Weinstein und Grindhouse: Robert Rodriguez singt ein Heldenlied auf sich selbst

28. Oktober 2017

Robert Rodriguez

[Lesedauer: ca. 8:20 Minuten]

Wenige Tage nachdem Quentin Tarantino in Gestalt eines Interviews zum Fall Harvey Weinstein leidlich versucht hat, Schadensbegrenzung in eigener Sache zu betreiben [1], zieht jetzt auch Robert Rodriguez nach und hinterlässt dabei ein noch schlimmeres Bild als sein langjähriger Freund und Geschäftspartner. Beide waren über den Großteil ihrer Karrieren hinweg Protegés des mittlerweile gestürzten Moguls und hatten sich zunächst geschockt über die Enthüllungen gezeigt, die Anfang Oktober in einem Beitrag der New York Times öffentlich gemacht worden waren [2]. Beide haben nun zugegeben, schon lange von dem einen oder anderen Fall gewusst zu haben. Doch im Gegensatz zu Tarantino, der wenigstens ein (wenn auch kalkuliertes) Schuldeingeständnis ablieferte, verzichtet Rodriguez auf jegliche Selbstreflexion und steckt sich stattdessen lieber einen Orden an. Wer will das noch toppen?

„What I knew, when I knew it, and what I did about it“ – In einem umfassenden Statement, das Variety am 27. Oktober veröffentlicht hat [3], erzählt er eine wilde Geschichte, die ihn nicht nur extrem gut aussehen, sondern am Ende auch noch selber als Opfer dastehen lässt. Das muss man erstmal hinbekommen. Rund 8000 Zeichen hat es ihn gekostet und sie alle paraphrasieren einen Satz, der sich momentan hundertfach in den sozialen Netzwerken lesen lässt: Robert Rodriguez ist ein Held. Das wird ihm gefallen, denn es zeigt, dass sein Plan aufgegangen ist. Umso mehr muss man den hanebüchenen Unsinn auseinandernehmen, den er dem Rest der Welt hier auftischt.

Die Geschichte ist die folgende: 2005 habe ihm Rose McGowan von ihrer Vergewaltigung durch Weinstein erzählt und dass sie für Produktionen, an denen er beteiligt sei, auf einer schwarzen Liste stünde. Daraufhin habe Rodriguez unmittelbar die Idee gehabt, ihr die Hauptrolle in seinem Segment von „Grindhouse“, dem gemeinsamen Film mit Tarantino auf den Leib zu schreiben, den beide zum damaligen Zeitpunkt in Arbeit hatten – einen Film, den Weinstein finanzieren würde. Auf diese Weise werde er für das zahlen müssen, was er ihr angetan habe („literally make him pay“). Abgesehen von der geradezu absurden Fallhöhe (eine Vergewaltigung auf der einen und die – wohl auch sonst erfolgte – Finanzierung eines Films auf der anderen Seite) hat man es hier mit einer typischen Rodriguez-Fantasie aus Rache, Revolution und Heldentum zu tun, nur dass er diesmal selber die Hauptfigur ist. Diese Idee, an der inhaltlich nichts, aber auch rein gar nichts dran ist, feiert er mit jedem Satz bis in die einzelnen Formulierung hinein. Sehen wir uns die Details an.

Seine unmittelbare Reaktion auf McGowans Weinstein-Alptraum: Wäre er, Rodriguez, an der Stelle ihres damaligen Verlobten gewesen, hätte er Weinstein zu Brei geschlagen. An diese Aussage könne er sich heute noch glasklar erinnern. Selbstredend. Sie trägt inhaltlich zwar nichts zu den Abläufen an sich bei, ist für das Bild, das er von sich vermitteln will, aber unverzichtbar und damit die erste Strophe in seinem Heldengedicht. Aus anderer Perspektive entspricht sie ganz der klassischen Vorgehensweise, wie sich Männer Frauen gegenüber inszenieren: 1. andere aus ihrem Umfeld schlecht aussehen lassen (McGowans Verlobten, zeitlich möglicherweise noch Marilyn Manson) und 2. das eigene, freilich bloß hypothetische Verhalten als bessere Alternative in den Raum stellen. Dabei gilt festzuhalten: Als späterer tatsächlicher Verlobter von McGowan ließ Rodriguez die Fäuste in der Tasche. Stattdessen produzierte er bis heute zwei weitere Filme mit Weinstein.

