PROMETHEUS – DUNKLE ZEICHEN | Filmkritik

28. Juli 2012

Prometheus

Distanz ist bekanntlich ein hilfreiches Mittel besonnener Kritik. So kann es durchaus seinen erhellenden Reiz haben, sich vorzustellen, wie man wohl in etwa zehn Jahren über einen Film urteilen mag, der zum Zeitpunkt seiner Erstaufführung eher Ratlosigkeit hervorgerufen hat. „Prometheus“ ist so ein Fall. Dass die Produktion an der (zum großen Teil selbstverschuldeten) Last einer immensen Erwartungshaltung schwer zu tragen haben würde, war zu erwarten. Ridley Scott kehrte nach über drei Jahrzehnten nicht nur zu einem jener beiden Klassiker zurück, denen er seine Karriere zu verdanken hat, sondern er betrat damit zugleich auch geheiligten Genre-Boden. Das Ergebnis konnte unmöglich auf einhellige und unmittelbare Begeisterung stoßen – und zwar ganz unabhängig davon, wie es letztlich aussah.

Nicht umsonst hatte Autor Damon Lindelof im Vorhinein mit einer gewissen Ironie betont, dass ein mögliches Scheitern des Films ausschließlich seine, aber nicht Scotts Schuld sein würde. Er muss wohl geahnt haben, was auf ihn zukommen würde. Denn während die visuelle Brillanz von „Prometheus“ praktisch uneingeschränkt außer Frage steht, richtet sich die Kritik erwartungsgemäß gegen ein (vermeintlich) unausgegorenes Drehbuch, das zu viele Fragen aufwerfe, keine durchdachten Antworten liefere (wenn überhaupt welche) und bei Figurenzeichnung wie Themenvielfalt arg inkohärent geraten sei.

Die Urteilslage muss niemanden wundern, denn Lindelof ist vor allem für seine Arbeit am Serienphänomen „Lost“ bekannt (wo die Existenz des Universums immerhin von einem überdimensionalen Korken abhing), und da lagen die Vorwürfe, die man ihm für die finale Staffel gemacht hatte, vermutlich noch einigermaßen frisch und reproduktionsbereit in der Schublade. Dass sich das meiste, was man ihm jetzt ankreidet, bei genauerem Hinsehen nicht wirklich aufrecht erhalten lässt (oder seinen guten Grund hat), steht auf einem anderen Blatt.

Prometheus

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Nicht außer Augen lassen darf man jedenfalls, dass für dieses Semi-Prequel zum 1979er Original-„Alien“ mindestens drei Hauptaufgaben zu erfüllen waren. Zum einen musste eine Brücke zum Vorgänger geschlagen werden, ohne dabei eine bloße Variation von Standard-Elementen abzuliefern (hier hatte wohl bereits die Drehbuch-Fassung von Jon Spaihts grundlegende Arbeit geleistet). Zum anderen sollte auf Scotts speziellen Wunsch hin eine möglichst eigenständige Geschichte entstehen, die in der Lage war, sich nach und nach vom berühmten Vorgänger zu lösen. Und schließlich musste genügend Material aufgefahren werden, mit dem sich ein neues Franchise initiieren ließ (wohl vor allem ein Wunsch des Studios).

Musikalisch betrachtet ist das Resultat eine wilde großsymphonische Komposition mit cleveren Themenvariationen und bisweilen seltsam unorthodoxer Instrumentierung. Aus Fansicht hingegen fällt „Prometheus“ schlicht unter die Kategorie „Expanded Universe“, und da herrschen nun einmal ganz eigene Regeln. Fehlende Erzählstränge, Nebenfiguren oder Randelemente rücken ins Zentrum und bekommen ihre eigenen Geschichten, während alles andere mehr oder weniger weit im Hintergrund verschwindet. So auch hier: Scott hatte sich dafür frühzeitig die als „Space Jockey“ bekannt gewordene Figur eines überdimensionalen Raumfahrers ausgesehen, der im Originalfilm kaum mehr als ein rätselhaftes Designelements war. Für „Prometheus“ ist er jetzt zum entscheidenden MacGuffin geworden.

Doch die ersten Bilder dieses Films erinnern so gar nicht an die Giger-Welten, die sich eine breite Anhängerschaft zurückgewünscht hat. Sie holen vielmehr so weit aus, wie es ein Prequel überhaupt nur tun kann und lassen den Zuschauer die Geburtsstunde der eigenen Spezies miterleben. Für einen Moment mag man sich an jene Parenthese erinnert fühlen, mit der Terrence Malick in „Tree of Life“ letztes Jahr den Bogen vom Erwachsenwerden im Amerika der 50er zum ersten Einzeller geschlagen hatte, doch bei Scott ist der Bezug wohl doch eher der Monolith aus „2001“.

