Mea Culpa: Quentin Tarantinos Weinstein-Geständnis ist ein Fall von klassischer Krisen-PR

21. Oktober 2017

Quentin Tarantino

[Lesedauer: ca. 8:30 Minuten]

Er kann einfach nichts in Bescheidenheit tun. Selbst im Fall des üblen Bekenntnisses, über Jahrzehnte hinweg stiller Mitwisser von Harvey Weinsteins sexuellen Übergriffen gewesen zu sein, muss sich Quentin Tarantino einen großen Auftritt zurechtinszenieren. Zunächst hatte er beharrlich geschwiegen, dann mitteilen lassen, den Schock erst ein paar Tage verarbeiten zu müssen, und schließlich ein Interview mit der New York Times geführt [1], dessen Sensationscharakter abschätzbar war – durchdacht und geplant wie ein Drehbuch von Big Quentin himself. Tatsächlich steckt dahinter aber vor allem eine Form von Kalkül, die Kommunikationsexperten als Krisen-PR kennen. Denn Tarantinos Mea Culpa ist wahlweise ein strategischer Schachzug zur Schadensbegrenzung oder ein manipulativer Versuch, den eigenen Kopf aus der eng anliegenden Schlinge zu ziehen.

„I knew enough to do more than I did“, zitiert ihn die New York Times vom 19. Oktober. Ja, es sei mehr gewesen als das übliche Gerede. Er habe gewusst, dass Weinstein einige der Dinge getan hätte, die ihm jetzt vorgeworfen werden. Heruntergespielt habe er die betreffenden Fälle, sie als leichtes Fehlverhalten gewertet („mild misbehaviour“). Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, erst recht angesichts des Ausmaßes, das die Sache mittlerweile angenommen hat. Und er setzt noch eins drauf: Er habe das Bild eines Männertypus aus den 50ern und 60ern vor Augen gehabt, das Bild des Chefs, der seiner Sekretärin am Arbeitsplatz nachsteigt. So spricht jemand, der immer schon ein Faible für den klassischen „Badass“ gehabt hat. Tarantinos Urteilsvermögen speist sich offenbar in der Hauptsache aus der voluminösen Filmsammlung in seinem Kopf.

Seiner späteren Freundin Mira Sorvino sei Weinstein einst mit der inzwischen bekannten Masche aus Massageangeboten im Hotelzimmer und aggressiven Annäherungsversuchen auf den Leib gerückt, doch nach dem ersten Entsetzen habe Tarantino das als Grenzüberschreitungen eines liebestollen Don Juans gewertet. Als eine andere Kollegin ihm von fragwürdigen Avancen des Produzenten berichtet hätte, habe er ihn mit den Vorwürfen konfrontiert und eine halbgare Entschuldigung erwirkt. Ja, auch von Rose McGowans außergerichtlicher Einigung habe er gewusst (die Schauspielerin wirft Weinstein vor, sie vergewaltigt zu haben). Dazu sagt er aber sonst nichts – zumindest bietet die Times kein weiteres Zitat. Lieber wechselt er in den Konjunktiv: Rückblickend wünsche er sich, Verantwortung für die Dinge übernommen zu haben, von denen er wusste. „Hätte ich getan, was ich hätte tun sollen, dann hätte ich nicht mit ihm arbeiten dürfen.“

Tarantino ist geständig und reumütig. So jedenfalls sieht es aus. Er verurteilt sich selbst, er verurteilt Weinstein, betont aber auch die enge Vater-Sohn-Beziehung zu ihm. Und er fordert – nämlich einen grundsätzlichen Wandel und holt dabei weit aus: Hollywood habe wie in einem System der Rassendiskriminierung operiert, das von den Männern der Zunft nahezu toleriert worden sei. Und er zeigt mit dem Finger auf andere: Jeder in Weinsteins engerem Umfeld habe zumindest von einem der Fälle gewusst, die den Stein jetzt ins Rollen gebracht haben. Sie alle sollten genau wie er ebenfalls an die Öffentlichkeit treten, zugeben, dass „etwas faul gewesen sei im Staate Dänemark“ und schwören, sich Frauen gegenüber zukünftig besser zu verhalten („Vow to do better by our sisters“).

Amen, möchte man hinzufügen, denn aus dem Sünder ist am Ende doch noch ein Prediger geworden. Einer, der seine Fehler bereut, zu Gott gefunden hat und nun andere ebenfalls ins Licht führt – ein Topos, den das Kino in allen erdenklichen Varianten hundertfach durchgespielt hat, und der zur DNA eines jeden Fernseh- und Jahrmarktpredigers gehört. Nichts liebt Amerika so sehr wie Bekehrungsgeschichten. „Bekenne!“ scheint Tarantino den anderen stillen Mitwissern am Ende zuzurufen, und: „Werde ein besserer Mensch!“ – Man kann hier in zweierlei Weise reagieren, und zwar entweder darauf reinfallen oder sich übergeben. Wer sich für ersteres entscheidet, soll in Ruhe weiter den Schlaf des Gerechten schlafen und sich dabei mit Tarantinos Filmografie zudecken. Für alle anderen gilt: Das Geständnis von Harvey Weinsteins cineastischem Ziehsohn wirkt zwar so appetitlich wie ein Big Kahuna Burger, ist aber genauso nur Teil eines fein säuberlich ausgearbeiteten Narrativs und deshalb völlig unverdaulich. Was man hier in Wahrheit geboten bekommt, ist ein Bilderbuchbeispiel für gut ausgearbeitete Krisen-PR, und die Regeln sind sauber befolgt.

