PAYBACK – Tag der Rache (Offender) | Filmkritik

28. Juli 2013

Payback - Tag der Rache (Offender)

So richtig gut weggekommen ist dieses eindringliche Gefängnisdrama aus England leider nur sporadisch. Zu sehr hatte so mancher Kritiker offensichtlich noch Jacques Audiards „Un prophète“ im Hinterkopf, um einigermaßen unvoreingenommen an diesen mit überschaubaren Mitteln produzierten Debütfilm heranzugehen. Der Vergleich ist mehr als unfair, denn „Offender“ spricht durchaus seine eigene Sprache und muss sich vor möglichen Vorbildern nicht verstecken. Christopher Diekhaus nähert sich dem Film mit einer angemessen kritischen Würdigung.

Anders als der schlichte Originaltitel („Offender“) weist das deutsche Pendant – nicht zuletzt aus vermarktungstechnischen Gründen – ganz direkt auf die Rachehandlung hin, die im Zentrum von Ron Scalpellos Spielfilmdebüt steht. Der unbändige Wunsch nach Vergeltung ist der Motor dieses Gefängnisdramas, das durchaus Parallelen zu Alan Clarkes skandalumwittertem Regiestreich „Scum“ (1979) erkennen lässt, insgesamt aber einen erfreulich eigenständigen Zugang zum Milieu der jugendlichen Häftlinge findet. Bestimmt wird der Handlungsverlauf von physisch spürbaren und harten Gewaltakten, deren reinigende Wirkung der Regisseur jedoch durch visuelle Verfremdungseffekte und einen mitunter verstörenden Klangteppich in Frage stellt.

Auch wenn „Payback“ sicherlich mehr kompromissloses Actiondrama als sezierende Sozialstudie ist, streift der Film immer wieder handfeste gesellschaftliche Befindlichkeiten: Schon zu Beginn sind die im Jahr 2011 ausgebrochenen Unruhen präsent, die in London und anderen englischen Städten ein erschreckendes Ausmaß an Vandalismus und Plünderungen nach sich zogen. Selbst als das Geschehen ganz in die Welt des düsteren Jugendgefängnisses verlagert wird, gibt es mehrfach Hinweise auf den sozialen Furor außerhalb der Mauern und das Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeiten der britischen Demokratie.

Payback - Tag der Rache (Offender)

Ungeachtet dieser Zwischentönte ist der Film ganz auf seinen Protagonisten Tommy zugeschnitten. Obwohl er nicht in allen Szenen zu sehen ist, wird die Geschichte von seinem tunnelartigen Blick dominiert. Tommy ist ein hart arbeitender junger Mann, der seiner schwangeren Freundin, der Bewährungshelferin Elise (Kimberley Nixon, „Black Death“), eine sichere Zukunft bieten möchte. Er ist glücklich, manchmal vielleicht etwas reizbar, und doch voller Vorfreude auf seine neuen Herausforderungen. Als Elise entdeckt, dass einige von ihr betreute junge Männer für einen Raubüberfall mit Todesfolge verantwortlich sind, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Nach der Arbeit wird sie von einem Maskierten auf offener Straße angegriffen und so schwer verletzt, dass sie ihr Baby verliert.

Tommy ist verzweifelt und muss kurz darauf den nächsten Tiefschlag hinnehmen. Denn die traumatisierte Frau will nicht länger mit ihm zusammen leben. Von diesem Moment an schwört der junge Mann Rache. Er stellt Nachforschungen an und attackiert schließlich einige Polizeibeamte, um nach seiner Verurteilung in jenes Gefängnis zu gelangen, in dem der selbstherrliche Jake (UK-Rapper English Frank) und seine Gangmitglieder einsitzen. Langsam tastet sich Tommy an die Gruppe heran, denn er weiß, dass einer von ihnen Elise verprügelt und das Baby auf dem Gewissen hat.

