Am Set mit Jim Wynorski: Clay Westervelt über POPATOPOLIS | Interview (deutsche Fassung)

07. Juni 2012

Popatopolis

Das Leben kann so einfach sein. Wer etwa schon immer wissen wollte, was ein Film wirklich braucht, für den hat Jim Wynorski ein simples Rezept: „A big chase and a big chest.“ Nonsens? Keineswegs. Der Mann, der mehr Pseudonyme besitzt als Jess Franco und Prince zusammen, hat seit 1985 bereits bei über 150 B-Filmen auf dem Regiestuhl gesessen, und ein Ende ist nicht in Sicht. Clay Westervelt begleitete Wynorski während des gesamten drei(richtig gelesen: drei)tägigen Drehs seines 2005er Video-Quickies „The Witches of Breastwick“. Heraus kam dabei eine der lustigsten Dokumentationen über das Filmemachen überhaupt, denn „Popatopolis“ ist cineastische Folgemilch für Exploitation-Fans, Liebhaber großer Oberweiten und angehende Filmemacher ohne einen einzigen Cent in der Tasche. Wir sprachen mit Westervelt über das Projekt und wie es zustande kam, die Vorteile unabhängigen Filmemachens und was es heißt, an einem Set von Jim Wynorski zu arbeiten.

Popatopolis

screen/read: Erst seit ein paar Monaten ist Dein Film endlich auf DVD erhältlich und auch bei Netflix und iTunes zu sehen. Da ist seit Drehbeginn eine Menge Zeit vergangen. Wann war die Premiere? 2009?

Clay Westervelt: Ja, die Premiere war 2009. Mit dem Film begonnen haben wir, glaube ich, schon 2003. Es hat also eine ganze Weile gedauert, die ganze Sache fertig zu kriegen. Der Hauptdreh hat natürlich nicht so viel Zeit in Anspruch genommen, das waren nur drei Tage [lacht], aber alles andere ist eben noch hinzu gekommen. Wir mussten ja Termine mit den unterschiedlichsten Leuten hinkriegen, die wir interviewt haben, darunter Roger Corman und eine ganze Reihe anderer wunderbarer Gesprächspartner. Das hat also bereits einiges an Zeit gekostet. Und dann musste ich mir natürlich auch noch Jims Filme ansehen [lacht]. Was allerdings tatsächlich am längsten gedauert hat, war der Schnitt. Mir war klar, dass das nicht so schnell gehen würde, aber ich hatte auch kein Problem mit dem zusätzlichen Aufwand, denn das Projekt war nun einmal in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Wir wussten von Anfang an, dass wie hier keinen Lobgesang auf irgendjemanden anstimmen würden, sondern dass unser Film durchaus auch kritisch werden und nicht alles und jeden immer im allerbesten Licht dastehen lassen würde. Aber das bedeutet auch, dass wir am Schnittpult eine große Verantwortung mit uns herumtragen würden. Ich mag Jim, ich betrachte ihn als Freund, und es war sehr wichtig für mich, dass sich der Film an keiner Stelle über irgendjemanden lustig machen würde. Ich wusste, dass es komische Szenen geben würde, aber ich wollte nicht, dass es so aussah, als würden wir als Filmemacher mit einer gewissen Arroganz auf irgendjemanden herabblicken und uns auf seine oder ihre Kosten amüsieren. Wir arbeiteten also hart und ließen eine Menge lustiges Material außen vor, weil es sich einfach nicht richtig anfühlte. Ich bin auf das Ergebnis jetzt sehr stolz, und vermutlich ist der beste Beleg dafür, dass wir alles richtig gemacht haben, die Unterstützung aller am Film Beteiligten. Denn da besteht immer eine gewisse Gefahr, wenn man einen Dokumentarfilm macht, in dem Personen beobachtet werden. Egal wie sehr man sich bemüht, aufrichtig zu sein, bleibt doch immer ein gewisses Risiko, dass jemand am Ende frustriert ist. In dieser Hinsicht hatten wir also wirklich Glück.

screen/read: Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass Du sechs Jahre gebraucht hast, um einen Film über drei Drehtage fertig zu stellen. Das sagt aber eine Menge über die Sorgfalt aus, mit der Du an die Sache herangegangen bist. Aber blicken wir noch mal ein paar Jahre zurück. Woher kam die Idee für das Projekt ursprünglich? Offen gestanden ist Jim Wynorski ja nicht der erste Name, der einem einfallen würde, wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Dokumentation über einen Filmemacher zu drehen.

