Filmkritik: PREDATORS

08. Juli 2010

Predators | Filmkritik

Ohne virales Marketing geht heute im Kino offenbar gar nichts mehr. Im Vorfeld von „Predators“ verging ab einem bestimmten Punkt keine Woche mehr ohne neue Featurettes, in denen sich Produzent Robert Rodriguez über mehr oder weniger irrelevante Details des lang angekündigten Sequels zum 1987er Kulthit ausließ. Besonders auf die einzelnen Figuren wurde mit eigens erstellten Beiträgen eingegangen, die man doch bitte ausführlich verlinken möge. Rückwirkend muss das umso erstaunlicher erscheinen, wenn man sieht, dass sich unter den Protagonisten des fertigen Films lediglich austauschbare Schablonen ohne Tiefgang finden lassen – allesamt ein gefundenes Fressen also für die kaum komplexeren Außerirdischen, die den ganzen Tag lang nichts anderes zu tun haben, als alles zu jagen, was sich gerade anbietet. Für etwas weniger als zwei Stunden belanglosen Zeitvertreib reicht das aus. Mehr ist allerdings beim besten Willen nicht drin.

PREDATORS
Adrien Brody geht ins Dschungelcamp.

Für die feministische Filmtheorie sollte die „Alien vs. Predator“-Serie eigentlich ein gefundenes Fressen sein. Nicht nur, dass die Geschlechterrollen eindeutig verteilt sind. Auch die Relation von Dominanz und Unterdrückung gehört wie selbstverständlich zum Erzählstandard. Auf der einen Seite finden sich die eindeutig männlichen Jäger, die trotz aller tumben Schlachterei eine kulturell höhere Ebene erreicht haben, auf der die Jagd Ausdruck von Überlegenheit ist, möglicherweise religiös-rituellen Charakter hat und nicht zuletzt auch als Kampfsportart dient. Auf der anderen Seite das Alien, ein Organismus mit weiblichen Grundzügen, dessen einzige Daseinberechtigung ganz offensichtlich darin besteht, Nachwuchs in die Welt zu setzen, diesen mit aller Macht zu beschützen und schließlich den männlichen Predatoren als Opfer und Spielzeug zu dienen. Geht es noch offensichtlicher? Kaum.

Bevor aber ein solchermaßen nicht unbedenklicher Subtext zum Spielverderber mutiert, geht das Aufeinandertreffen der beiden Filmmonster vorerst nicht in eine weitere Runde. Stattdessen kehrt ein jeder zu seinem jeweiligen Franchise zurück in der Hoffnung, auch wirtschaftlich von einer derartigen Trennung auf Zeit zu profitieren. Doch während im „Alien“-Universum mit Ridley Scott einer der entscheidenden Geburtshelfer der ersten Stunde Story und nach über drei Jahrzehnten auch wieder Regiestuhl des geplanten Prequels übernimmt, fiel „Predators“ als Sequel gänzlich in die Hände von Fanboys. Dass dabei trotz Abwesenheit des weiblichen Gegenmonsters jede Menge klassischer Geschlechterrollen durchgespielt werden, muss niemanden wundern – immerhin ist der Film von Jungs gemacht, die nie erwachsen werden, und für eben solche auch gedacht.

Predators | Adrien Brody

Bereits Mitte der 90er Jahre war Robert Rodriguez damit beauftragt worden, eine Fortsetzung zu entwickeln, die nach einem mäßig erfolgreichen zweiten Teil Original-Hauptdarsteller Arnold Schwarzenegger (der es zwischenzeitlich bevorzugt hatte, seinen guten Ruf als T-800 zu festigen) in die Serie zurückholen sollte. Das Drehbuch landete jedoch im Archiv und brütete dort ergebnislos vor sich hin, bis es von gelangweilten Studioverantwortlichen (vermutlich beim Aufräumen) im vergangenen Jahr mehr oder weniger überraschend wieder hervorgeholt wurde.

Schon in der damaligen Fassung war es eine Grundidee gewesen, die Handlung gänzlich auf den Heimatplaneten der außerirdischen Spezies mit den seltsamen Mandibeln (ein Designvorschlag von James Cameron) zu verlegen, und damit die Menschenjagd im eigenen Revier stattfinden zu lassen. Umso erstaunlicher muss es erscheinen, dass die jetzige Version praktisch keinerlei Kapital aus diesem Gedanken schlägt. Ein verborgenes Tal irgendwo im Amazonas hätte es auch getan, denn dort, wo die Tarnkappenjäger mit der eingebauten Wärmebildkamera herkommen, ist offenbar alles so wie im irdischen Regenwald, nur dass die Sonne seltsam unbewegt auf demselben Fleck verharrt (nichts desto trotz aber doch untergeht – wie auch immer das funktionieren soll). Welche Möglichkeiten der Film damit verschenkt, kann man sich an fünf Fingern abzählen – oder noch einmal kurz einen Blick auf „Avatar“riskieren.

