Ray Donovan: Zweite Staffel als deutsche Free-TV-Premiere auf ZDFneo

07. Juli 2015

Ray Donovan | Staffel 2

Dass der Erfolg von US-Serien nichts, aber auch rein gar nichts über ihre Rolle als Quotengarant im hiesigen Free-TV aussagt, ist ebenso bitter wie bezeichnend: Die Privaten halten eine Ausstrahlung ohne ausreichenden Zuspruch der werberelavanten Zielgruppe nicht lange durch und setzen gnadenlos ab. Die Öffentlich-Rechtlichen knicken schon vorab ein und verbannen ihre Einkäufe ins Nachtprogramm. „Ray Donovan“, für Showtime immerhin die Eigenproduktion mit dem erfolgreichsten Serienstart der Sendergeschichte, fand im ZDF gänzlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die zweite Staffel ist jetzt direkt beim Experimentierkanal ZDFneo gelandet und da auch bestens aufgehoben.

Das Programmumfeld stimmt und um Quoten schert sich dort (erfreulicherweise) sowieso niemand. Dass die prominent besetzte Serie dabei völlig unter dem Radar bleibt und die breitere Zielgruppe, die sie eigentlich verdient, niemals erreichen kann, steht weiterhin auf einem anderen Blatt. In den USA jedenfalls ist bereits die dritte Staffel angelaufen und eine vierte steht in Aussicht. Ein Grund mehr, den Genre-Zwitter aus Crime, Soap und schwarzer Komödie – falls noch nicht geschehen – dringend zu entdecken.

Titelgeber Ray Donovan (Liev Schreiber) ist ein Cleaner, ein Janitor, ein Troubleshooter. Im Gangsterslang geht er als „Fixer“ durch, doch das wäre im Deutschen eher missverständlich. Er arbeitet in der gleichen Branche wie George Clooney als Michael Clayton, nur ist er weniger zimperlich. Im Auftrag einer großen Anwaltskanzlei (unter Leitung von Elliott Gould) zieht er Hollywood-Aufsteiger und –Abstürzler aus dem Sumpf, den sie sich selber eingebrockt haben. Bestechungsgelder und Erpressereien gehören dabei zu seinem Tagesgeschäft.

Alles läuft gut, bis sein verhasster Vater Mickey (Jon Voight in der Rolle seines Lebens) frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird. Jahre zuvor hatte Ray ihm einen Mord in die Schuhe geschoben, jetzt muss er ihn dringend loswerden. Doch Mick, ein alter Kindskopf mit beschränktem Einfühlungsvermögen und hoffnungslos überhöhten Ambitionen, lässt sich nicht so leicht vom Spielfeld stoßen. Sein alter Rivale „Sully“ Sullivan (James Woods), aktuell der meistgesuchte Kriminelle Kaliforniens, soll als Auftragskiller aushelfen und Mick ins Jenseits befördern. Doch am Ende geschieht genau das Gegenteil und der alte Donovan rettet Ray tatsächlich das Leben.

Ray Donovan | Season 2 | Jon Voight

Staffel 2 setzt ein paar Wochen später wieder ein. Mick hat sich nach Mexiko abgesetzt und genießt sein unbeschwertes Rentnerdasein zwischen Strand, Tequila und Putas, während sich das FBI die Exekution von Sunny auf die Fahnen schreibt. Als eine Ballistikuntersuchung allerdings aufweist, dass die tödliche Kugel keineswegs von dem bis dato verantwortlich zeichnenden Bundesagenten (steht auf Donovans Schwarzgeldliste) abgefeuert wurde, gerät Ray unter Druck durch den stellvertretenden Chef der Behörde, Ed Cochran (Hank Azaria), und muss Mick innerhalb von 24 Stunden herbeischaffen.

Damit nicht genug: An privater Front hat er seiner Frau Abby (Paula Malcomson, „Sons of Anarchy“) die Teilnahme an einer Eheberatung zugesagt, die er jedoch eher mit genervtem Desinteresse absolviert. Sein Sohn Conor wird erneut gewalttätig gegen einen Mitschüler (ein wiederkehrendes Problem aus der ersten Staffel) und einer von Rays Klienten steigt mit einer (minderjährigen?) „American Idol“-Kandidatin ins Bett – was dank der eifersüchtigen Ehefrau in einer unkontrollierten Schießerei endet. Es gibt also jede Menge zu tun für den ohnehin vielbeschäftigen Problemlöser mit hohem Sexdrive und ebenso hohem Gewaltpotential.