Clay Westervelt: [lacht] Tja, also ich traf Jim das erste Mal vermutlich 2001. Ich hatte gerade die Filmschule abgeschlossen und bekam einen Anruf von Franchise Pictures, die Filme gemacht haben wie „The Art of War“, „Keine halben Sachen“ und „Battlefield Earth“. Nicht die besten Filme, aber immerhin welche mit hohem Budget [lacht]. Zum damaligen Zeitpunkt fand HD Video gerade seinen Weg in die Independent-Szene, und eine Menge Kameraleute hatten Angst davor, denn sie waren noch an Zelluloid gewöhnt. Ich hingegen hatte mich glücklicherweise mit beidem beschäftigt, und so bekam ich diesen Anruf von Franchise, die mich fragten, ob ich für den Film, an dem sie gerade arbeiteten, ein paar Reshoots machen wollte. Es war ein Actionfilm mit einem 14-tägigen Drehplan. Ich fand das zunächst etwas seltsam, doch sie meinten, „Die Sache ist die, wir haben vor Ort in Hawaii gedreht, und die Crew hat nur sechs Tage gearbeitet und ist dann für den Rest der Zeit an den Strand gegangen. Mit dem Ergebnis, dass uns jetzt die Totalen fehlen.“ Also fragten sie mich, ob ich am Strand in L.A. drehen und es so aussehen lassen könnte wie Hawaii. Und auch wenn ich nicht wusste, ob ich den Hawaii-Look hinkriegen würde, war ich mir doch zumindest sicher, dass meine Aufnahmen in jedem Fall besser aussehen würden als alles, was die schon hatten. Also übernahm ich den Job, sie feuerten den Kameramann und engagierten mich für den Dreh. Außerdem schmissen sie den Regisseur raus und holten stattdessen Jim Wynorski ins Boot. Später fand ich heraus, dass sie sich für ihn entschieden hatten, weil er bekannt dafür war, einen Film im Zeit- und Budgetplan abzuliefern. Also wollte man ihn sozusagen als Retter haben. Und das war er dann tatsächlich auch in jeglicher Hinsicht. Ich traf ihn am ersten Drehtag, und da stürmte er durch die Tür und erinnerte mich unmittelbar an John Candy in „Allein mit Onkel Buck“ [lacht]. Ein ziemlich beeindruckender, sehr einschüchternder Typ, der kein Problem damit hat, jederzeit laut zu werden. Ich war auch gewarnt worden, dass er den Ruf hatte, Leute anzuschreien, doch bei mir und meiner Crew hat er das nie getan.

Popatopolis

Was mich unmittelbar beeindruckte, war die Tatsache, dass er tief drin ein echt netter Kerl war, ganz egal wie laut er wurde, und das war schon am ersten Drehtag klar ersichtlich. Und ich glaube, was mich am meisten fasziniert hat, war zu sehen, mit welcher Begeisterung er arbeitete, während ich bereits diese typische Profihaltung eingenommen hatte, der gemäß man eben macht, wofür man bezahlt wird. Und dann war da Jim und, naja, wir machten zwar keine großen Kranfahrten oder so, aber er hatte einfach dieses Funkeln in den Augen, grinste breit und sagte, „Das sieht doch wirklich wie ein Film aus!“ Und ich würde richtig neidisch auf diese kindliche Begeisterung und Freude, die er da erlebte. Es erinnerte mich an etwas, das ich offen gestanden das letzte Mal erlebt hatte, als ich noch zur Schule ging und mit der Videokamera meiner Eltern herumspielte. Und ich dachte einfach so bei mir, das will ich auch so empfinden, ich will diese Welt und diesen Job so erleben, wie er es tut. Denn man vergisst sehr leicht, wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir in diesem Umfeld arbeiten, und was für ein Spaß das ist. Man wird so leicht abgestumpft und ungenießbar. Aber wenn man es schafft, jeden Tag mit dieser Art von Freude zu arbeiten, die Jim da erfährt, dann wüsste ich gar nicht, was es für ein größeres Geschenk geben könnte.

