RM486: Alien in fünf Inkarnationen | Rose McGowan veröffentlicht ihr erstes Musikvideo

27. September 2015

RM486 | Rose McGowan

Rose McGowan war schon immer ein Alien. Als die Öffentlichkeit 1995 erstmals mit ihr Bekanntschaft macht, ist sie ein Teenager ohne festen Boden unter den Füßen, orientierungslos auf einem Roadtrip durch die USA, randvoll mit Exzessen aus Sex, Gewalt und Crystal Meth. „The Doom Generation“ zeichnete ein fremdartiges Amerikabild, für das die damals gerade 22-jährige Zufallsschauspielerin eine ebenso attraktive wie verstörende Projektionsfläche bot. Keine ihrer Rollen danach sollte noch einmal ähnlich radikal ausfallen, auch wenn Durchschnittscharaktere ihr nie sonderlich gut standen. Inzwischen hat sie die Seiten gewechselt, führt selbst Regie und ist mit dem Musikvideo zu ihrem ersten unter eigenem Namen veröffentlichten Track auf dem besten Weg zum Gesamtkunstwerk.

Zwanzig Jahre liegen dazwischen und in fünf davon verkörperte McGowan die verlorengeglaubte Hexenschwester Paige in der vielgeliebten Fantasy-Soap „Charmed“. Ganze 112 Folgen lang ist sie ein gesellschaftlicher Außenseiter, qua Geburt an mit magischen Kräften ausgestattet, von denen der Rest der Welt nichts wissen darf. Danach gibt sie für Robert Rodriguez eine Stripperin, die beim Ausbruch der Zombie-Apokalypse über sich hinauswächst und mit einem Maschinengewehr als Beinprothese zum Überleben der Menschheit beiträgt. Es sollen ihre beiden bekanntesten Figuren bleiben und zugleich diejenigen, mit der sie am ehesten identifiziert wird.

McGowan passt so perfekt ins Schema der Misfits, weil ihre Biografie sie nie etwas anderes hat sein lassen. Die Kindheit in Italien verbringt sie als Mitglied der „Children of God“, einer geschlossenen, sektenartigen Gemeinschaft. Danach wandert die Familie in die USA aus, zieht öfters um. Immer ist Rose „die Neue“ und sammelt schon früh Erfahrungen, die manch anderer sein ganzes Leben lang nicht macht. Ihre öffentlich ausgetragene Beziehung mit Marilyn Manson, einem anderen, wenn auch selbsterklärten Alien, gilt der Presse in ermüdender Weise selbst Jahre später noch als entscheidender Referenzpunkt.

RM486 | Rose McGowan

Aber auch hinsichtlich dessen, was sie öffentlich äußert, erweist sich McGowan zunehmend als unangepasst. 2008 zeigt sie im Rahmen einer Pressekonferenz zu ihrem Film „Fifty Dead Men Walking“ ausrückliches Verständnis für IRA-Sympathisanten – wohlgemerkt aus historischer Sicht, doch das interessiert im Anschluss natürlich niemanden. Regisseurin Kari Skogland distanziert sich von ihr und eine Menge Kurzdenker gibt sich schriftlich empört. Für Rose kein Grund, sich künftig zurückzunehmen.

Im Gegenteil. Kürzlich erst sorgte sie für Aufruhr, als sie die Castinganforderungen für einen Film mit Adam Sandler bloßstellte: Den weiblichen Darstellerinnen wurde angeraten, beim Vorsprechen möglichst viel Dekolletée zu zeigen, ohne dass ein irgendwie nachvollziehbarer Bezug zur Rolle erkennbar gewesen wäre (wie auch?). McGowan postete und kommentierte das Gesuch über ihr Twitter-Account – in Hollywood offenbar ein No-Go, denn kurz darauf stand sie plötzlich ohne Agenten da.

Es ist eben diese lebenslange Position des Außenseiters, der jetzt auch ihr erstes Musikvideo beherrscht. Zusammen mit Jonas Åkerlund und der von seiner Frau B. Åkerlund gegründeten Künstlercommunity „Whoyouare“ hat sie ihn als Trip aus Masken und visuellen Metempsychosen angelegt. „RM486“ heißt der elektronisch-elegische Track dazu: ein Statement aus McGowans Initialien und der umstrittene Abtreibungspille RU-486. Das lässt eine Menge Assoziationen zu, auch wenn RM – quasi als Beipackzettel – selber eine (vielleicht zu ausführliche) Interpretation mitliefert.

Zu Beginn werden wir Zeuge der Geburt einer kahlköpfigen, kalkweißen Alienfrau, die sich eigenhändig vom Caput galeatum befreit, dem mythisch aufgeladenen Symbol für das zweite Gesicht. Tod und Leben, oder eben im Sinne des Titels Abtreibung und Geburt, sie finden auch in den ersten Textzeilen ihren – durchweg außerirdischen – Widerhall, als Zitat aus „Blade Runner“. Rutger Hauers Replikant spricht sie, bevor er stirbt, erzählt von den unvorstellbaren Dingen, die er gesehen hat, und die nun für immer verloren sein werden. „Time to die”, endet sein Monolog. Im Clip ist der Tod hingegen der Beginn einer mehrfachen Transformation in fünf Charaktere oder eher: Inkarnationen, die sich in Überblendungen und Wechselmontagen jeweils auseinander entfalten. McGowan beschreibt sie als Phasen ihrer selbst. Man muss diese Deutung jedoch nicht mitmachen.

RM486 | Rose McGowan

Ganz sicher ist „RM486“ ein Track über Befreiung und Selbstwerdung, nicht zuletzt aber auch ein erneutes Statement contra Sexismus. „Seht her, das bin ich, und genau so darf ich sein“, könnte die Alienfrau sagen wollen, und dazu gehört, dass sie eben eine Frau ist. Denn das erste, was sie enthüllt, sind ihre Brüste, danach erst folgt ihr Gesicht, eine konturlose Form, ein leeres Blatt, das nur durch seine unterschiedlichen Inkarnationen Gestalt bekommt. „Only here to paint colors on the sun“, singt sie mit ätherischer Stimme, nachdem die elegischen Flächen Gesellschaft von einem aufhellenden Rhythmus bekommen haben. Das ist ihre Aufgabe als Außerirdische in Menschengestalt, und so begleitet ein sonnengleicher Planet auch ihre Geburt.

Ein bisschen Bowie ist hier dabei, und wie könnte es auch anders sein? Direkte Bezüge gibt es aber nicht und im Interview mit Fuse.tv legt Rose betontermaßen großen Wert darauf, dass ihre Arbeit sich an keinem Vorbild orientiert. Assoziationen lassen sich jedoch nicht abwehren, und so wäre ihr Clip ein schöner Prolog (oder Epilog) für ein Doppelfeature aus „The Man who fell to Earth“ und „Under the Skin“, zumal die Außerirdischen beider Filme mit ihrer Sexualität deutlich auf dem Kriegsfuß stehen.

Für McGowan ist „RM486“ – eine Zusammenarbeit mit dem französischen Elektro-Ensemble Punishment – übrigens nicht der erste Ausflug in die Musik. Ihr bemerkenswertes gesangliches Talent (auch ein Echo ihrer Kindheit bei den „Children of God“) setzte sie zuvor unter anderem wiederholt bei „Charmed“, „Planet Terror“, „Strange Hearts“ und „Dead Awake“ ein. Für die Songs „Protection“ und „Wake me“ aus letzteren beiden Filmen schrieb sie zudem auch die Lyrics. [LZ]

„RM486“ ist via iTunes erhältlich.

RM486

[Abbildungen: Screencaptures]

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