Doch so sehr Folge 1 bereits erprobte Muster neu variiert, ist doch keineswegs alles beim Alten geblieben. Das betrifft vor allem Rays Verhältnis zu Mick. Denn auch wenn ihm sein Vater weiterhin ein Dorn im Auge bleibt, hat sich der Hass doch merklich abgekühlt. Blut ist bekanntlich dicker als Wasser und im Hause Donovan gilt das nicht weniger als bei den Corleones oder Sopranos (denen die Serie einiges zu verdanken hat). Die gesamte Staffel über wird die Mauer zwischen Ray und Mick zunehmend bröckeln, zumal vor allem Conor dem Großvater merklich nahe steht. Darüber hinaus schweißen gemeinsame Feinde zusammen, und da kommt Cochran gerade recht (der auch nicht davor zurückschreckt, Donovan-Tochter/Enkelin Bridget als Druckmittel einzusetzen).

Mick ist weiterhin der heimliche Star der Serie und so bekommt er eine Menge zusätzlicher Tiefendimension verpasst, was Voight die Möglichkeit bietet, seine Figur noch eine Stufe ausführlicher auf dem schmalen Grad zwischen Spielkind und Cartoon balancieren zu lassen. Wenn er seinen unehelichen, zudem farbigen Sohn Daryll (unter dem Kampfnamen El Negro!) im Boxring gegen einen übermächtigen Gegner antreten lässt, um gegen ihn wetten und ordentlich abkassieren zu können, ist das objektiv betrachtet eine unverzeihliche Schweinerei. Einzig der Zuschauer kann es Mick nicht übel nehmen, sondern erliegt seinem auf gewisse Weise naiven Gangstercharme – und das immer wieder.

Ray Donovan | Season 2 | Jon Voight, Pooch Hall

Dass er zudem neuerdings im Alkohol- und Marihuana-Rausch sprechende Delphine sieht, die ihm erklären, dass er kein einfacher Matrose, sondern vielmehr Kapitän sei (eine Zeile aus „La Bamba“ und zugleich Titel der Episode), schraubt seinen Skurrilitätsgrad noch ein paar Umdrehungen weiter nach oben. Eine andersgeartete Humordimension fügt FBI-Chef Cochran dem Ensemble hinzu, denn Hank Azaria legt die durchweg korrupte und karrierefixierte Figur mit komödiantischer Zurückhaltung an und bildet so einen Gegenpol zu Voights gut dosiertem Overacting. Und da seine Ehefrau von Sherilyn Fenn (Audrey Horne aus „Twin Peaks“) verkörpert wird, steht zu vermuten, dass auch diese Figur langfristig eine nicht unbedeutende Rolle spielen dürfte.

In Folge 1 nur angedeutet werden die weiterverfolgten Handlungsstränge um Rays Brüder Terry (Eddie Marsan mit allzeit erschreckendem Parkinson-Tremor) und Bunchy (Missbrauchsopfer mit sexueller Anorexie). Dass sich aber gerade Terry mit seiner verünglückten Liebesbeziehung zu einer Krankenschwester, die um einen Mord durch die Donovan-Brüder weiß, zum echten Problem entwickeln wird, deuten eine einzige Szene und das allzeit nuancierte Spiel Marsans bereits deutlich an.

Brüder, Väter, Söhne, Töchter, Ehefrauen – in „Ray Donovan“ dreht sich alles um die Familie, und die kennt nur ein Oberhaupt. Bewaffnet mit einem Baseballschläger zieht Ray am Ende los, um Mick aus seiner mexikanischen Idylle herauszuprügeln und zurück nach L.A. zu bringen. Und ganz sicher auch, um ihm in aller Deutlichkeit vorzuführen, wer aus seiner Sicht der Kapitän ist. [LZ]

Ray Donovan: Season 2. 12 Episoden.
Ab dem 07. August jeden Dienstag in Doppelfolge um 22.30 Uhr auf ZDFneo.

Ray Donovan

[Abbildungen: ZDF/Suzanne Tenner (Stills) | ZDF/Jeff Riedel (Gruppenbild)]

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