Saboteure im Eis: Operation Schweres Wasser | Weltkriegs-Mehrteiler aus Norwegen

03. Juni 2017

Saboteure im Eis: Operation Schweres Wasser

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Wo kommt denn diese Serie auf einmal her? Eine Reihe deutscher Schauplätze, Darsteller und hochkarätiger historischer Figuren, sowie ein nicht unerhebliches Kapitel aus dem umfangreichen Buch brauner Kriegshistorie, aber bislang keine Ausstrahlung im deutschen Fernsehen – darüber darf man sich schon wundern. Die Sachlage ist allerdings schnell erklärt, denn der norwegische 6-Teiler entstand ohne jegliche Einbindung von ARD, ZDF oder einem der einschlägigen Privatsender, und hiesige Fördergelder wurden auch nicht in Anspruch genommen. Womit sollte man da also protzen? Und als ob eine derartige Verweigerungshaltung nicht schon peinlich genug wäre, ist „Saboteure im Eis“ auch noch deutlich besser als das meiste, was hierzulande in Form hausgemachter Mehrteiler über die Bildschirme flimmert.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Hitlers Uranprogramm, für das sich führende deutsche Wissenschaftler ab 1939 mit dem Aufbau eines Kernreaktors und der (zumindest theoretischen) Entwicklung von Kernwaffen beschäftigten. Entscheidendes Element dabei: Deuteriumoxid, besser bekannt als „Schweres Wasser“, zum damaligen Zeitpunkt in größeren Mengen nur von einer norwegischen Kunstdüngerfabrik zu bekommen (ironischerweise ein Nebenprodukt). Zunächst kann Frankreich dem Kriegsgegner alle Bestände vor der Nase weggeschnappen, doch als die Deutschen das Land besetzen, wird der exklusive Zugriff auf die Gesamtproduktion zur Formsache. Dem Rest der zivilisierten Welt kann diese Entwicklung kaum gefallen und so organisieren England und der norwegische Exil-Widerstand unter Leitung des Chemikers Leif Tronstad eine Geheimoperation zur Zerstörung der Fabrik.

Saboteure im Eis: Operation Schweres Wasser

Die Ereignisse sind nicht so unbekannt, wie es uns das Marketing weismachen will, und „Saboteure im Eis“ ist auch keineswegs ihre erste Verfilmung. Eine frühere norwegische Produktion entstand zwar bereits 1948, doch wirklich populär behandelt wurde der Stoff erst mit Anthony Manns letztem Spielfilm „The Heroes of Telemark [dt.: Kennwort Schweres Wasser]“ von 1965. Kirk Douglas und Richard Harris verkörpern dort einen Physiker und einen Widerstandskämpfer, die beide sicherlich von Tronstad inspiriert wurden, insgesamt aber frei erfunden sind. Auch sonst nimmt es der Film (den es in Deutschland übrigens bis heute nur in einer um mehrere Minuten gekürzten Fassung zu sehen gibt) mit den historischen Abläufen nicht allzu genau, sondern setzt in erster Linie auf eine kernige und actionreiche Heldengeschichte. Dass dabei kein einziger norwegischer Schauspieler zum Einsatz kommt, braucht kaum extra erwähnt zu werden – auch eine Form typischen Hollywood-Whitewashings, in diesem Fall ausnahmsweise mal farbidentisch.

Die rund viereinhalbstündige Serie, in Norwegen ein echter Quotenbringer, könnte von Manns heute fast vergessenem (aber durchaus sehenswertem) Kriegswestern kaum weiter entfernt sein. Denn trotz einiger dramatischer Überhöhungen, Verkürzungen und Assimilationen stehen doch alle Zeichen auf weitesgehender historischer Akkuratesse. Dass der deutschen Seite dabei ein bemerkenswert großer und erstaunlich ausgeglichener Raum eingeräumt wird, spricht für die Intention der Macher, die Zusammenhänge begreiflich zu machen und simple Schwarzweiß-Zeichnungen zu vermeiden. Erstaunlicherweise bleibt dabei ausgerechnet Tronstad, mehr oder weniger der Protagonist und Sympathieträger der Serie, die blasseste und eindimensionalste Figur.