1. Verschaffe dir Zeit und beobachte die Lage

Am 5. Oktober hatte die New York Times erstmals über Weinsteins Praxis berichtet, Opfer seiner sexuellen Attacken per außergerichtlicher Einigung ruhiggestellt zu haben [2]. Am 10. Oktober hatte der New Yorker (übrigens ausgerechnet in Gestalt von Mia Farrows Sohn Ronan) mit zahlreichen Beispielen nachgelegt [3]. Wer jemals enger mit dem übermächtigen Produzenten zusammengearbeitet hatte, wusste spätestens jetzt, dass er sich früher oder später würde äußern müssen – und das heißt vor allem: distanzieren. Doch dem Druck schnell und unüberlegt nachzugeben, erwies sich rasch als Fehler (prominentestes Beispiel: Ben Affleck). Die bessere Strategie: sich Zeit verschaffen, die Lage beobachten und in aller Ruhe die eigene Vorgehensweise durchzuplanen.

Tarantino machte das recht clever, ließ die Schauspielerin Amber Tamblyn am 12. Oktober in seinem Namen via Twitter ein kurzes Statement verbreiten, das von seinem gebrochenen Herzen und der Notwendigkeit handelte, die Nachrichten, eigenen Gefühle und Erinnerungen erst verarbeiten zu müssen, bevor er sich äußern könne [4]. Damit war er aus der Schusslinie. Zusätzlich klug die Entscheidung, einen Boten oder noch besser eine Botin zu benutzen, um seine Aussage zu verbreiten. Dass er diese Taktik auch später beibehalten und sich nicht selber an die Öffentlichkeit gewendet hat (der Artikel in der Times wurde von der Journalistin Jodie Kantor verfasst), macht ihn unverletzlicher und weniger angreifbar. Das sollte sich übrigens jeder merken, der einmal in einer ähnlichen Lage steckt: Gefilterte Bekenntnisse sind immer sicherer, da für den Leser bereits abgefedert. Wer hingegen direkt in die Kamera blickt, setzt sich ohne Deckung den Schlägen seiner Kritiker aus.

Wie auch immer: Tarantino hatte Zeit gewonnen und konnte nun (vermutlich zusammen mit seinem Beraterstab) genau verfolgen, wie auf Statements anderer reagiert wurde, und präzise ausarbeiten, was er schließlich sagen würde und wie. Dabei wird ihm die Twitter-Timeline von Rose McGowan die wichtigste, weil furchteinflößendste Quelle gewesen sein. Die Schauspielerin hatte bereits vor einem Jahr in einem kryptischen Tweet über ihre Vergewaltigung geschrieben und dabei einen kaum missverständlichen Bezug zu ihrem damaligen Lebensgefährten Robert Rodriguez hergestellt. Für ihn und seinen langjährigen Freund Tarantino hatte sie 2007 Rollen in beiden Segmenten des gemeinsamen Films „Grindhouse“ übernommen. Ausführender Produzent: Harvey Weinstein.

Zehn Jahre zuvor soll sich der besagte Vorfall ereignet haben und McGowan außergerichtlich abgefunden worden sein. Mit Veröffentlichung des Times-Artikels brachen für sie alle Dämme. Wer sich jetzt öffentlich äußerte und die Unwahrheit sagte, bekam von ihr die volle Breitseite. Tarantino wird es mit Schweiß auf der Stirn beobachtet haben. Für das eigene Statement bedeutete das: Leugnen war zwecklos, denn er würde nicht damit durchkommen. McGowan weiß zuviel und ist nicht gewillt, weiter zu schweigen.

2. Erarbeite eine Strategie, bei der du am Schluss möglichst gut aussiehst

Wer sich mit gewonnener Zeit aus der Schusslinie nimmt, kann einigermaßen sicher sein, erstmal nicht auf der Anklagebank zu landen. Tarantino hatte angekündigt, sich öffentlich zu äußern und war damit vorübergehend safe – eine optimale Ausgangslage, um rechtzeitig allem zuvorzukommen, was ihm früher oder später mit großer Wahrscheinlichkeit angelastet würde. Hier gilt die Regel der Flucht nach vorne: Was unausgesprochen sowieso schon jeder weiß (oder vermutet), kann man bedenkenlos zugeben. Den Vorsprung dazu hatte er sich geschaffen. Seine Mitwisserschaft zu verneinen, wäre ihm brutal um die Ohren geflogen (siehe oben). Ein Geständnis als reuiger Sünder hingegen würde ihn zumindest von allen anderen abheben, die sich um Kopf und Kragen geredet hatten (schlimmster Fall: Woody Allen).

