Filmkritik: RAPUNZEL (Tangled)

11. Dezember 2010

Rapunzel | Tangled | Filmkritik

Das hätte Walter Elias D. gefallen. Am Tag seines 109. Geburtstags stößt ausgerechnet der 50. abendfüllende Animationsfilm aus dem Hause Disney den modernen Märchenprinzen Harry Potter vom Thron der US-Kinocharts. Nach Jahren des Darbens und harter Konkurrenz (mit Pixar nicht zuletzt auch aus dem eigenen Haus) hat das klassische Zeichentrickmärchen entgegen aller vorgefertigten Nachrufe bewiesen, dass sich der Zeitgeist offenbar doch zurückgewinnen lässt. Die Tatsache allerdings, dass „Rapunzel (Tangled)“ die zweitteuerste Produktion der Filmgeschichte geworden ist, sagt auch einiges über den Aufwand aus, der dazu nötig war.

Filmkritik: RAPUNZEL (Tangled)
Strictly Disneyfied.

Mal ehrlich, liebe Marketingprofis von Disney Deutschland, findet Ihr das selber lustig? Oder haltet Ihr das hiesige Publikum mittlerweile für so dermaßen verblödet, dass sich kein Film mehr ohne Titelzusatz auf dem Humorniveau eines geistig minderbemittelten Achtjährigen verkaufen lässt? Und überhaupt: Neu verföhnt – was soll das heißen? Habt Ihr bemerkt, dass in der Geschichte gar kein Fön vorkommt? Und dass es in einer mittelalterlichen Märchenwelt wie dieser nicht einmal Elektrizität gibt? Steht „verföhnt“ vielleicht für „versöhnt“ mit Sprachfehler? Oder habt Ihr Euch am Ende einfach überhaupt nichts dabei gedacht?

Nun, es wird auf diese dringlichen Fragen vermutlich keine Antworten geben. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Titelwahl für den 50. abendfüllenden Spielfilm aus der Entenhausener Animationsschmiede auch im Heimatland nicht ganz unproblematisch verlief. In der Pressefassung noch wirft sich der Schriftzug „Rapunzel“ ganz unbedenklich über die bunten Bilder, doch offenbar hat man kurz darauf die Notbremse gezogen und sich mit „Tangled“ auf neutraleres Gebiet begeben. Als Erklärung naheliegend ist dazu die These, dass man nicht am Ende wieder vor demselben Problem stehen wollte wie beim Vorgänger „Küss den Frosch (The Princess and the Frog)“, dessen Einspielergebnisse kaum die gesteckten Ziele erreicht hatten. Im Hause Disney machte man dafür schlicht die titelgebende Prinzessin verantwortlich. Sie hätte eben ausschließlich junge Mädchen ins Kino gelockt. Also verschob man für „Tangled“ den Fokus und rückte die männliche Hauptfigur verstärkt in den Mittelpunkt der Vermarktung.

Rapunzel | Tangled

Ob darin aber tatsächlich der Grund für den beachtlichen Erfolg des Films an den US-Kinokassen liegt, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass kein Disney-Animationsabenteuer der letzten Jahre so frisch, unverkrampft und gutgelaunt daherkam wie „Tangled“. Doch viel auffälliger noch sind die gelungene Rückbesinnung auf die traditionellen Stärken und der gänzliche Verzicht auf halbgare Versuche, der wachsenden Konkurrenz nachzueifern. Das erste Jahrzehnt der 2000er Jahre jedenfalls war in erster Linie von echter Orientierungslosigkeit bestimmt, nicht zuletzt ausgelöst durch den katastrophalen finanziellen Misserfolg von „Home on the Range“ (2004). Eine gänzliche Abwendung vom traditionellen Animationsfilm sollte die Lösung bringen, führte stattdessen aber zu echten Tiefpunkten wie „Chicken Little“ (2005) oder „Meet the Robinsons“ (2007).

Erst mit der Obama-Version des Froschkönigs von 2009 kam man bei Disney wieder zu sich und machte der unseligen All-CG-Strategie ein Ende. Ein europäisches Märchen im modernen Gewand und ohne die üblichen Sadismen des Originals brachte den Wandel und erinnerte daran, dass man genau dieses Genre ja 1937 einmal erfunden hatte. „Tangled“ schließt dort nun an und legt mit dem wiedergewonnenen Selbstbewußtsein der Micky Mäuse noch merklich eins drauf. Wer jedenfalls glaubte, bei Dreamworks habe man mit den „Shrek“-Filmen nicht nur eine eigene Marke geschaffen, sondern auch der geschmeidigen Disneyfizierung Grimmscher Volksdichtung den Hahn abgedreht, sieht sich im Irrtum.

