Rillington Place: Der Biedermann als Serienkiller | Tim Roth und Samantha Morton brillieren in BBC-Drama

01. November 2017

Rillington Place

[Lesedauer: ca. 2:50 Minuten]

In Englands Kriminalhistorie ist John Christie nach Jack the Ripper vielleicht der bekannteste aller Frauenmörder. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass seine Geschichte auf Umwegen dazu beitrug, die Todesstrafe im Vereinigten Königreich 1965 abzuschaffen. Nach seiner Festnahme gestand Christie unter anderem einen Mord, für den drei Jahre zuvor ein anderer gehängt worden war, und bei dessen Prozess er zu allem Überfluss auch noch eine entscheidende Rolle als Hauptzeuge gespielt hatte. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten sich wenig mit Ruhm bekleckert, schlampig ermittelt und vermutlich gar ein Geständnis erzwungen. Immerhin erhielt der unschuldig verurteilte Timothy Evans posthum eine offizielle Entschuldigung vom damaligen Innenminister (wovon er sich herzlich wenig kaufen konnte). Die BBC hat den vielfach beleuchteten Fall nun erneut aufgerollt und einen finsteren Dreiteiler produziert, der alles andere als gute Laune verbreitet – und deshalb umso gelungener ist.

Zu bekannt ist die Geschichte auf der Insel, als dass man sie aus unvoreingenommener Perspektive erzählen könnte. Und so geht die erste Episode auch direkt in medias res und zeigt die Hinrichtung von Evans, der noch mit dem Strick um den Hals den Namen des wahren Täters ausruft. Diesen sehen wir ungerührt die Straße hinabschlendernd, die Hände auf dem Rücken verschränkt und in seinem viel zu weiten Mantel fast verschwindend. So gibt sich Christie am liebsten: unsichtbar. Es ist die perfekte Tarnung des Biedermanns, dem niemand all die Monstrositäten zumuten würde, die erst nach und nach ans Tageslicht kommen. Wir werden ihn als durchschnittlichen Niemand kennenlernen, einen Versehrten des Ersten Weltkriegs, der vorübergehend sogar bei der Polizei arbeitet. Ansonsten bleibt er unauffällig, lebt ein bescheidenes Leben in einem heruntergekommenen Mietshaus, während sich England vor den Nazis fürchtet.

Rillington Place | Tim Roth

Die eigentliche Erzählung beginnt Jahre vor der Evans-Hinrichtung Ende der 1930er. Neun Jahre sind vergangen seit Ethel Christie (Samantha Morton) ihren Ehemann das letzte Mal gesehen hat. Warum er ohne ein Lebenszeichen verschwunden ist, bleibt weitestgehend offen. Er habe sich so geschämt. Und nein, sagt er fast entsetzt, die Scheidung, die wolle er nicht. Das Paar zieht also wieder zusammen und eine Weile scheint es so, als sei ihr einfaches Leben ein glückliches, denn John Christie kann offenbar ein guter Ehemann sein, und wenn unangenehme Fragen aufkommen, hält er garantiert ein Geschenk bereit. Zu gerne würde man vergessen, was man schon über ihn weiß, denn Ethel ist eine Frau, der man ihr bescheidenes Glück gönnt. Doch zunehmend begreifen wir, dass sie genau wie wir verdrängt, ahnt, befürchtet und vielleicht sogar Mitwisserin ist.

Ihr gehört der erste Teil dieser Mini-Serie, Evans der zweite und Christie selbst der dritte. Dabei dauert es lange, bis seine sorgsam verborgenen Geheimnisse auch für den Zuschauer sichtbar werden, denn auf diese Weise wird nachvollziehbar, warum sich alle um ihn herum haben täuschen lassen können. Wie Evans allerdings in seine Falle tappt, fordert durchaus eine gewisse Dosis Zugeständnis und vermittelt so eine Vorstellung davon, wieso Polizei und Justiz wenig bereit waren, die Geschichte des Familienvaters zu glauben. Spannend im klassischen Sinn ist das nicht wirklich, denn die Verläufe sind absehbar, dafür aber umso fesselnder im Hinblick auf die einzelnen Figuren. Das ist nicht zuletzt der Verdienst ihrer Darsteller. Tim Roth ging in seinem Bestreben um Authentizität gar so weit, durchgängig besonders leise zu intonieren, was im Original streckenweise völlige Unverständlichkeit mit sich bringt (ein Grund mehr, warum Polybands erneuter Verzicht auf deutsche Untertitel besonders ärgerlich ist). Christie hatte während des Krieges einen Gasangriff überlebt und in der Folge angeblich nicht mehr in normaler Lautstärke sprechen können. Die deutsche Synchronfassung ignoriert diesen Umstand allerdings, und in diesem Fall muss man sagen: zum Glück.

Mit Richard Attenborough in der Hauptrolle und John Hurt als Evans hatte Richard Fleischer den Fall 1971 bereits einmal verfilmt, Christies Taten dabei aber schon frühzeitig in den Vordergrund gestellt – und vor allem in relativ drastischer Weise auch gezeigt. Der Dreiteiler hält sich damit weitestgehend zurück. Nichtsdestotrotz ist ein Vergleich beider, sich in mancherlei Hinsicht ergänzender Produktionen reizvoll, zumal die spekulativen Teile der Erzählung abweichende Wege einschlagen (Christie hatte einen besonders entscheidenden Tötungsfall nie zugegeben, weshalb eine volle Rehabilitation von Evans ausbleiben musste). Welcher deutsche Titel bzw. Titelzusatz („Der Frauenwürger von London“ vs. „Der Böse“) hier allerdings das Rennen um die albernste Variante macht, lässt sich auch nach gründlicher Abwägung unmöglich entscheiden. [LZ]

OT: Rillington Place (UK 2016). REGIE: Craig Viveiros. BUCH: Tracey Malone, Ed Whitmore. MUSIK: Stuart Earl. KAMERA: James Friend. DARSTELLER: Tim Roth, Samantha Morton, Nico Mirallegro, Jodie Comer, Christopher Hatherall, Gilly Gilchrist, Sonya Cassidy, Eiry Thomas, Tim Bentinck. LAUFZEIT: 159 Min. VÖ: 27.10.2017.

Rillington Place

[Abbildungen: Polyband]

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