt entpuppt sich rasch als herrschsüchtiger Tyrann, der sie als sein Eigentum betrachtet, krankhaft eifersüchtig, besessen von dem Gedanken, sie nach seiner Vorstellung zu formen. McGowan sieht es, aber sie begreift es nicht, weil sie es nicht begreifen will. Schon nach dem zweiten Treffen erzählt sie ihm von Weinstein – ein fataler Fehler. Überhaupt erzählt sie ihm viel zu viel von sich, in dem irrigen Glauben, alles sei gut bei ihm aufgehoben. Ist es nicht. Rodriguez nutzt sein neugewonnenes Wissen, um sie zu manipulieren, bewegt sie dazu, sich vollständig von ihrem Umfeld zu isolieren. Systematische Erniedrigung gehört zum Alltag. „I got you at your ripest“, sagt er ihr einmal (was im Umkehrschluss heißt: Besser wirst du nicht mehr), lässt ein Aktgemälde in Originalgröße von ihr anfertigen und hängt es an prominenter Stelle in die gemeinsame Residenz (Rodriguez besitzt offenbar eine Art Burg), damit sie täglich daran erinnert wird, dass ihre besten Jahre bald vorbei sind.

Die Öffentlichkeit bekommt die Auswüchse in Gestalt des gemeinsamen Films „Planet Terror“ zu sehen – ein Titel, den McGowan auch als passende Beschreibung ihrer Beziehung wertet. Die Dreharbeiten geraten zum gnadenlosen Drill. Auf der einen Seite stehen körperliche Schindereien ohne Rücksicht auf Verluste. Ähnlich der kürzlich von Uma Thurman beschriebenen Vorfälle am Set von „Kill Bill“ [6] verlangt Rodriguez vor dem Hintergrund permanenten Schlafentzugs unverantwortliche Stuntleistungen, die schließlich zu einem Unfall mit Spätfolgen führen. Auf der anderen Seite wartet ein psychologischer Spießrutenlauf. Doch die Schauspielerin ist selber schuld, und das verschweigt sie nicht. Sie will liefern, keine Schwäche zeigen, den Anforderungen gerecht werden, schlicht funktionieren, wie man es ihr jahrelang eingetrichtert hat. Nicht zuletzt ist sie aber auch deshalb so unnachgiebig, weil sie zu der Figur, die sie spielt, eine besondere Beziehung hat: Rodriguez hat ihr den Namen gegeben, den sich McGowan für ihre Tochter ausgedacht hatte – Cherry Darling, das ungeborene Gegenüber ungezählter, über viele Jahr hinweg entstandener Briefe. Die Begründung, die Rodriguez für die Namensvergabe liefert, ist so niederträchtig (wie soll man es anders nennen?), dass man sich spontan ins Buch übergeben möchte: Wenn die Hauptfigur seines Films so heiße, dann könne McGowan das Kind nie mehr mit einem anderen bekommen. So simpel, so brutal. Er nimmt es ihr einfach weg, und man mag sich in diesem Moment an jene alptraumhafte Episode aus ihrer Kindheit erinnert fühlen, als die Children of God ihr ein kleines Lamm, das sie eine Weile als Haustier und Spielgefährten gehalten hatte, irgendwann lachend zum Abendessen servieren (wie einst den Truthahn Pedro in „Giant“).

Ein Lügendetektortest, zu dem er sie zwingt, weil er glaubt, sie habe ein Verhältnis mit Quentin Tarantino, mutet dagegen geradezu harmlos an und ist so albern wie der Film, den er mit ihr dreht (eine Episode übrigens, die in der UK-Ausgabe nicht enthalten ist [7]). Tarantino selber kommt übrigens auch nicht sonderlich gut weg. Über vier Jahre hinweg spricht er sie unter Zeugen immer wieder auf eine Aufnahme ihrer nackten Füße in „Jawbreaker“ an, die er x-fach „benutzt“ hätte. Benutzt. Was soll man davon halten? Einer Frau öffentlich wiederholt klarzumachen, was für eine effektive Masturbationsvorlage sie ist? Wir erinnern uns: Der Wert einer Schauspielerin bemesse sich danach, wie viele fremde Männer bei ihrem Anblick ejakulierten. Tarantino war einer davon. Das hinderte ihn nicht daran, sie für eine vergleichsweise kleine Rolle in seinen Film „Death Proof“ (zusammen mit „Planet Terror“ einer der beiden Teile des Doppelfeatures „Grindhouse“) insgesamt viermal vorsprechen zu lassen.