Prometheus

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Denn kurz darauf springt der Film ins Jahr 2089, wo ein Archäologenpaar (Noomi Rapace und Logan Marshall-Green) gerade eine bahnbrechende Entdeckung macht: Auf den schottischen Hebriden stoßen sie auf steinzeitliche Höhlenzeichnungen, die nicht nur zweifelsfrei die außerirdischen Urheber allen menschlichen Lebens zeigen, sondern auch eine Einladung auf deren Heimatplaneten darzustellen scheinen. Vier Jahre später befinden sich die beiden bereits im Hyperschlaf an Bord eines Raumschiffs. Weyland Industries (ein Konzern aus dem „Alien“-Kosmos) hat ihren Traum wahr gemacht, und so könnte die Begegnung mit einer extraterrestrischen Schöpfergottheit schon bald Wirklichkeit werden.

Dass die Dinge kaum so laufen werden, wie es sich die beiden übereifrigen Entdecker gedacht haben, gehört zur Natur der Sache, Details nicht vorweggenommen. Doch anstatt einfach nur mehr oder weniger originell dem erwartbaren Schema nachzueifern, sucht sich „Prometheus“ eine eigene Mythologie zusammen, die jede Menge Raum für Spekulationen offen lässt. Wer allerdings eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Fragen nach dem Ursprung allen Daseins oder gar eine Theodizee erwartet, sitzt schlichtweg im falschen Film. Die Space Jockeys und ihr spinnerter Däniken-Kreationismus sind popkultureller Nonsens höherer Ordnung, der nicht mehr, aber auch nicht weniger will, als dem Franchise eine neue und möglichst weit ausufernde Fahrtrichtung zu ermöglichen.

Prometheus

Und doch ist es vor allem die vielfach heraufbeschworene „Alien-DNA“, die „Prometheus“ im Kern zusammenhält. Nervenkrank und obdachlos hatte sich Dan O’Bannon einst die Geschichte um eine außerirdischen Lebensform ausgedacht, die ihren Wirt oral penetriert und ihn schließlich das Leben kostet, wenn ihre Brut auf ziemlich brachiale Weise aus seinem Brustkorb schlüpft. Es war ein (wesentlich männlich geprägter) Horror vor dem Akt des Gebärens, der den Originalfilm bestimmte: Monströse Eier (Brutstätten der Facehugger), das Aufwachen aus dem Hyperschlaf (ein technologischer Geburtsvorgang), der Android (eine ungezeugte Lebensform) – „Alien“ ist voll mit bizarren Variationen des zentralen Themas, die allesamt auf ein durchaus gestörtes Verhältnis zu Fortpflanzung und Sexualität schließen lassen.

In den späteren Teilen der Serie hatte sich das Motiv auf zunehmend banale Weise verselbständigt, und so taten Scott / Spaiht / Lindelof gut daran, es auf seine ursprünglichen Impulse zurückzuführen und mit den einzelnen Elementen (Unfruchtbarkeit, künstliches Leben, parasitäre Daseinsformen etc) möglichst hemmungslos zu jonglieren. „Prometheus“ gerät so im Verlauf zunehmend zur Angstfantasie mit einigen der haarsträubendsten Paniksequenzen der jüngeren Filmgeschichte. Nicht ganz verleugnen lässt sich dabei ein gewisser Comic-Charakter, der dazu neigt, die Schraube des narrativen Wahnsinns immer noch ein Stück weiter drehen zu wollen – kulminierend in einer ebenso furiosen wie gänzlich absurden Abtreibungssequenz, die sich kaum zwischen greller Parodie und apokalyptischem OP-Horror entscheiden kann.

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Doch nicht die außerirdischen Kreaturen und Space Jockeys (oder „Ingenieure“, wie die Archäologen sie getauft haben) sorgen für das größte Unwohlsein, denn ihre Gefahr ist für den erfahrenen Zuschauer berechenbar. Wirklich beunruhigend wirkt hingegen ausgerechnet der einzige Ruhepol inmitten wachsender Bedrohung und Irrationalität. Diese Funktion kommt traditionell den künstlichen Mitgliedern der Besatzung zu – Bordcomputern wie HAL oder eben Androiden wie David. Sie sind als ebenso moral- wie fehlerlose Handwerkszeuge (zwangsweise) loyale Diener des Konzerns und gerade deshalb ihren eigenen Schöpfern (oder eben Ingenieuren) weit überlegen. Dass sie in der Alien-Reihe gerne schon einmal ihren Kopf verlieren oder in der Mitte durchtrennt werden, tut der Sache keinen Abbruch.