Dies würde es zu betonen gelten: „Ich gebe alles zu, die anderen nicht“ – eine gute Steilvorlage für einen Imperativ, der eine klare Linie zwischen sich und einem namenlosen Gegenüber zieht. Tarantino würde sich als Paulus inszenieren können, der nicht nur mutig mit gutem Beispiel vorangeht, sondern auch noch jeden einzelnen Saulus dazu auffordert, es ihm gleichzutun: „I’m calling on the other guys who knew more to not be scared – Ich appelliere an alle anderen, die mehr wussten: Habt keine Angst.“ Das ist, was den Ausgleich zu den eigenen Verfehlungen schafft und zudem am Ende stehen muss: Quentin, der Vorreiter, Quentin, der Prediger. Wir sagten es schon.

3. Lass durchblicken, dass du auch Lob verdient hast

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Hier soll es allerdings eher ein unaufmerksamer Engel sein. Folgendes ist damit gemeint: Tarantinos große Stärken als Filmemacher sind in erster Linie seine bis ins Kleinste durchkomponierten Dialoge. Das kommt ihm hier zugute, denn wenn man ganz genau auf die Architektur, Wortwahl und Grammatik seiner Aussagen blickt (rund 30 Sätze werden zitiert), verschafft man sich einen guten Einblick in das präzise Kalkül des Interviews.

Die wichtigste Formulierung hat es in die Überschrift geschafft: „I knew enough to do more than I did – Ich wusste genug, um mehr zu tun, als ich faktisch getan habe.“ Bezeichnenderweise hat er es so gesagt und nicht anders – und damit klammheimlich seine Schuld relativiert. Ein volles Geständnis ohne eingeschobene Einschränkung hätte eher wie folgt ausgesehen: „Ich wusste einiges über Weinsteins Handeln, aber ich habe keine Konsequenzen daraus gezogen.“ So hat er es aber nicht gesagt. Mit gutem Grund: Ganz nebenbei wollte er uns wissen lassen, dass er sehr wohl etwas getan hat. Nicht genug, aber immerhin.

Inhaltlich bleibt dazu nur die oben bereits beschriebene Episode übrig, der gemäß er Weinstein zu einer Entschuldigung einer ungenannt bleibenden Schauspielerin gegenüber motiviert hat. Das ist ziemlich dünn, reicht aber als Beleg aus, nicht gänzlich untätig gewesen zu sein und zumindest eingeschränkt Haltung gezeigt zu haben. Entscheidend dabei ist: Die Formulierung hat es in die Überschrift geschafft – ein Umstand, der in aller Regel sicherstellt, dass die überwiegende Mehrheit weiterverwertender Beiträge in den eigenen Headlines kaum vom Original abweicht (eine Recherche in den Newsfeeds zum Thema belegt den Erfolg). Das sicherzustellen, wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Endabnahmeklausel geregelt haben, doch darüber lässt sich nur spekulieren.

Unterm Strich bleibt festzuhalten: Tarantinos PR-Berater können sich auf die Schulter klopfen, denn sie haben alles richtig gemacht. Kritische Folgebeiträge in der seriösen Presse, die sein Fehlverhalten und/oder sein Geständnis genauer unter die Lupe nehmen und bewerten, sind bislang (das heißt: bis zur Veröffentlichung dieser Anmerkungen) quasi vollständig ausgeblieben. Warum wohl? Weil man dem großen Kultregisseur im Feuilleton jahrelang die Stiefel geküsst hat und seiner Geständnis-Strategie deshalb nur zu gerne auf den Leim geht? Vermutlich.

Kevin Smith, der ebenfalls massiv von Weinstein profitiert hat, gab vor einigen Tagen bekannt, alle zukünftigen Einnahmen aus gemeinsamen früheren Projekten einer Organisation zu spenden, die sich der Förderung von Frauen in der Filmbranche verschrieben hat [5]. Außer zu appellieren – was genau mag Tarantino tun, der jeden Cent auf seinem mehrere Millionen Dollar schweren Konto dem Mann zu verdanken hat, der allem Anschein nach jahrzehntelang ungezählte Frauen belästigt, zu sexuellen Handlungen gezwungen, erpresst und vergewaltigt hat? Asche auf dem eigenen Haupt ist für einen stillen Mitwisser dann doch ein bisschen wenig. [LZ]

[Ergänzend dazu unser Beitrag über Rose McGowan vom 14. und Robert Rodriguez vom 28. Oktober 2017]

[Abbildungen: Screencapture / Channel4 News]

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