Revolution, Science Fiction und das Ende aller Technologie | Warum eine neue Serie von J.J. Abrams ein Paradoxon provoziert

04. November 2014

Revolution

Science Fiction kennt eine bemerkenswerte Tradition, apokalyptische Zukunftsszenarien zu entwerfen, die durch das Fehlen von Technologie glänzen. Jüngster Fall ist die von J.J. Abrams produzierte Serie „Revolution“ mit Billy Burke („Drive Angry“) und Elizabeth Mitchell („Lost“). Warum aber sollte ein Genre, das schon vom Namen her eigentlich darauf ausgerichtet ist, Technologie zu erforschen oder oftmals gar zu feiern, freiwillig auf eben diese verzichten?

Apokalyptische Szenarien gibt es seit dem 1805 veröffentlichenten Prosagedicht „Le dernier homme“ von Jean-Baptiste Cousin de Grainville (dem 20 Jahre später eine Schrift von Mary Shelly mit identischem, wenn auch englischsprachigen Titel folgte). Die Angst vor Atomwaffen, Weltkriegen, Killer-Robotern und anderem mehr hat seitdem eine Welle posttechnologischer apokalyptischer Fantasien befördert, und dieser Trend ist allzeit Seite an Seite mit der technologischen Entwicklung gewachsen. Von Karel Capeks 1920er Bühnenstück „R.U.R.“ (Rossums Universal-Robots) zu „Terminator“, „Kampfstern Galactica“ und „Real Humans“ etwa proklamiert Science Fiction den Gedanken, dass sich die Apokalypse in Form einer Roboterinvasion vollziehen könnte. In „Revolution“ hingegen naht das Ende der Welt gerade durch der Verlust aller Technologie.

Speziell in Zeiten technologischer Quantensprünge scheint es geradezu widersprüchlich, dass sich Science-Fiction für eher vorindustrielle Szenarien ausspricht. In posttechnologischer Fiktion wie „Revolution“, Walter Millers „Lobgesang auf Leibowitz“ oder der gerade in Produktion befindlichen Serie „Galyntine“ sieht die Zukunft eher wie ein Abbild der Vergangenheit aus. Die primitiven Gesellschaften dieser Beiträge wirken auf uns dabei so fremdartig wie es vermutlich die futuristischen in den frühen Tagen der Science Fiction getan haben müssen.

Posttechnologische Fiktion stellt einige wichtige Fragen über das Verhältnis zwischen Menschsein und Technologie, was vielleicht genau der Grund dafür sein mag, dass sie gegenwärtig vermehrt auftaucht. Ein apokalyptisches Szenario blickt immer auf die Natur des Menschseins – darauf, was wir tun, wenn unsere Gattung in Gefahr ist. Dabei stellt sich eine Reihe von Fragen: Welche spezifisch menschlichen Eigenschaften können die vollständige Auslöschung der Rasse verhindern? Menschen nehmen den Kampf zwar nahezu immer auf, doch wofür kämpfen wir eigentlich? Und bedeutet Technologie den Anfang oder das Ende der Zivilisation?

Die Abwesenheit aller Technologie erscheint als ideale (experimentelle) Voraussetzung, um sich der Einzigartigkeit der conditio humana zu versichern. In post-techologischer Fiktion kämpft die Menschheit um Wissen und Freiheit – Kämpfe, die uns als Rasse allzeit definiert haben. Doch anstatt den Menschen in uns einfach zu bestätigen, zwingen uns derartige Szenarien dazu, der Frage nachzugehen, wie sehr wir dazu übergegangen sind, uns in direkter Relation zur Technologie zu definieren. Denn schließlich ist sie eines jener Elemente, die uns sowohl von den Tieren als auch von unseren Vorfahren unterscheiden.

Revolution

1958 gab Aldous Huxley, Autor von „Schöne neue Welt“, zu bedenken, dass wir uns nicht vom Fortschritt unserer eigenen Technologie überrumpeln lassen dürfen. Doch möglicherweise ist genau das bereits geschehen und die apokalyptische, posttechnologische Fiktion deutet mit dem Finger drauf. Wir sind nicht nur von den Möglichkeiten unserer Technologie kalt erwischt worden, sondern auch von unserer Abhängigkeit. Technologie kontrolliert uns in Formen, derer wir uns bewusst sind, hat uns aber auch dort fest im Griff, wo wir nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken. Vor diesem Hintergrund richtet sich die wichtigste Frage von „Revolution“ (und „Galyntine“ könnte sich ähnlich entwickeln), darauf, was mit der Menschheit passiert, wenn man ihr alle Technologie wegnimmt.