Es ist das Vorwissen um die Regeln des Genres, das David von Anfang an suspekt macht. Alles Menschliche an ihm ist bloße Vorgabe und Illusion. David ist eine neue Spezies auf einer späteren Stufe der Evolution. Als er einmal gefragt wird, warum er beim Betreten des fremden Planeten einen Helm trägt, obwohl er überhaupt nicht atmen muss, erklärt er dies als Maßnahme, um sein menschliches Gegenüber nicht zu befremden. Doch wie befremdlich muss gerade dieser Umstand einer offenen Lüge wirken – und ist er dank des Wissens um den überlegenen Status des Androiden nicht vielmehr zur Einschüchterung gedacht?

Als David sich im Zuge eines permanenten Lernprozesses David (sic) Leans „Lawrence of Arabia“ anschaut, findet er im Protagonisten, der den Schmerz ignoriert und so alles Menschliche hinter sich lässt, einen Seelenverwandten. Fortan trägt er Hauptdarsteller Peter O’Tooles präzise gescheitelten Haarschnitt in makellosem Blond. Doch was zunächst wie eine alberne Nacheiferung aussehen mag, verleiht dem Androiden bei genauem Hinsehen eine unangenehme HJ-Anmutung, die im Verlauf ihren fatalen Niederschlag in unbedingtem Gehorsam findet und der emotionslosen Bereitschaft zum Experiment am lebenden menschlichen Objekt.

Prometheus

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Michael Fassbender legt David so ambivalent an, dass hinter aller Interaktion mit den anderen Figuren (und dem Zuschauer) immer auch eine zweite Ebene durchzuschimmern scheint. Doch was sich da genau verbirgt, bleibt bewusst unklar. Rasch wird ersichtlich, dass er Dinge vorspielt, um seine wahren Absichten, also wohl ein programmiertes Handlungsmuster, zu überspielen und umzusetzen, wozu er gemacht ist. Doch die Verschleierung könnte auch einen zweiten Hintergrund haben, denn welchen Status an Eigenbewusstsein der Android tatsächlich hat, wird nicht ersichtlich. Ist seine Verehrung für Lawrence in Wahrheit vielmehr ein Zeichen dafür, dass er echte eigene Beweggründe verbergen muss, von denen nicht einmal seine Schöpfer wissen? Und wenn ja, was führt er im Schilde?

Der artifizielle Handlanger befindet sich bekanntlich immer an der Schwelle zur Bewusstwerdung und ist, wenn nicht schon dort angekommen, so doch zumindest auf dem besten Weg, seine Erbauer zu überflügeln. „Prometheus“ spielt mit diesem Verhältnis und liefert so eine Figur, die durchgängig ambivalent bleibt und möglicherweise selbst den Göttern einen Schritt voraus ist. Dass diese daran wenig Gefallen finden können, liegt auf der Hand. Welche Konsequenzen das mit sich bringt, dafür hat der Film (möglicherweise?) eine klare Antwort.

Ob die Macher ihre ausufernde Schöpfungsmythologie in Form eines Sequels weiterführen werden, ist bislang noch nicht offiziell festgelegt. Die US-Einspielergebnisse sprechen jedoch für eine hohe Wahrscheinlichkeit. Ridley Scott jedenfalls will dann offenbar ins Jenseits vorstoßen und denjenigen Titel nutzen, den er eigentlich bereits für diesen Film geplant hatte: „Paradise“. Dass Guy Pearce dort erneut und diesmal ohne alberne Greisenmaske auftaucht, ist bislang allerdings bloße Vermutung. [LZ]

OT: Prometheus (USA 2012). REGIE: Ridley Scott. BUCH: Jon Spaihts, Damon Lindelof. KAMERA: Dariusz Wolski. MUSIK: Marc Streitenfeld. DARSTELLER: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Idris Elba, Logan Marshall-Green, Guy Pearce, Sean Harris, Rafe Spall, Emun Elliott, Kate Dickie. LAUFZEIT: 124 Minuten.

Prometheus

Prometheus | Poster

[Abbildungen © 2012 Twentieth  Century Fox]

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