Planet der Affen: Revolution | Filmkritik

09. August 2014

Planet der Affen - Revolution

„I want to be a man“, singt Affenkönig Louie und schwingt dabei das Tanzbein. 1967 hört das Kinopublikum diese artenübergreifenden Worte aus der Feder der Sherman Brothers zum ersten Mal. Ein Jahr später scheint der Herzenswunsch des gekrönten Orang-Utans aus dem „Dschungelbuch“ mit dem ersten „Planet der Affen“-Film bereits erfüllt – für die menschliche Spezies allerdings auf denkbar ungünstige Weise. Die Romanvorlage des Franzosen Pierre Boulle war bereits 1963 erschienen, doch ob das Songschreiberduo davon Kenntnis genommen hatte, ist nicht bekannt.

Welcher Einfluss hier auch immer wirksam gewesen sein mag, in jedem Fall haben die Autoren dieses neuesten Teils der immer wiederkehrenden Affen-Saga mehr oder weniger die dunkle Seite des berühmten „Monkey-Songs“ zu Papier gebracht. „An ape like me can learn to be like you“, und das muss nichts Gutes heißen. Am Ende des erneut vom doppelten Genitiv bestimmten „Dawn of the Planet of the Apes“ werden die längst auf einer höheren Evolutionsstufe angekommenen Affen nämlich genau dazu den blutigen Beweis erbracht haben. King Louie hatte sich das ganz sicher anders vorgestellt.

Die Geschichte beginnt 10 Jahre nach dem Vorgängerfilm „Prevolution“ (bzw. „Rise“ anstelle von „Dawn“). Die Menschheit ist im Wesentlichen an den Folgen derselben medizinischen Experimente zugrunde gegangen, die den Affen ihre Weiterentwicklung ermöglicht hatten. Die Primatenschar um den Clanführer Caesar (Andy Serkis, wer sonst?) ist in den Wäldern geblieben, um friedlich und unbehelligt eine Gemeinschaft zu bilden, Nachwuchs zu zeugen und Zeichensprache zu lernen. Affen töten keine Affen, lautet ihr oberstes Gebot. Es soll sie für alle Zeit von den Menschen unterscheiden und deren fatale Fehler vermeiden helfen.

Planet der Affen - Revolution

Zu Beginn begleiten wir die arrivierten Primaten auf die Jagd (die Lust auf Fleisch hat sich offenbar schon durchgesetzt), schauen zu, wie sie höchst reflektierte Gespräche führen, ein beschauliches Familienleben pflegen und den hierarchischen Regeln ihres Clans bedingungslos folgen. Dass dieser Garten Eden nur ein Paradies auf Zeit sein kann, liegt auf der Hand. Auch der Anstifter des unvermeidlichen Sündenfalls ist (für den Zuschauer) schnell ausgemacht und sein Name lautet Koba. Hier gilt: Nomen est Omen, denn „Koba“, das war einst ein bevorzugtes Pseudonym von Joseph Stalin.

Als eine Gruppe Menschen in den Wald vordringt, um eine stillgelegtes Wasserwerk wieder in Gang zu setzen und so den Überlebenden im nahegelegenen San Francisco Elektrizität zu verschaffen, ist es vorbei mit dem sorglosen Leben. Misstrauen und Furcht auf beiden Seiten scheinen einen Krieg heraufzubeschwören. Doch Caesar, der unter Menschen aufgewachsen und ihnen nicht grundsätzlich feindlich gesinnt ist, lässt sich zu einem Deal überreden und setzt damit ungewollt Kobas wachsenden Ungehorsam frei. Eine folgenschwere Konstellation.

Es braucht nicht viel, um diesen neuerlichen Affenfilm zu mögen, denn wenn sich die anfängliche Begeisterung über die lebensechte Animation der Primaten erst einmal gelegt hat, nimmt die schicksalsschwere, aber auch vorhersehbare Geschichte ihren Lauf und reißt die Figuren hemmungslos mit. Immer wieder leuchten Momente auf, die glauben lassen, dass ein friedliches Miteinander von Primaten und Menschen durchaus möglich wäre – allerdings nur, damit die Hoffnung darauf im Anschluss umso gründlicher zertrümmert wird.

Planet der Affen - Revolution

Eine besonders schöne Sequenz zeigt, wie der liebenswerte Orang-Utan Maurice (mit Sicherheit ein entfernter Verwandter von King Louie) von einem Jungen eine Graphic Novel geschenkt bekommt und sie dann gemeinsam mit ihm liest, aufmerksam, staunend und zärtlich. Hier schlägt das Herz des Films, und auch wenn die unterschiedlichen Trailer selbstredend seine lauten Seiten in den Mittelpunkt stellen, sind es doch die leisen Augenblicke, die sich einprägen und nach allem Kampfgetümmel nachhaltig in Erinnerung bleiben. Matt Reeves beherrscht sie mindestens so gut wie das aufmerksamkeitsintensive Spektakel, und man muss sich umso deutlicher in Erinnerung rufen, dass nicht nur die Godzilla-Variante „Cloverfield“ unter seiner Regie entstanden ist, sondern auch das berührende Vampir-Teenager-Drama „Let me in“.

