Proxy | Filmkritik

19. Oktober 2014

Proxy

Von Zeit zu Zeit tauchen sie einfach so auf, völlig unscheinbar und ohne großes Aufsehen: Filme, die selbst den abgebrühtesten Cineasten noch überraschen und ratlos zurücklassen. „Proxy“, die mittlerweile bereits vierte abendfüllende Regiearbeit des hierzulande noch weitestgehend unbekannten Festivallieblings Zack Parker, ist so ein Fall. Vorab weiß man bestenfalls nichts bis gar nichts über diesen seltsamen Genre-Zwitter, der auf seine Weise die genaue Schnittmenge zwischen Haneke und Hitchcock auslotet.

Im Netz kann man sich ganz legal die ersten fünf Minuten anschauen (mittlerweile Standard) und dann entscheiden, ob das nicht vielleicht schon zuviel des Guten ist. Zu sehen gibt es folgendes: Esther, hochschwanger und bis auf den Babybauch seltsam unterernährt, lässt eine der letzten Ultraschalluntersuchungen vor ihrer baldigen Niederkunft über sich ergehen. Das Geschlecht ihres Kindes will sie vorab nicht wissen, über den Vater verliert sie kein Wort. Als sie die Praxis verlässt, wird sie hinterrücks niedergeschlagen. Bevor der Täter ihre Brieftasche leert, hämmert er mit einem Ziegelstein mehrfach brutal auf ihren Bauch ein und tötet das Kind. Esther überlebt, doch zu welchem Preis?

Es folgen lange Szenefolgen in Stille. Sie zeigen Esther in ihrer kargen Wohnung. Soziale Kontakte hat sie offenbar keine. Im Spiegel betrachtet sie ihren vom Kaiserschnitt und der Schwangerschaft verunstalteten Körper. Auf dem Nachttisch steht das Bild einer Mutter mit Kind (Esther?). Eine Nachricht auf dem AB ignoriert sie. Ihre einzige Beschäftigung ist das Zusammensetzen eines Puzzles (stellvertretend für die Dramaturgie des Films selber). Wenig anders sähe es wohl in einer skandinavischen Psychostudie aus, denn die Stimmung ist eiskalt. Für Mitleid mit der jungen Frau ist kein Raum. Doch warum die große Diskrepanz zum äußerst drastischen Opening?

Mehr sollte man über den Inhalt nicht wissen. Selbst die Synopsis auf dem DVD-Cover und den offiziellen Trailer spart man sich besser, denn der Film sucht sich seine eigenen Wege, um die seltsame Geschichte zu erzählen, die über runde zwei Stunden Laufzeit nur Stück für Stück sichtbar wird. Parker und sein Kameramann Jim Timperman finden dafür elegante Bilder, die selbst das Entsetzen, mit dem die Figuren konfrontiert werden, ästhetisch ansprechend einfangen. Spuren von europäischen Stilisten wie Antonioni oder dem frühen Wenders sind nicht zu übersehen, während die äußerst gezielt eingesetzte und sehr streicherlastige Musik von Andy und Taylor Newton („Gangster Chronicles“) ganz auf Bernard Herrmann setzt.

Proxy

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Mindestens so überzeugend geraten aber auch die Dialoge (von Parker zusammen mit Co-Autor Kevin Donner verfasst), die so überraschend ausfallen wie der Verlauf des Films selber und die Figuren durch ihre Worte charakterisieren. Mehrfach werden Menschen in Trauer gefragt, wie es ihnen geht, und jedesmal ist die Antwort eine andere und bemerkenswert unerwartete. Mit Klischees oder Standards darf man hier an keiner Stelle rechnen.

Nicht zuletzt sind es die exzellenten Darsteller, die dem Film seine Glaubwürdigkeit und Wirkung sichern, und völlig gegen den Strich besetzt sind, darunter Soapstar Alexa Havins („All my Children“), die deutschstämmige Kristina Klebe („Chillerama“), Filmemacher und Schauspieler Joe Swanberg („You’re Next“, „Drinking Buddies“), sowie die bislang fast nur in Nebenrollen aufgetauchte Alexia Rasmussen („Das Mädchen von Tanner Hall“). Jeder von ihnen muss für seine Figur eine entscheidende Wandlung oder Doppelbödigkeit nachvollziehbar machen, ohne dabei einen Bruch zu verursachen. Keine leicht Aufgabe.

„Proxy“ ist fraglos einer der verstörendsten Filme dieses Jahres, ohne dass er dazu übermäßige grafische Gewalt benötigt. Stellenweise von geradezu klaustrophobischer Dichte bleibt er dem Zuschauer immer weit voraus und lässt jegliche Erwartungshaltung konsequent ins Leere laufen. Dass er dabei auch eine gewisse Dosis schwarzen Humors besitzt, kann man beim ersten Anschauen leicht übersehen. Mit der Veröffentlichung auf DVD und Blu-ray darf man nun hoffen, dass auch Parkers frühere Filme bald einen deutschen Verleih finden. [LZ]

P.S.: Liebe Kollegen vom Verleih, sind wir schon soweit, dass man nicht mehr so genau weiß, wie sich “Hitchcock” schreibt? Ein paar Euro in einen Lektor sind gut investiertes Geld, erst recht, wenn ein ohnehin arg erzwungen übersetztes Zitat prominent auf dem DVD-Cover platziert wird. Fehlende Kommata und ein Tempusbruch in der Synopsis lassen wir mal unerwähnt.

OT: Proxy (USA 2013) REGIE: Zack Parker. BUCH: Zack Parker, Kevin Donner. MUSIK: The Newton Brothers. KAMERA: Jim Timperman. DARSTELLER: Alexia Rasmussen, Alexa Havins, Joe Swanberg, Kristina Klebe, Faust Checho, Erika Hoveland, Kitsie Duncan, Shayla Hardy, Jim Dougherty. LAUFZEIT: 118 Min (DVD), 123 Min (Blu-ray). VÖ: 14.10.2014.

Proxy

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment]

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