Selbstredend hat die „Tangled“-Variante der klassischen Rapunzel-Geschichte nur wenig mit dem Original zu tun. Geblieben ist lediglich das Mädchen mit dem magischen langen Haar, das in einem Turm gefangen gehalten wird, doch im Wesentlichen war es das auch schon. In der Fassung von Drehbuchautor Dan Fogelman, auf dessen Konto unter anderem Pixars „Cars“ und die Weihnachtskomödie „Fred Claus (Die Gebrüder Weihnachtsmann)“ gehen, wird aus der ursprünglich von jeder Menge wenig familientauglicher Grausamkeit bestimmten Geschichte ein gutgelauntes und temporeiches Abenteuer mit Verfolgungsjagden, wie sie sonst nur Indiana Jones besteht.

Rapunzel | Tangled

Die beiden Regisseure Nathan Greno und Byron Howard (eingesprungen für Disney-Veteran Glen Keane, der sich aus gesundheitlichen Gründen auf die Rolle des Supervisors beschränkte) entstammen der hauseigenen Animationsabteilung, und das tut dem Film sichtbar gut. Die gut ausbalancierte Kombination aus klassischem Zeichentricklook und modernem CGI ist fantastisches Eye-Candy und wirkt doch zu keinem Zeitpunkt überperfektioniert. Orientiert habe man sich an der Malerei des französischen Rokoko (speziell Jean-Honore Fragonard), doch das ist dem Zuschauer selbstredend ziemlich gleichgültig. Als animatorische Meisterleistung erweist sich vor allem Rapunzels meterlange Haarpracht, in deren Textur immense Arbeit gesteckt wurde, ohne jedoch den Fehler zu begehen, allzu sehr auf Fotorealismus zu setzen. Die Ästhetik von „Tangled“ ist durchweg traditioneller Disney-Stil, und dafür kann man den Machern kaum dankbar genug sein.

Zur Rückbesinnung auf alte Stärken gehört auch die Wiederbelebung der einst höchst erfolgreichen Zusammenarbeit mit Komponist Alan Menken – damals ebenfalls ein Opfer der Konzernpolitik nach „Home on the Range“ (wie unklug das war, bewies der Erfolg des Hybridfilms „Enchanted“, zu dem Menken einige Songs beigesteuert hatte). „Tangled“ glänzt mit schmissigen Nummern wie „Mother knows best“ oder „I’ve got a Dream“ (zudem eine der lustigsten Sequenzen des Films) und eingängigen Schmachtfetzen, die ausgiebig zuviel des Guten bieten und sich genau deshalb perfekt ins immer bunte und manchmal eben auch süßliche Treiben des Films einpassen. Für den symphonischen Soundtrack hat sich Menken ganz zurecht uneingeschränkt auf seinen Orchestrator Kevin Kliesch verlassen, der als Vorgabe lediglich zwei Klavierspuren hatte und daraus eine schwelgerische Klangfantasie geschaffen hat, wie sie im Gegenwartskino selten geworden ist.

Zudem bietet „Tangled“ eine der besten 3D-Conversionen, die es im Animationskino bisher zu sehen gab. Frühere Versuche von Disney selber (etwa „Bolt“) konnten mit dem Effekt eher wenig anfangen. Hier jedoch wird er zum Stilmittel der Inszenierung, und das tut dem Film sichtbar gut. Wenn gegen Ende ein romantisch-kitschiger Lichterregen die Szenerie erfüllt, bekommt man gar ein Gefühl dafür, wie sehr die dreidimensionale Technik auf dem besten Weg ist, völlig neue Seh-Erfahrungen im Kino zu entwickeln. Es wird sich zeigen, ob Disney hier auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielt. [LZ]

OT: Tangled (USA 2010). REGIE: Nathan Greno, Byron Howard. BUCH: Dan Fogelman. MUSIK: Alan Menken. DARSTELLER: Mandy Moore, Zachary Levy, Donna Murphy, Ron Perlman, Richard Kiel. LAUFZEIT: 100 Minuten.

Rapunzel (Tangled) | deutsches Filmplakat

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