Aber auch sonst halten sich die Autoren mit allem zurück, was dieses Sequel zu dem Genre-Highlight hätte machen können, das sich so mancher im vorauseilenden Hype erhofft haben mag. Das hat viel damit zu tun, dass „Predators“ vor allem ein Spielzeug seiner Macher ist und deshalb manchmal einem Ausflug in den dazugehörigen Themenpark gleicht. Die Geschichte ist simpel gestrickt und nur bedingt originell: Eine Handvoll Einzelgänger stürzt mit großen Erinnerungslücken über einem exotischen Dschungelgebiet ab und fällt erst einmal reflexartig übereinander her. Schnell ist klar: Hier treffen Elitesoldaten und Kriminelle aufeinander, zu deren Natur es gehört, in jedem Fremden vorsichtshalber immer einen Feind zu sehen. Notgedrungen raufen sie sich zusammen, denn die Erfahrung, nicht zu wissen, wo sie sind, und wer sie dorthin geschafft hat, teilen sie alle gleichermaßen miteinander. Als der heterogene Trupp schließlich begreift, dass er einem unbekannten Gegners als Beute dienen soll, werden die Jäger zu Gejagten.

Das klingt nicht sonderlich originell und ist es auch nicht. Die Ausgangslage von Figuren, die in einer fremden Umgebung aufwachen und dort zum Spielball einer ebenso fremden Instanz werden, folgt ganz unverstellt dem Prinzip von Versuchsanordnungen wie „Cube“ oder „Saw“ – nur dass der Urheber hier völlig außen vor bleibt (und damit einen von vielen bloß angedeuteten Erzählsträngen bildet, die zukünftigen Sequels ziemlich offensichtlich Tür und Tor öffnen sollen). Im Wesentlichen orientiert sich der Film aber vor allem am Original, ohne selbstverständlich dessen einst so neuartigen Genre-Mashup (der ein ganzes Subgenre begründete) wiederholen zu können.

Predators | Laurence Fishburne

Dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden. Doch dieses Sequel will unbedingt mehr sein als lediglich ein weiteres Remake mit leichten Variationen, und das beginnt schon bei der Titelwahl. Für Rodriguez jedenfalls ist eines ganz klar: „Predators“ verhält sich zu „Predator“ wie „Aliens“ zu „Alien“ – und das ist schlicht absurd. Camerons Klassiker und dieses unterhaltsame, aber schnell wieder vergessene B-Movie spielen schlicht in völlig unterschiedlichen Ligen. Schon der vom großen Vorbild übernommene dramaturgische Aufbau, der das erste Erscheinen der Kreaturen quälend lange hinauszögert, macht keinen gesteigerten Sinn und trägt auch nichts zur (ohnehin kaum vorhandenen) Spannung bei. Was bei Cameron strategisch aufging, weil es schon im Original kaum etwas von Gigers Geschöpfen zu sehen gab, funktioniert hier keinen Meter Celluloid lang, denn Look und Jagdweise des Predators sind dem Publikum hinlänglich bekannt.

Und auch wenn offiziell andere Namen für das letztendliche Skript verantwortlich sind und der Regisseur Nimrod Antal heißt (Macher des bemerkenswerten ungarischen Thrillers „Kontroll“), hat der Film jede Menge typischer Rodriguez-Trademarks zu bieten – ein Umstand, der sich nicht unbedingt positiv auswirkt. Das leidige Badass-Ensemble lässt kaum verstärkte Identifikation zu, und dem Zuschauer ist ziemlich gleichgültig, wer beim Body-Count als nächstes draufgeht. Adrien Brody mag als testosterongetränkter, ultra-tougher Ex-Söldner zwar einiges her machen (und damit die einzige echte Überraschung des Films bieten), weitergehende Tiefe kann er diesem Abziehbild von einem Charakter jedoch auch nicht einhauchen. Alice Braga als einzige Frau hingegen hat vor allem die Funktion, dem Zuschauer vorzugaukeln, „Predators“ würde, wie alle Rodriguez-Filme, nicht mit weiblichen Rollenklischees operieren. Das Gegenteil ist selbstredend der Fall.

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The Falconer Maquette

Es gibt einige sehenswerte Zirkusnummern, die kurzzeitig für erhöhte Adrenalinausschüttung sorgen, doch bei genauerem Hinsehen haben selbst diese ihre Schwächen oder kopieren mehr oder weniger gelungen fremde Vorbilder. Eine rasante Jagdsequenz etwa – die erste des Films – könnte nicht nur direkt aus „Lost“ oder „The Lost World“ stammen, sondern zeigt auch eine Handvoll (mit seltsamem Geweih bestückte) Vierbeiner, bei denen die Creature-Designer offenbar Look vor Funktion gesetzt haben (eine äußerst bildhafte Beschreibung, wie wohl der Verzehr der Beute vor sich gehen könnte, lässt sich in Roger Eberts zugehörigem Review nachlesen).

„Predators“ ist durchweg unterhaltsam genug, um die etwa 105 Minuten Zeit zu rechtfertigen, die man (neben dem Ticketpreis) investieren muss – aber während die End Credits noch laufen, verschwindet der Film bereits in der mentalen Ablage. Für Hardcore-Fans und Macher reicht das fraglos aus, doch dem Genre an sich fügt dieser Film kaum mehr als einen weiteren Neuaufguss bekannter Muster hinzu. [LZ]

OT: Predators (USA 2010). REGIE: Nimród Antal. BUCH: Alex Litvak, Michael Finch. MUSIK: John Debney. KAMERA: Gyula Pados. DARSTELLER: Adrien Brody, Alice Braga, Topher Grace, Walton Goggins, Oleg Taktarov, Laurence Fishburne, Danny Trejo. LAUFZEIT: 107 Minuten.

Predators | Filmplakat

Predators | Internationales Teaser-Poster

Predators | Internationales Teaser-Poster

[Abbildungen © 20th Century Fox]

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