Die zweite Strophe ist offensichtlicher: Rodriguez macht McGowan das beschriebene Rollenangebot und serviert es dem selbstverständlich sichtlich aus der Fassung geratenen Weinstein brühwarm – und zwar (ungefragt) in Gegenwart seines Vergewaltigungsopfers. Seine Heldentat zeigte unmittelbare Wirkung: „Ich schaute zu Rose hinüber. Ihr Mund und ihre Augen standen weit offen.“ Schließlich ihre Reaktion auf Weinstein: „Wow. So etwas habe ich zuvor noch nie gesehen.“ – Auch dies natürlich völlig irrelevant für die eigentliche Geschichte, stattdessen aber höchst relevant für Rodriguez’ Heldengedicht mit seiner klaren Rollenverteilung: Weinstein als Schurke, McGowan als Jungfrau in Nöten, und Rodriguez als Ritter in glänzender Rüstung, der den Schurken aus der Fassung bringt und die Jungfrau zum bewundernden Staunen. Märchenhaft, egoman und letzten Endes auch ein ganzes Stück weit sexistisch. Denn in Rodriguez’ Erzählung ist McGowan nicht mehr als ein unsicheres und verängstigtes Weibchen, dem ein starker Mann fehlt, um sie aus der Bredouille zu retten. Einzig ihre Bitte sei der Grund dafür gewesen, dass Rodriguez nicht öffentlich über die wahre Intention hinter ihrer Besetzung sprechen konnte. So jedenfalls stellt er es dar.

Wer das nicht glaubt, möge sich den Originaltext vornehmen. Natürlich, im einleitenden Absatz und noch einmal gegen Ende lobt er – wie jeder andere, der sich bislang in irgendeiner Form zum Thema geäußert hat – McGowans Mut, nun endlich öffentlich gesprochen zu haben, aber das liegt außerhalb der Geschichte, die er zu erzählen hat. Dort nämlich gibt es nur einen, der Mut und Entschlossenheit beweist: Robert Rodriguez. Möglicherweise reagiert er damit auf ein Statement von niemand anderem als der Betroffenen selbst, deren öffentliche Auseinandersetzung mit der Angelegenheit er ganz sicher verfolgt hat: Als wir am 9. Oktober, vier Tage nach dem einschlägigen Artikel der New York Times, offen die Frage in den Raum stellten, warum sich so wenige Männer aus dem Umfeld Weinsteins bislang geäußert hätten und dabei ausdrücklich Tarantino und Rodriguez benannten, lieferte Rose eine unmissverständliche Erklärung: „Weil sie schwach und verängstigt sind (weak and scared)“ [4] – eine Aussage, die Rodriguez unmöglich auf sich sitzen lassen konnte. Umso maßloser sein Heldengedicht.

Und als ob das nicht alles schon haarsträubend genug wäre, erklärt er sich abschließend auch noch zum Opfer. Richtig gelesen: zum Opfer. Denn „Grindhouse“, jenes dreistündige Doppelfeature, das als so etwas wie eine millionenschwere Hommage an das amerikanische Gegenstück zum deutschen Bahnhofskino gedacht war, sei von Weinstein „begraben“ worden. Begraben. Was genau heißt das? Angesichts der Wortwahl sollte man vermuten, der Film sei mit allen Mitteln von der Öffentlichkeit ferngehalten worden. So wie es Weinsteins nicht selten praktizierte Art war: Filmrechte zu kaufen, Filme gar drehen und sie dann für alle Ewigkeit ungesehen im Archiv verschwinden zu lassen. Das würde man wohl unter „begraben“ verstehen. Doch „Grindhouse“ bekam ein Kinorelease, und zwar auf 2624 Leinwänden alleine in den USA [5]. Im Vergleich dazu: „Kill Bill Vol. 2“, Tarantinos letzter Spielfilm bis dato, war 2004 mit gerade mal 347 Kopien mehr gestartet [6]. In derselben Woche wie das besagte Doppelfeature hatten Warner Bros. mit „The Reaping“ einen prominent besetzten Horrorfilm in die Kinos gebracht. Kopienzahl: 2603 [7]. „The Hoax“ hingegen, eine Komödie von Lasse Hallström mit Richard Gere bekam zur gleichen Zeit insgesamt lediglich 235 Kopien (bei etwa einem Drittel des Budgets von „Grindhouse“) [8]. Will man von „begraben“ sprechen, dann wohl dort.

Von den zugehörigen Marketingmaßnahmen ganz zu schweigen. Auf negative Weise berühmt etwa wurde jenes unsägliche Cover des „Rolling Stone“ vom 19. April 2007, das McGowan und Filmpartnerin Rosario Dawson stark retuschiert und fast vollständig nackt zeigte und die Schauspielerin nach eigener Aussage endgültig zum Umdenken über ihre Karriere brachte [9]. Welche absurden Blüten die Marketingaktivitäten dabei teilweise hervorbrachten, zeigt vor allem der Fall einer quasi prophylaktisch verliehenen Doppelauszeichnung, die Tarantino und Rodriguez in Personalunion beim ersten Scream Award des US-Bezahlsenders Spike TV in der Kategorie „Mastermind“ erhielten. Wohlgemerkt war das gemeinsame Projekt zum Zeitpunkt der Veranstaltung, dem 10. Oktober 2006, weder fertiggestellt, noch – speziell Tarantinos Beitrag – auch nur im Ansatz abgedreht. Nichtsdestotrotz nutzte man die zu allem Überfluss auch noch von den Hauptdarstellerinnen McGowan, Dawson und Marley Shelton gehostete Show kurzerhand zur offiziellen Uraufführung des ersten Trailers. Von „begraben“ kann also auch hier keine Rede sein.