screen/read: Davon wird einiges in Deinem Film spürbar. Im Wesentlichen fühlt es sich so an, als würde Jim eine Art Home-Movie mit ein paar Freunden drehen. Du hast die Atmosphäre am Set ja selber erlebt, würdest Du sagen, dass der fehlende Druck eines Studios oder einer großen Produktionsfirma im Nacken der Grund für diesen entspannten, spielerischen Ansatz ist?

Clay Westervelt: Ich denke, dass der sehr überschaubare Independent-Charakter sehr zu dieser Art von Spaß beiträgt. Da gibt es eben keinen Big Brother, der einen ständig überwacht. Das ist wirklich unabhängiges Filmemachen, bei dem Jim niemandem gegenüber verantwortlich ist außer sich selbst. Und ganz egal, was das an Positivem und Negativem mit sich bringt, es verschafft ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Als Crewmitglied, als Schauspieler fühlt man sich einfach sicher, wenn der große Typ sagt, „Alles klar, lasst uns weitermachen”, dann ist eben alles ok. Man weiß einfach, dass jeder, der zufrieden sein soll, es auch tatsächlich ist. Und es ist einfach so, dass der Regisseur für die allgemeine Stimmung verantwortlich ist, und ich denke, dass „Popatopolis” diese Form der Sensibilität, die sich von Szene zu Szene zieht, ganz gut abbildet. Da gibt es diese Stelle, wo Jim die Beleuchtung abholt und man ihm fünf Scheinwerfer anbietet, und er sagt, „Wow, das sind viele Scheinwerfer. Ich habe nicht genug Leute, um die alle herumzutragen. Wir müssen das klein und überschaubar halten.“ Also zieht er mit nur zwei Scheinwerfern wieder ab. Und von diesem Moment an bestimmt er die Marschrichtung im Sinne von „Wir müssen das schnell durchziehen.“ Nur wird dabei niemand ausgenutzt oder muss sich überarbeiten. Natürlich lebt keiner in großem Luxus, keiner hat einen eigenen Winnebago-Trailer, aber es muss eben auch keiner 24 Stunden am Tag arbeiten. Und damit sind alle zufrieden. Ich glaube, nirgendwo ist es so wie an einem Wynorski-Set. Nirgendwo geht es so schnell voran, und nirgendwo hat man so einen Spaß. Und man muss einfach sagen, dass das alles an Jim liegt.

Popatopolis

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screen/read: Und es scheint so zu sein, dass er mit seiner Situation sehr zufrieden ist. Nicht desto trotz gibt es Momente im Film, wo die Frage aufkommt, ob er nicht in eine höhere Budget-Liga aufsteigen sollte. Sogar Roger Corman ist davon überzeugt. Und das ist ja auch etwas, dass man bei einem Filmemacher, der im Low- bis No-Budget-Umfeld arbeitet, als Zielsetzung vermuten würde. Nicht bei Jim. Und das ist etwas, das ihn von den meisten anderen unterscheidet.