Eine dort bereits einmal eingesetzte visuelle Technik variiert er hier mit optimalem Effekt. In beiden Fällen erlaubt eine festinstallierte Kamera die seltsam entrückte Wiedergabe eines besonders einschneidenden Ereignisses. Im früheren Film begleitet sie aus dem Innenraum eines Wagens dessen mehrfachem Überschlag, hier zeigt sie von der Einstiegsluke eines Panzers aus, wie ein Affe erst das Gefährt entert, dann wütend zwei Insassen tötet und schließlich das Tor zur Festung der Überlebenden durchbricht. Wer hier nicht kurz innehält und sich fragt, was er da gerade eigentlich gesehen hat, ist vermutlich zwischendurch eingeschlafen.

Warum Reeves sich als erstes und letztes Bild des Films allerdings jeweils ein computeranimiertes Augenpaar in Nahaufnahme ausgesucht hat und damit ziemlich genau Ein- und Ausstieg von James Camerons „Avatar“ wiederholt, wird nicht so ganz ersichtlich. Andererseits ist die grundsätzliche Ähnlichkeit beider Filme mit ihren per Motion Capture animierten Waldbewohnern im Krieg gegen die menschliche Rasse ohnehin nicht so leicht von der Hand zu weisen und eigentlich Stoff für ein ganzes Buch über wiederkehrende Topoi im Hollywoodkino der Gegenwart.

Planet der Affen - Revolution

Wer sich im Verlauf von „Revolution“ an shakespearsche Königsdramen erinnert fühlt, teilt diese Assoziation mit so manchem Rezensenten, und da ist durchaus auch etwas dran. Allzu sehr bemühen sollte man den Vergleich jedoch nicht, denn genauso lässt sich an Orwells „Animal Farm“ denken (wo Stalins Pendant „Napoleon“ heißt – und in der französischen Fassung bemerkenswerterweise gar „César“), Ridley Scotts „Gladiator“, die Rückkehr von Richard Löwenherz oder den Bruderzwist von Kain und Abel. Andere Bezüge sind je nach Geschmack aber genauso legitim.

Entscheidender als die Suche nach den Inspirationsquellen des Autorentrios Mark Bomback („Wolverine: Weg des Kriegers“), Rick Jaffa und Amanda Silver (beide bereits für den Vorgängerfilm verantwortlich) ist der Blick auf die willkommene Dreistigkeit der Macher, beim verantwortlichen Studio einen Sommerblockbuster durchzusetzen, der über weite Strecken auf Untertitel angewiesen ist, weil sich seine Hauptfiguren fast ausschließlich per Gebärdensprache unterhalten. Ob man den Verantwortlichen in der Chefetage zur Bekräftigung der eigenen Argumente wohl Jean-Jacques Annauds „La Guerre du Feu [dt. Am Anfang war das Feuer]“ gezeigt hat (US-Verleih in beiden Fällen: 20th Century Fox)? Vermutlich nicht.

Dass 3D weiterhin dem Verdacht unterliegt, dem Kinobesucher in den meisten Fällen einfach nur zusätzlich in die Tasche zu greifen, belegt „Planet der Affen: Revolution“ leider allzu deutlich. Kaum eine Einstellung lässt den dreidimensionalen Effekt auch nur erahnen und außer einem dunkleren Bild bei ohnehin zurückhaltendem Lichteinsatz ist nichts gewonnen. [LZ]

Planet der Affen – Revolution

P.S.: Wie es um die Menschwerdung der Affen tatsächlich bestellt ist, zeigt aktuell ein Rechtsstreit zwischen dem britischen Tierfotografen David Slater und Wikipedia. Auf einer Fotosafarie in Indonesien hatte ein Makakenweibchen Slaters Kamera entwendet und ein Selfie geschossen. Das Bild war in der Online-Enzyklopädie gelandet. Jetzt droht der Fotograf sein Urheberrecht einzuklagen, doch bei Wikipedia ist man anderer Auffassung: Der Urheber sei schließlich der Affe, und der hat bislang noch keine Ansprüche geltend gemacht. Was wohl Caesar dazu sagen würde?

P.S.II: Im Hinblick auf zukünftige Teile der Serie hätten wir für den deutschen Verleih nach „Prevolution“ und „Revolution“ an dieser Stelle noch ein paar ähnlich einfallsreiche Untertitelvorschläge im Angebot, und zwar: „Konterrevolution“, „Absolution“ und „Affolution“. Bitte zugreifen und Lizenzgebühr entrichten.

OT: Dawn of the Planet of the Apes (USA 2014) REGIE: Matt Reeves. BUCH: Mark Bomback, Rick Jaffa, Amanda Silver. MUSIK: Michael Giacchino. KAMERA: Michael Seresin. DARSTELLER: Andy Serkis, Jason Clarke, Toby Kebbell, Keri Russell, Kodi Smit-McPhee, Gary Oldman, Nick Thurston, Karin Konoval, Kirk Acevedo, Terry Notary, Jon Eyez. LAUFZEIT: 130 Min.

Planet der Affen - Revolution

[Abbildungen © 2014 Twentieth Century Fox]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Hinterlasse eine Antwort