Tatsache ist hingegen: Schon nach den katastrophalen Ergebnissen des Startwochenendes bemühte man sich panisch um Schadensbegrenzung. Ein erheblicher Teil der Zuschauer habe das Kino vorzeitig verlassen und anscheinend nicht begriffen, dass man es ja mit einem Doppelfeature zu tun habe („Two great movies for the price of one“, hieß es auf dem Filmplakat). Tatsächlich gaben ganze Gruppen erst während der überlangen Dialoge des zweiten Segments auf und gingen lieber an die frische Luft statt weiter Tarantinos semi-authentischen und leidlich pointiertem Girltalk zu folgen. Hier lag das Problem der Kommunikation also eher on- als off-screen. Dass jedoch keiner der beiden Filmemacher bis heute einsehen will, wie breitenunwirksam ihr gemeinsames Projekt war, belegt Rodriguez nun indirekt erneut: „Harvey Weinstein won in the end by burying the movie just because Rose was the lead actress.“ – So kann man sich die Welt natürlich auch zurecht reden.

Aber es kommt noch schlimmer: Nicht nur der Flop des Films, sondern auch private Folgen seien mit seiner Entscheidung verbunden gewesen, McGowan zu besetzen und damit Weinsteins Zorn auf sich zu ziehen – so jedenfalls muss man wohl deuten, was er da zu Protokoll gibt. Immer wieder habe er darüber nachgedacht, ob er mit all dem heutigen Wissen wohl noch einmal genauso handeln würde. Alle Beteiligten hätten enorm gelitten und einen viel zu hohen Preis bezahlt. Ihn etwa hätte die ganze Angelegenheit seine 16-jährige Ehe, seine Familie und einen Teil seines Verstandes gekostet. Wieso genau das so sei, behält er klugerweise für sich, denn für das Scheitern seiner Ehe ist Rodriguez wohl eher selber verantwortlich. Aber warum das nicht auch noch mit in den Koffer packen und klug etwas darüber schwadronieren, dass der Schaden, den jemand wie Weinstein verursacht, weit über das Verhältnis von Täter und Opfer hinausgehe?

Aber auch dies ist selbstverständlich nicht mehr und nicht weniger als eine weitere Strophe in Rodriguez’ Heldengedicht. „Über Jahre hinweg habe ich mit dem ernüchternden Gedanken gerungen, dass es vielleicht ein großer Fehler war, überhaupt aufzustehen, obwohl mich niemand darum gebeten hat.“ – Der entscheidende Irttum: Rodriguez ist nicht aufgestanden, und zwar nie. Jedenfalls nicht bei diesem Fall. So will er es aber verstanden wissen. Wäre er aufgestanden, hätte er Weinstein unter vier Augen konfrontiert und im Fall eines Gerichtsprozesses alles geleugnet, um McGowan zu schützen. Wäre er aufgestanden, hätte er keinen weiteren Film mehr mit Weinstein gemacht. Wäre er aufgestanden, hätte er sich aus allen vertraglichen Verpflichtungen herausgeklagt oder sich ihnen einfach entzogen und die Folgen getragen. Aber nichts davon hat er getan.

Dass er sich nun darauf ausruht, McGowan habe ihn aufgrund einer Verschwiegenheitserklärung gebeten zu schweigen, klingt zunächst einmal nachvollziehbar, hat aber einen entscheidenden Haken: Die Schauspielerin hat ein derartiges Schriftstück nie unterzeichnet. Das jedenfalls sagt sie im Rahmen eines öffentlichen Postings auf ihrem Facebook-Account vom 15. Oktober: „Ich habe nie ein Non-Disclosure-Agreement unterschrieben.“ Und: „Ich habe jeder Menge Leute die Wahrheit gesagt.“ [10] – Hätte sie es aber doch getan, so wäre sie dank Rodriguez nun in einer rechtlichen Problemlage. Denn mit seinem Statement wäre zugleich auch öffentlich gemacht, dass sie bereits 2005 gegen die Vereinbarung verstoßen hat. Das scheint ihm entweder nicht klar oder völlig egal zu sein. In sein Heldengedich passt jedenfalls keine der Varianten.

McGowan hat sich im Grunde bereits vor einem Jahr zu Rodriguez und seiner hier diskutierten Selbsteinschätzung geäußert. Am 15. Oktober 2016 schrieb sie auf Twitter unter dem Hashtag #WhyWomenDontReport: „Because may ex sold our movie to my rapist for distribution“ [11] – Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar. [LZ]

[Ergänzend dazu unsere Beiträge über Rose McGowan vom 14. und über Quentin Tarantino vom 21. Oktober 2017]

[Abbildungen: Screencapture / HitFix]

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