Clay Westervelt: Das würde ich genauso sehen. Ich selber führe nur ein kleines Unternehmen, und es gibt bei vielen Leuten diese Vorstellung, dass der Zweck eines Kleinunternehmens sei, früher oder später zu einem Konzern zu werden. Und ich glaube, das ist vielfach ein Irrtum. Für mein Empfinden hat es einen großen Wert zu wissen, unter welchen Umständen man sich wohlfühlt. Nicht jeder Kleinunternehmer würde gerne mit dem Leben eines Konzernchefs tauschen. „Popatopolis” ist dafür kritisiert worden, Jim nicht direkt darauf anzusprechen, ob er gerne größere Filme machen würde. Doch das ist bewusst außen vor gelassen, denn ich habe ihn dazu unterschiedliche Dinge sagen hören. Ich habe ihn sagen hören, „Klar, ich würde gerne einen Film für 10 Millionen Dollar machen, aber keiner klopft an meine Tür und macht mir so ein Angebot.“ Ich habe ihn aber auch sagen hören, „Wenn mir jemand 10 Millionen Dollar für einen Film gäbe, würde ich vermutlich einen Film für eine Million daraus machen.” Ich denke, dass beide Aussagen wahr sind. Sie spiegeln einfach nur unterschiedliche Seiten von ihm wider. Ich glaube, dass er für jede Herausforderung offen ist, und wenn ihm jemand 10 Millionen Dollar geben würde, dann würde ich gerne sehen, was er damit anstellt. Aber auf der anderen Seite denke ich, dass er eine Menge damit bewirken kann, das Äußerste aus jedem Dollar herauszuholen. Und damit kann ich mich ebenfalls identifizieren. Meine Vermutung ist, dass ihn das in großem Maße stolz auf seine Arbeit macht. Ihm gelingen Sachen, die man einfach nicht von ihm erwarten würde. Von jemandem, der 60 Millionen Dollar zur Verfügung hat, erwartet man natürlich einen erstklassigen Film. Nur meistens kommt da eher nichts Brauchbares zustande [lacht].

screen/read: Leider nur zu wahr. Jetzt hatte ich mit zur Vorbereitung auf unser Gespräch unter anderem noch einmal „Gargoyles – Flügel des Grauens” angesehen, einen Film mit einer Menge eingekauftem Material, das Jim einfach in den Rest einmontiert hat, ohne dass man es merken würde, und es sieht für das, was es ist, ganz gut aus. Ich habe mir dann vorgestellt, wie dieser Film wohl mit einem Budget von 60 oder 70 Millionen ausgesehen würde und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass sich vermutlich nicht viel verändert hätte. Außer dem Look natürlich, der eben teurer ausfallen würde. Und das ist dann der entscheidende Unterschied zu den meisten Filmemachern, die vom Low Budget aufgestiegen sind, sich komplett verkauft und damit verloren haben, was sie einmal interessant gemacht hat.

Clay Westervelt: Genau, ich glaube, das trifft den Kern der Sache.

screen/read: Während der drei Tage Drehzeit, wo Du ständig mit allen Beteiligten zusammen warst, hast Du da das Gefühl bekommen, dass sie alle irgendwie auf einer Art Insel leben, die mit dem Rest der Filmwelt nicht wirklich etwas zu tun hat? Denn das ist ein bisschen das Gefühl, das sich beim Ansehen einstellt.

Clay Westervelt: Ich denke, dass jede Filmproduktion dieses Gefühl von Familie oder Insel, oder wie immer man es nennen mag, mit sich bringt. Man hat diese Erfahrung jedes Mal. Ich habe oft gesagt, dass es völlig egal ist, wie lange eine Produktion dauert, drei Monate oder eine Woche, es fühlt sich in jedem Fall immer wie ein ganzes Jahr meines Lebens an [lacht]. Man macht also alle Phasen eines Projektes mit und arbeitet jeden Tag mit denselben Leuten, und da ergibt sich einfach dieses Gefühl von Familie. Egal wie groß das Projekt ist, egal ob independent produziert oder im Studio-Kontext. Manchmal sind das gute Familien mit Leuten, die man gerne um sich hat, und bei denen man es nicht abwarten kann, sie wiederzusehen. In anderen Fällen gibt es aber auch weniger angenehme Familien, bei denen man eher das Gefühl bekommt, adoptiert worden zu sein und es kaum abwarten kann, die Sache endlich hinter sich zu bringen [lacht].

