Pet (2016) | Filmkritik: Käfighaltung

23. Juni 2017

Pet | Filmkritik

[Lesedauer: ca. 1:50 Minuten]

Dies ist der feuchte Traum eines jeden scheuen Jungen, der sich unsterblich in ein Mädchen verliebt, das nichts von ihm wissen will. Jeder Versuch, die Angebetete vom Gegenteil zu überzeugen, ist nicht nur per se zum Scheitern verurteilt, sondern macht die Sache nur noch hoffnungsloser. Am Ende schleudert sie dem armen Tropf schlimmstenfalls ihre uneingeschränkte Abneigung entgegen, bricht ihm das Herz und demütigt ihn auf denkbar schmerzhafte Weise. Was aber, wenn sich das Blatt doch noch wenden ließe? Wenn die Unwillige plötzlich in seiner Hand wäre, gezwungen, sich ihm ganz zu überlassen, bis sie erkennt, dass er und sie sich doch viel ähnlicher sind als gedacht? So würde man es sich wünschen – insbesondere wenn man Vollblut-Psychopath ist. Seth gehört zu dieser Spezies.

Und weil Seth von Dominic Monaghan gespielt wird, ist der unscheinbare Niemand mit Tendenz zu obsessivem Verhalten eine ziemlich glaubwürdige Figur. Vom Film selber kann man das ab einem bestimmten Punkt eher weniger behaupten, doch dazu später. Der scheue Junge von „Pet“ arbeitet als Hilfskraft in einem Tierheim und hat zu den dort untergekommenen Hunden ganz offensichtlich ein besseres Verhältnis als zu den Menschen seines Umfeldes. Aber hat er überhaupt ein Umfeld? Jedenfalls ist es ganz schnell um ihn geschehen, als ihm Holly wiederbegegnet (Ksenia Solo, „Lost Girl“), mit der er zur Schule gegangen ist. Oder denkt er sich das nur aus? Sie jedenfalls kann sich nicht erinnern. Und als er sie im Diner besucht, wo sie kellnert, ist ihr sein Gesicht schon längst wieder entfallen.

Doch Seth trägt das Stalker-Gen in sich und so recherchiert er ihr hinterher, so, wie man das heute eben macht, per Google, Facebook, Instagram (heißen hier nur lustigerweise ganz anders). Bald schon kennt er ihre Vorlieben, Interessen, Gewohnheiten. Ein anderer Film hätte daraus vielleicht ein interessantes Psychodrama entwickelt, doch dafür hat „Pet“ keine Zeit. Seth ist nicht raffiniert genug, um mit dem neu erworbenen Wissen etwas Sinnvolles anzufangen, und so bleibt am Ende nicht mehr als ein Strauß mit Hollys Lieblingsblumen übrig. Doch nicht mal den kann der scheue Junge nutzen, um bei ihr zu punkten. Stattdessen treibt er sie direkt in die Arme ihres Ex-Lovers.

Pet | Dominic Monaghan

Pet | Ksenia Solo

Warum wir das so ausführlich nacherzählen? Weil im ersten Akt der bessere Film steckt – was nicht heißt, dass „Pet“ als Genrebeitrag misslungen ist. Seth macht Nägel mit Kopfen, entdeckt im Keller des Tierheims einen ungenutzen Lagerraum. Ideal für Herzdamen in Käfighaltung (und angeblich das Originalset von „Saw“). Holly wird also entführt und findet sich hinter schwedischen Gardinen wieder. Doch bald schon zeigt sich, dass Seth seine Gefangene alles andere als im Griff hat. Stockholm-Syndrom? Wohl kaum. Stattdessen hat sich Autor Jeremy Slater („The Lazarus Effect“) eine Reihe ebenso absurder wie unterhaltsamer Twists ausgedacht, bei denen man schonmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann.

Das ist alles flott erzählt und zunehmend mit den passenden Lachern ausgestattet, die jede noch so aus der Luft gegriffene Entwicklung rechtfertigen – ein B-Film im besten Sinn, ideal für Genrefestivals in lauen Sommernächten oder thematische Double Bills (vielleicht mit Almodovars „Atame!“ oder „Boxing Helena“ von Jennifer Lynch). Handwerklich gibt es an der amerikanisch-spanischen Co-Produktion nichts zu bemängeln. Für Carles Torrens, der hier nach „Apartment 143“ und einer TV-Arbeit seinen dritten Langfilm vorlegt, ist „Pet“ ein schickes Bewerbungsschreiben in Richtung Blumhouse. Skurrilles am Rande: Laut Box Office Mojo [1] lagen die Einspielergebnisse in den USA am Premierenwochenende bei stolzen 63 Dollar. [LZ]

OT: Pet (USA/ES 2016). REGIE: Carles Torrens. BUCH: Jeremy Slater. MUSIK: Zacarías M. de la Riva. KAMERA: Timothy A. Burton. DARSTELLER: Dominic Monaghan, Ksenia Solo, Jennette McCurdy, Da’Vone McDonald, Nathan Parsons, Janet Song, Sean Blakemore. LAUFZEIT: 94 Min. VÖ: 23.06.2017.

Pet | DVD-Cover

[Abbildungen: Pandastorm]

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