RESIDENT EVIL: RETRIBUTION | Filmkritik

20. September 2012

Resident Evil 5

Kurz nachdem der mittlerweile fünfte Teil der ungebrochen erfolgreichen Reihe um die Kampfamazone Alice in einer von Untoten überrannten Welt offiziell grünes Licht bekommen hatte, wandte sich Hauptdarstellerin Milla Jovovich auf Twitter an ihre etwa eine Million Follower und fragte sie nach ihren Wünschen für den Film. Die Fans nutzten die Gelegenheit und produzierten fleißig 140-Zeichen-Nachrichten. Wie groß der Einfluss dieser Aktion im Nachhinein tatsächlich gewesen sein mag, lässt sich schwerlich ermessen. Der fertige Film jedenfalls sieht zumindest so aus, als sei auf der kollektiven Wunschliste eine Menge abgehakt worden – Abstrusitäten wie die Reaktivierung von Michelle Rodriguez, deren Figur bereits im ersten Teil das Zeitliche gesegnet hatte, könnten fraglos dazu gehören.

Aber auch sonst bietet „Resident Evil: Retribution“ (mit einem Titelzusatz, der wie immer völlig beliebig ist) vor allem fanfreundliche Inhalte, mit denen der Neueinsteiger nur eingeschränkt etwas anfangen kann. Das soll nicht heißen, dass es in den kurzen Pausen zwischen zwei Action-Sequenzen sonderlich viel zu verstehen gäbe, um dem Minimum an Handlung folgen zu können. Doch die Tatsache, dass sich immer wieder Elemente auf frühere Teile der Serie beziehen, lässt sich auch für den uneingeweihten Zuschauer nicht übersehen. Und so wendet sich Alice in echter Durchbrechung der vierten Wand zu Beginn direkt an den Zuschauer und blickt noch einmal auf wesentliche Eckpunkte der Vorgängerfilme zurück.

Episches Theater ist nun wirklich das letzte, was man in diesem Franchise nach der beliebten Videospielreihe gleichen Namens erwarten würde, aber hier rechtfertigt der Zweck halt die Mittel. Und so schweben für ein paar Minuten gerahmte Bildsequenzen durch den luftleeren Raum, anhand derer Alice ihren Werdegang seit Ausbruch des T-Virus Revue passieren lässt. Für den dreidimensionalen Effekt ist das eine schicke Idee, und das gilt auch für das meiste andere, was es im ersten Drittel des Films zu sehen gibt. Danach flacht die Wirkung deutlich ab, und man mag sich gar versucht fühlen, die Brille einfach von der Nase zu nehmen.

Resident Evil 5

Doch zurück zum Anfang, denn der ist furios und mit Abstand das Beste, was Paul W.S. Anderson seit „Event Horizon“ auf die Leinwand gebracht hat. Wer den vorigen Teil „Resident Evil: Afterlife“ gesehen hat, wird sich am Schluss mit einigem Recht gefragt haben, wie wohl der nächste Film mit den finalen Einstellungen umgehen und glaubwürdig anschließen würde. Die Antwort ist, das muss man neidlos anerkennen, ebenso brillant wie verblüffend, und es dauert ein paar Sekunden, bis man begriffen hat, was da auf der Leinwand gerade vor sich geht. Unter Einsatz von Super-Slowmotion spult der Film sein Opening in einer minutenlangen Rewind-Sequenz einfach bis zum Schlussbild des Vorgängerfilms zurück und legt dann erst den Vorwärtsgang ein.

Danach folgt der Flashback für den Zuschauer, im Anschluss eine Traum- oder Erinnerungssequenz und schließlich Alice, die durch Simulationen früherer Schauplätze hechtet und dabei reihenweise Untote niedermetzelt. Das sind eine Menge unerwarteter Wendungen nacheinander, die zwar keinen rechten Sinn ergeben, dafür aber eine filmische Achterbahnfahrt in lupenreinem 3D liefern. Doch das Tempo derartiger Hakenschläge hält Andersons Drehbuch über die ganze Distanz hinweg keineswegs durch. Nach etwa einer halben Stunde gehen dem Film die Ideen aus, und es folgt eine Menge Business-as-usual, bei dem der dreidimensionale Effekt merklich verpufft.

Alice muss sich (warum auch immer) durch eine virtuelle unterirdische Welt kämpfen, begegnet dabei unterschiedlichen Klonfassungen früherer Weggefährten, Gegner oder gar ihrer eigenen Tochter und muss sich neben jeder Menge Zombies auch mit der einen oder anderen Kreatur aus den Videospielen herumschlagen. Milla Jovovich sieht erwartungsgemäß fantastisch aus und beherrscht jede Pose in Perfektion. Wenn ein Angreifer auftaucht, wird erst einmal aus vollem Rohr gefeuert und nur im Notfall auf (exzellent choreographierten) Körpereinsatz zurückgegriffen. Am Schluss ist Alice noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, doch bevor der Film sich in die Schwarzblende verabschiedet, zeigt er noch schnell das ganze Ausmaß dessen, womit sie sich im nächsten Teil der Serie abmühen muss.

Viel mehr gesagt wäre zuviel gesagt, denn „Resident Evil: Retribution“ ist reinste Konsumware ohne doppelten Boden. Dagegen ist nichts einzuwenden, und die Fans des Franchise (nicht unbedingt deckungsgleich mit den Gamern) haben sich bei Anderson und Team bereits mit einem ansehnlichen US-Startwochenende bedankt. Dass die Macher hemmungslos im Genre-Fundus wildern und sich überall ausgiebig bedienen, wo sich gerade etwas Passendes finden lässt („Aliens“, „I, Robot“, „Matrix“, „The Walking Dead“, „Cube“ etc), sollte man bestenfalls mit einem Schulterzucken abhaken. Fortsetzung folgt. [LZ]

Resident Evil 5

OT: Resident Evil Retribution (DE/CA 2012). REGIE/BUCH: Paul W.S. Anderson. KAMERA: Glen MacPherson. MUSIK: tomandandy. DARSTELLER: Milla Jovovich, Sienna Guillory, Bingbing Li, Michelle Rodriguez, Boris Kodjoe, Kevin Durand, Oded Fehr, Shawn Roberts, Aryana Engineer. LAUFZEIT: 95 Minuten.

Resident Evil 5

Resident Evil 5

[Abbildungen © 2012 Constantin Film Verleih GmbH]

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