Popatopolis

Aber ich glaube, Deine Frage zielt eher darauf ab, dass die Leute, die an einem Wynorski-Film arbeiten, einfach die gleiche Mentalität teilen. In anderen Worten, das sind Leute, die mitmachen, weil sie das, was sie machen, gerne tun, und nicht in der Hauptsache des Geldes wegen. Selbst die abgebrühteren von ihnen haben immer noch etwas, das sie an ihrer Arbeit lieben, denn sonst wären sie nicht dabei. Und sie lieben eben auch Jim selber. Ich denke, „Popatopolis” kriegt es ganz gut hin zu zeigen, was es ausmacht, an so einem Set zu ein. Man sieht zwar, wie Jim aufs Tempo drückt, aber er ist nicht der Typ, der einfach sagt, „Pass auf, ich brauche eine Totale, eine Nahaufnahme und einen Schulterschuss.” Denn ganz egal, an was er gerade arbeitet, er macht es mit Sorgfalt. Man kann in meinem Film sehen, dass er die Dinge auf die richtige Weise machen will. Er braucht nicht eine endlose Zahl von Takes, aber er hört auch nicht auf, bevor er hat, was er will.

screen/read: Es gibt diese eine spezielle Sequenz im Film, die das sehr gut wiedergibt. Julie Smith bekommt da einen Satz einfach nicht richtig auf die Reihe. Das geht über schätzungsweise zehn Minuten so. Und Jim verhält sich zwar freundlich, aber zugleich auch fordernd – ganz egal, wie relevant der betreffende Text an dieser Stelle sein mag. Diese Sequenz unterscheidet sich sehr stark vom Rest des Films, und ich hatte den Eindruck, Du hast sie drin gelassen, um zu zeigen, wie wichtig es für Jim ist, eine Szene auf die richtige Weise hinzubekommen. Oder wie hast Du die Situation damals erfahren?

Clay Westervelt: Ich bin froh, dass Du das erwähnst, denn das ist eine meiner Lieblingsszenen. Und es ist auch eine von denen, die in den Testvorführungen am meisten kritisiert wurde. Die Leute sagten, „Du solltest eine Menge von dem Material zwischen den Takes einfach rausschneiden.” Aber da war ich von Anfang an strikt gegen. Ich wollte möglichst wenige Cuts, denn sobald man anfing, Sachen herauszuschneiden und nur noch zeigte, wie sich Take an Take reiht, würde man sich darüber lustig machen, dass Julie ihren Text nicht hinbekommt. Und das war nicht meine Intention. Für mich hat diese Szene viel mehr zu bieten. Ich bin da hin und her gerissen. Zum einen tut mir Julie leid, denn wir kennen alle die Erfahrung, etwas nicht richtig auf die Reihe zu kriegen, weil man Druck hat oder nicht genug geschlafen oder was auch immer der Grund sein mag. Zum anderen verstehe ich aber auch Jim Position, denn es gibt mehrere Takes, wo der Text einfach überhaupt keinen Sinn macht. Das Beste an der Szene allerdings zeigte sich, als ich sie mir zusammen mit Jim und Julie ansah und beide zu dem Schluss kamen, dass sie Jims Unfähigkeit widerspiegelt, Julie wirklich zu helfen. Und ich denke, das sagt eine Menge über die Beziehung der beiden aus. Für mich ist das also eine sehr reiche Szene darüber, was zwischen diesen Menschen vor sich geht.

screen/read: Glücklicherweise hast Du dann drin gelassen. Auch das ist ja ein Vorteil, wenn man unabhängig arbeitet. Ich bin mir ziemlich sicher, wäre da ein Studio oder eine große Produktionsgesellschaft beteiligt gewesen, hättest Du die ganze Sache herausschneiden müssen.

Clay Westervelt: Denke ich auch. Ich war aber eben in der glücklichen Lage, diesen Film mit meinem eigenen Geld zu machen, und ich weiß auch nicht, wie das möglich gewesen wäre, wenn mir jemand über die Schulter gesehen und auf die eine oder andere Weise Druck ausgeübt hätte. Ich erachte es als einen Riesenerfolg, in der Lage gewesen zu sein, eine solche Dokumentation mit soviel Humor und Unterstützung aller Beteiligten gemacht zu haben. Und das bedeutet mir etwas.

