Hollywoods Posterdesigner entdecken Caspar David Friedrich

15. Juni 2013

Oblivion | Wanderer über dem Nebelmeer

Seit Ende der 80er Jahre ist die Plakatkunst für die Filmindustrie im Wesentlichen zur schematischen Gebrauchsgrafik verkommen, die nicht selten vor allem auf den Wiedererkennungswert bekannter Köpfe setzt. Die Zeiten, als Namen wie Bob Peak oder Renato Casaro einen eigenen Stil repräsentierten, sind lange vorbei. Heute zeichnen Agenturen verantwortlich, bei denen die künstlerischer Vision eher Nebensache ist. Ausnahmen bestätigen die Regel. Umso interessanter ist ein aktueller Trend, der sich mehr oder weniger bewusst an einem großen Meister der deutschen Romantik orientiert.

Der Bildaufbau ist dabei immer der gleiche: Eine einsame Figur am unteren Bildrand, auf festem, meist felsigen Grund mittig positioniert und dem Betrachter den Rücken zugewandt, blickt auf eine übermächtige Naturkulisse. Man muss kein Kunstexperte sein, um bei dieser Konstellation an Caspar David Friedrich zu denken, jenen Quasi-Erfinder der Romantik, mit dessen Kunst seine Zeitgenossen herzlich wenig anfangen konnten. Der modernen Malerei ist die Verlorenheit des Individuums seiner Bilder da schon wesentlich näher gewesen (Max Ernst, Munch, Baselitz). Jetzt schließt sich Hollywoods Marketingmaschinerie als Late Adopter an, entdeckt den Naturmystiker für seine Zwecke und macht gleich mal eine Formel draus.

Auffällig ist, dass die einschlägigen Beispiele binnen weniger Monate bis Wochen aufgetaucht sind: „Oblivion“, „Star Trek: Into Darkness“, „After Earth“ und gerade erst „The Hobbit: The Desolation of Smaug“ werben mit verblüffend ähnlichen Motiven nach Friedrich-Vorbild. Das kommt nicht von ungefähr, denn alle vier Filme teilen sich nicht nur das gleiche Genre-Umfeld mit seinen Wurzeln in der europäischen Romantik, sondern konfrontieren ihre Protagonisten auch mit den schwer kalkulierbaren Herausforderungen grenzenloser naturaler Weiten (der menschenleere, postapokalyptische Heimatplanet, die Fantasiewelten von Mittelerde und schlichtweg der gesamte Orbit).

Oblivion | Star Trek | After Earth | The Hobbit 2

Caspar David Friedrich | Der Wanderer über dem Nebelmeer

Zumindest eines von Friedrichs berühmtesten Bildern, „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von 1818, wird wohl die Wand der Kreativschmieden geziert haben, bevor es an die Entwürfe ging. Aber man kann noch weiter auf Spurensuche gehen und im Artwork der ersten Staffel von „The Walking Dead“ den 1814 entstandenen „Chausseur im Walde“ entdecken (mit umgekehrten Vorzeichen). Der finstere und bedrohliche Ton zieht sich jedenfalls durch alle Beispiele – mit einer Ausnahme: Denn selbst für den farbenfrohen Animationsspaß „The Croods“ musste Friedrichs oftmals hyperbolisch strukturierter Bildaufbau herhalten. Ganz nebenbei finden sich dabei dank der Zwillingsgipfel im Hintergrund auch noch Ähnlichkeiten zu „Nacht im Hafen“.

The Croods | Nacht im Hafen

Wer noch nicht genug von den Parallelen hat, wird das auf dem „Star Trek: Into Darkness“-Plakat schematisch angedeutete Symbol der Sternenflotte tatsächlich in Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“ wiederfinden – wenn auch um 180 Grad gedreht. [LZ]

Star Trek | Kreidefelsen auf Rügen

[Abbildungen: Universal (Oblivion) | Paramount (Star Trek: Into Darkness) | Sony Pictures (After Earth) | Warner Bros. (The Hobbit: The Desolation of Smaug) | 20th Century Fox (The Croods) | alle anderen Abbildungen: Public Domain]

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Alien Anthology Box The Walking Dead

Eine Antwort zu “Hollywoods Posterdesigner entdecken Caspar David Friedrich”

  1. [...] Amüsant: Wie Hollywood den guten, alten Caspar David Friedrich für sein aktuelles Plakatdesign entdeckt hat, verrät [...]

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