Die Antwort der Serie fällt besonders trostlos aus: Alles versinkt in Anarchie. Denn während einige wenige noch Mitleid und Widerstandskraft aufbringen, lassen die meisten ihren Überlebensinstinkten freien Lauf. „Du kannst niemandem trauen“, warnt Maggie, die Mutter des Protagonisten, im Pilotfilm. „Aber sie können doch nicht alle Monster sein!“, erwidert ihr Charlie, der sich nicht so leicht überzeugen lässt. Der Rückwurf der Menschheit auf ihren primitiven Status weckt hier den Gedanken, dass es nicht die conditio humana, sondern die Technologie ist, die uns davon abhält, wieder Wilde zu werden. Kontrolliert uns die Technologie in einem Maße, dass wir ohne sie in ein Szenario gestürzt würden, das direkt dem „Herrn der Fliegen“ entstammen könnte?

Derartige Fragen richten sich auf die Bedeutung von Fortschritt und wie dieser sich von der Evolution unterscheidet. Wir tendieren dazu, Fortschritt durch wissenschaftliche Parameter zu definieren: Heilung von Krankheiten, Aussendung von Forschungssatelliten, Entwicklung von Robotern etc. Wenn wir unsere Defintion von Fortschritt jedoch auf Technologie beschränken, übersehen wir eine ganze Reihe relevanter Elemente, die uns als Menschen erst ausmachen. Während Technologie unsere Menschlichkeit bedrohen mag (so wie etwa jene Zylonen in „Kampfstern Galactica“, die vom Menschen nicht zu unterscheiden sind), gibt „Revolution“ zu bedenken, dass diese ausgerechnet dann in Gefahr ist, wenn wir unsere Technologie verlieren. Dieser Gedanke provoziert ein Paradoxon. Denn wenn Technologie in dem einem Szenario für die Apokalypse verantwortlich ist, und ihr Ausbleiben in dem anderen, lässt sich dann eine gesunde technologische Gesellschaft überhaupt aufrechterhalten?

Revolution

Wenn posttechnologische Science-Fiction zu den Szenarien unserer Vergangenheit zurückkehrt, dann bekämpft sie damit die Vorstellung, dass die Identität unserer Rasse durch technologischen Fortschritt bestimmt wird oder sein sollte. 1989, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, erklärte Francis Fukuyama das aufkommende Zeitalter zum „Ende der Geschichte“. Der exponentielle Wachstum der Technologie könnte dieselbe Vorstellung wecken – von einem Zeitalter nämlich, das sich von allen früheren so grundsätzlich unterscheidet, dass jegliche Historie irrelevant wird. „Geschichte ist Nonsens“, behauptet Mustapha Mond in „Schöne Neue Welt“ und zitiert damit Henry Ford. „Immer schön mit der Ruhe“, entgegnet die posttechnologische Science Fiction.

Eine Apokalypse macht in gewisser Weise tabula rasa, schafft Gelegenheit für einen Neustart. In „Revolution“ erregen Erinnerungen daran, wie die Welt einmal war, ein universelles Verlagen danach, den Strom sozusagen wieder anzustellen. Doch nicht jede posttechnologische Fiktion will zu alten Zuständen zurückkehren. In „Lobgesang auf Leibowitz“ bewachen Mönche technologische Aufzeichnungen, um vergangene Fehler zu verhindern und eine bessere Zukunft zu ermöglichen, in der Menschen und Technologie vielleicht einmal friedlich nebeneinander existieren können. Wenn die Apokalypse in der Science-Fiction auftaucht, kann sich die Menschheit (fast) immer aus der Asche erheben. Ob es dabei ratsam ist, die Technologie ebenso wiederauferstehen zu lassen, steht auf einem anderen Blatt. [Joelle Renstrom]

Die englische Version dieses Beitrags findet sich hier.
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[Abbildungen: NBC]

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