Die Erinnerungen an die Dreharbeiten und die Umstände davor und danach sind katastrophal. Dass der Film eine versuchte Vergewaltigung enthält und schließlich ausgerechnet an Weinstein verkauft wird, geht angesichts der anderen Unglaublichkeiten fast unter. Rodriguez freilich gab die Angelegenheit bereits im vergangenen Jahr völlig anders wieder und kam in seiner Version als eine jener kompromisslosen Heldenfiguren weg, wie er sie gerne hat. Vergleicht man beide Darstellungen, so bleiben keinerlei Gemeinsamkeiten. Selbst die Chronologie ist eine völlig andere. Hier muss jeder selber entscheiden, wem er glaubt. Unsere Haltung zu Rodriguez in dieser Angelegenheit lässt sich an anderer Stelle nachlesen [8]. Dass McGowan ihm auch deshalb gelegen kam, weil sie im Fall einer Heirat (den Antrag schlägt sie nicht aus) seine Initialiensammlung komplettiert hätte, mag eine steile These sein, doch auf solche Ideen kann man schon kommen bei jemanden, der dafür gesorgt hat, dass die Namen aller seiner Kinder mit einem „R“ beginnen. Rose Rodriguez wäre dahingehend fraglos die passendere Ehefrau gewesen als seine Ex Elizabeth Avellan.

Am Schluss bleibt McGowan nur Verachtung für einen Mann, der so trunken von sich selbst ist, dass er ernsthaft behauptet, einen härteren Job zu haben als ihr Bruder, der als Kampfpilot in Afghanistan stationiert ist. Der eigentliche Auslöser für ihr Erwachen aber, so sagt sie, ist erst ein Coverphoto des Rolling Stone Magazine, auf dem sie so stark nachbearbeitet erscheint, dass sie sich selber nicht wiedererkennt (Inspiration war vermutlich ein Postermotiv für den Film „Gwendoline“ des französischen Modefotografen Just Jaeckin). Ausgerechnet Twitter soll ihr Mittel der Befreiung werden. Als sie sich 2009 anmeldet, versieht sie ihr Account noch mit dem Zusatz „I’m only here for Elizabeth Taylor“. Erst Mitte 2015 verschieben sich die Parameter, als sie die Casting-Anforderungen eines Adam-Sandler-Films tweetet: Man solle bitte mit einem engen Oberteil und sichbarem Dekolletée zum Vorsprechen kommen. Ein mittleres Erdbeben ist die Folge, denn selbstverständlich haben derartige Interna in der Öffentlichkeit nichts verloren. Ihre Agentur schmeißt sie raus. Die nächste Gelegenheit für einen erhellenden Tweet: „I just got fired by my wussy acting agent because I spoke up about the bullshit in Hollywood. Hahaha.“

Rose McGowan am Set ihres Films Dawn

Vermutlich begann hier der Kreuzzug, den sie bis heute führt. Die Schauspielerei hat sie weitestgehend gegen den Regiestuhl eingetauscht (vielbeachtet wurde ihr Kurzfilm „Dawn“, der sie unter besseren Vorzeichen zurück nach Sundance brachte), Musik und Fotografie sind ihre Hauptbetätigungsfelder geworden. Verfolgt man ihre Entwicklung über das letzte halbe Jahr seit Enthüllung der Causa Weinstein, so lässt sich ihr radikaler Wandel schwerlich übersehen. Nach zwei Jahrzehnten am Rande des Erstickungstodes kann Rose McGowan endlich frei atmen und holt alles nach, was ihr allzu lange vorenthalten war. Wer sich ihr in den Weg stellt, muss die Konsequenzen tragen. Dass sie dabei immer mal wieder übers Ziel hinausschießt, bleibt nicht aus. Wer eines Buches wegen von ehemaligen Mossad-Agenten verfolgt wurde (kein Witz), darf auch schon mal überreagieren. Nach einem Zwischenfall auf einer Lesung sagte sie kurzerhand alle öffentlichen Auftritte ab und verfiel weitestgehend auch auf den sozialen Netzwerken in Schweigen. Auf den Selbstmord ihrer ehemaligen Managerin, die kürzlich erst öffentlich von ihr als Weinstein-Komplizin geoutet worden war, reagierte sie denkbar ungeschickt.

Das soll und darf aber nicht davon ablenken, dass „Brave“ vielleicht eines der wichtigsten Bücher über Hollywood und die misogynen Mechanismen der Entertainment-Industrie überhaupt geworden ist (und sich auch nicht im einmaligen Lesen erschöpft). Der Mut, den sie hat aufbringen müssen, um diesen Weg mit all seinen Widerständen und ganz sicher auch erheblichen langfristigen Folgen auf sich zu nehmen, anstatt beharrlich zu schweigen, kann man gar nicht hoch genug bewerten. Um Anwaltskosten zahlen zu können, hat sie gerade erst ihr Haus verkauft. Dass sich im Netz jede Menge Trolle finden lassen, die allen Ernstes schreiben, Weinstein hätte ihr noch längst nicht genug angetan, lässt in erschreckender Deutlichkeit erkennen, wie sehr ihr Buch leider nur die Spitze des Eisbergs aufzeigt. [LZ]

[Abbildungen: Harper Collins | E! Entertainment (Screencaptures) | twitter.com/rosemcgowan | The CW | Rose McGowan]

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