Wesentlich faszinierender gerät hingegen der deutsche Physiker Werner Heisenberg, der nicht zuletzt dank seiner schillernden Darstellung durch Christoph Bach (zuletzt als Paul Ehrlich in Sönke Wortmanns ARD-Serie „Charité“ zu sehen) rasch zur heimlichen Hauptfigur wird. Vielschichtig und ambivalent zeigt die Serie den Nobelpreisträger, der sich zwar weigert, der NSDAP beizutreten und dem Nonsens der sogenannten „Deutschen Physik“ zuzustimmen, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen aber im Land bleibt und dem Ruf des Heereswaffenamts nicht nur gerne folgt (um der Verlegung an die Front zu entgehen?), sondern sich bei seinen kernphysikalischen Forschungen im Dienste des Führers auch mächtig ins Zeug legt. Den kommissarischen Leiter des zuständigen Instituts (Inbild des unterbegabten Mitläufers in Machtposition: Andreas Döhler, „Die Hände meiner Mutter“) stellt er jedenfalls öffentlich als kleines Licht bloß und übernimmt schon bald dessen Posten.

Saboteure im Eis: Operation Schweres Wasser

Niemand in dieser Geschichte ist so schwer zu greifen wie Heisenberg. Moralfreier Kriegsgewinnler, cleverer Trickser oder blinder Mitläufer – da kann man sich nur schwerlich festlegen, zumal sich der Fokus beständig verschiebt. Das berühmte Treffen 1941 mit Niels Bohr in Kopenhagen, über das der britische Schriftsteller Michael Frayn ein ganzes Bühnenstück verfasst hat, lässt einen ebenso ratlos zurück wie ein Auftritt Heisenbergs vor gewichtigen Uniformträgern, denen er von den apokalyptischen Kräften einer Uranbombe vorschwärmt – und im Anschluss den moralischen Bedenken seiner Frau entgegenhält, dass man Risiken (in diesem Fall die Vernichtung Londons) eben einkalkulieren müsse und nun endlich alles so gemacht werde, wie er es wolle.

Die Figurenzeichnung dieser bis heute umstrittenen historischen Gestalt ist so elektrisierend, dass der Rest der Serie immer wieder unterzugehen droht. Eine Menge Zeit wird deshalb in die Vorbereitung der Geheimoperation(en) investiert, ein interessanter Charakter auf Seiten der Briten dazuerfunden (Anna Friel, „Pushing Daisies“) und ein dritter Handlungsstrang um den Fabrikleiter ausgebreitet, der das Interesse der Deutschen als willkommene Karrierechance begreift und so zur Heisenberg-Variante mit anderen Vorzeichen wird. In beiden Fällen übernehmen interessanterweise die Ehefrauen die Rolle des personifizierten Gewissens, wohingegen Tronstad seine Familie einfach zurücklässt und über Jahre hinweg nicht zu Gesicht bekommt (zudem einem außerehelichen Verhältnis nicht abgeneigt ist).

Ihren komplexen Stoff bekommt die Serie gut in den Griff (unter den Autoren: Adam Price, „Borgen – Gefährliche Seilschaften“), umschifft die üblichen Nazi-Klischees weitestgehend und sieht insgesamt einfach gut aus. In Norwegen wird eben qualitativ hochwertiges Fernsehen gemacht, da darf man ruhig neidisch werden – oder besser noch: sich ein Beispiel nehmen. [LZ]

OT: Kampen om tungtvannet (NO 2015). REGIE: Per-Olav Sørensen. BUCH: Lars Kristian Andersen, Mette M. Bølstad, Michael W. Horsten, Adam Price, Petter S. Rosenlund. MUSIK: Kristian Eidnes Andersen. KAMERA: John Christian Rosenlund. DARSTELLER: Espen Klouman Høiner, Christoph Bach, Dennis Storhøi, Anna Friel, Maibritt Saerens, Pip Torrens, Andreas Döhler, Rolf Kristian Larsen, Peri Baumeister. LAUFZEIT: 270 Min. VÖ: 26.05.2017.

Saboteure im Eis: Operation Schweres Wasser

[Abbildungen: Pandastorm Pictures]

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