Popatopolis

screen/read: Da „Popatopolis” jetzt endlich auf dem Markt ist, was sind jetzt Deine nächsten Projekte? Und werden Dokumentarfilme auch zukünftig Dein Hauptfokus sein?

Clay Westervelt: Eigentlich war es so, dass ich, nachdem ich meinen Abschluss bei der USC gemacht hatte, der Überzeugung war, ausschließlich fiktionale Filme zu machen. Mit der Zeit fand ich dann aber heraus, dass ich auch eine Menge für Dokumentarfilme übrig habe, und das war mir zuvor überhaupt nicht klar. In der Schule hatte ich mich mit dem Thema überhaupt nicht auseinander gesetzt. Derzeit sind mehrere Dokumentationen in Arbeit. Mein Partner und ich arbeiten gerade an einem Projekt mir einer völlig anderen Art von Geschichte. Da geht es um einen amerikanischen Schönheitswettbewerb für behinderte Mädchen. Es ist eine sehr bewegende Geschichte über Kids, die unterschiedliche Formen von Behinderungen haben und ihre eigene Stimme finden, um für das anerkannt zu werden, was sie als Menschen ausmacht. Der Film heißt „Chasing Butterflies“. Zusätzlich arbeite ich aber auch noch an einem Low-Budget-Thriller. Das Projekt entwickeln wir gerade. Und dann sitze ich noch an einem Science-Fiction-Film, für den wir auf Finanzierungssuche sind. In beiden Fällen würde es mir nichts ausmachen, unter den Auflagen eines Studios zu arbeiten, aber independent würde es eben auch fantastisch sein.

screen/read: Du hast beide Seiten erfahren, und zwar sowohl im Hinblick auf Budget, als auch was die kreative Freiheit angeht. Wo liegt aus Deiner Sicht der entscheidende Unterschied? Und wo siehst Du zukünftig spezielle Chancen für unabhängiges Filmemachen?

Clay Westervelt: Aus meiner Erfahrung als Regisseur und im Hinblick auf den Prozess des Filmemachens selber gibt es da keinen großen Unterschied zwischen Low und High Budget. Man kann auf beiden Ebenen mit großartigen Leuten arbeiten. Wo ich allerdings große Unterschiede sehe, das ist bei der Vermarktung und beim Vertrieb. Das Vertriebsgeschäft ist im Wandel. Ich beobachte die Musikindustrie als Modell sehr genau, denn da ist mit digitalen Downloads und Piraterie ja einiges drunter und drüber gegangen. Dasselbe passiert jetzt auch im Filmbereich. Ich denke, es wird da einen Durchbruch in der Art und Weise des Vertriebs von Independent-Produktionen geben. Im Moment weiß allerdings noch niemand so genau, wie das aussehen könnte. Zudem spielt der Wandel in der Vermarktung heute eine entscheidende Rolle, und das Netz ist da ein wichtiger Faktor, weil dort sehr zielgerichtete Werbung möglich ist. Man kann da in gewissem Sinn wie ein Scharfschütze vorgehen und ist in der Lage, sein Kernpublikum gezielt anzusprechen. Die Dinge ändern sich also. Natürlich wird es in einem gewissem Umfang immer Platz für die großen Hollywood-Filme geben, aber ich denke, dass wir mit den neuen Vertriebsmodellen nach und nach auch einige sehr interessante und ungewöhnliche Stimmen von unabhängigen Filmemachern hören werden, die eine ganz eigene Sicht auf die Welt haben. Diese werden dann auch in der Lage sein, ihre Arbeit einen breiteren Publikum zu präsentieren, und das auf eine Weise, die sie sich vor Jahren noch gar nicht hätten leisten können.

[Die englische Originalfassung unseres Interviews findet sich hier.]

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[Abbildungen: Imaginaut Entertainment Inc / Clay Westervelt]

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