Was einen konventionell-gradlinigen Racheplot vermuten lässt, entfaltet sich – zumindest in der ersten Filmhälfte – als mitreißende Verknüpfung von Gegenwart, Vergangenheit und halluzinatorischen Erinnerungsfetzen. Drehbuchautor Paul Van Carter und Regisseur Scalpello gewähren dem Zuschauer nur schrittweise Zugang zum Verständnis der unheilvollen Ausgangssituation. Die Entschlossenheit, mit der Tommy anfangs den Polizisten entgegentritt, legt zwar nahe, dass er einen Plan verfolgt, was genau ihn antreibt, bleibt hier allerdings ungewiss. Kleine Hinweise deuten den schmerzlichen Verlust des jungen Mannes an – etwa wenn Tommy bei einer Befragung zu seinem Familienstand einen Moment zögert, bis er erklärt, dass er keine Freundin habe, aber auch überhöht in Szene gesetzte Reminiszenzen an die glückliche Zeit mit Elise. Nach und nach setzt sich das Bild zusammen, und es wird ersichtlich, wieso Tommy sich gerade für Jake und dessen Komplizen interessiert.

Payback - Tag der Rache (Offender)

Eine ganze Weile ist der Protagonist nicht mehr als ein fiebriger Beobachter der unmenschlichen Zustände, die ihn im Jugendknast umgeben. Er muss sich an diese von Abhängigkeiten, Unterdrückung und Gewalt geprägte Welt gewöhnen, in der selbst das Wachpersonal nur wenig Interesse an deeskalierendem Handeln zeigt. Der sadistische Wärter Nash, abgründig verkörpert von Shaun Dooley (Reverend Tom Stuart aus „Eastenders“), führt ein grausames Regiment. Er lässt seine angestauten Frustrationen an den jungen Häftlingen aus und wird sich auch Tommy in unmotiviert-pervertierter Weise nähern. Figuren wie diese und das grundsätzlich angespannt-aggressive Klima innerhalb der Jugendanstalt lassen sich als bewusste Spiegelung der tumultartigen Verhältnisse lesen, die außerhalb der Mauern vorherrschen.

Während der Film, vor allem dank seiner geschickten Erzählhaltung, bis etwa zur Mitte zu fesseln weiß, zerfasert die Handlung in der zweiten Hälfte leider zusehends. Tommy hat sich „akklimatisiert“ und bereitet sich akribisch auf seinen Racheakt vor. Was folgen muss, ist klar. Und doch wird die eigentliche Konfrontation mit Jake mehrfach hinausgezögert. Einige wenig plausible Wendungen verlagern das Geschehen und ziehen es gleichzeitig unnötig in die Länge. Die Verbindung unterschiedlicher Stränge will hier (im Gegensatz zur ersten Dreiviertelstunde) weniger überzeugend gelingen. Erfreulicherweise hält der Film dennoch weitestgehend an seiner pessimistischen Grundausrichtung fest und mündet in ein alptraumhaft inszeniertes Finale.

Größter Pluspunkt des schonungslosen Gefängnisdramas ist Hauptdarsteller Joe Cole, in dessen eindringlichem Spiel tief sitzender Schmerz und unbändige Wut eindrucksvoll spürbar werden. Seine Wandlung vom einfachen Jugendlichen zum unnachgiebigen Racheengel bleibt, trotz Drehbuchschwächen, stets nachvollziehbar. [Christopher Diekhaus]

OT: Offender (UK 2012) REGIE: Ron Scalpello. BUCH: Paul Van Carter. MUSIK: Chad Hobson. KAMERA: Richard Mott. DARSTELLER: Joe Cole, English Frank, Kimberley Nixon, Shaun Dooley, Tyson Oba, Ruth Gemmell, Mark Harris, David Ajala. LAUFZEIT: 98 Min. (DVD), 102 Min. (Blu-ray). VÖ: 04.07.2013

Offender

Payback - Tag der Rache (Offender)

[Abbildungen: Sunfilm/Tiberius]

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