Palo Alto | Filmkritik

02. Juli 2015

Palo Alto

Der Name Coppola hat immer noch Klang. Während New-Hollywood-Legende Francis Ford Coppola in den letzten Jahren als Regisseur etwas kürzertrat, hat sich vor allem seine Tochter Sofia mit feinfühligen, präzise inszenierten Dramen als eigenständige Stimme etabliert. An ihre Seite trat 2013 Gia Coppola, die Enkelin des Kino-Altmeisters, die eine Sammlung von Kurzgeschichten aus der Feder von Kreativ-Tausendsassa James Franco für ihr Regiedebüt adaptierte. „Palo Alto“ feierte seine Premiere auf dem Telluride Film Festival und war im Herbst 2013 auch in Venedig zu sehen: Ein Teenager-Film, der sich wohltuend von anderen Genre-Vertretern abhebt – schon allein dadurch, dass er keine gradlinige, plotzentrierte Geschichte erzählt.

Auch wenn der Einstieg mit seinem wilden Partytreiben an sattsam bekannte „American Pie“-Muster erinnert, könnte sich Coppola im Folgenden nicht weiter von derartigen Zotenparaden entfernen. Ihr Hauptaugenmerk gilt den orientierungslosen Figuren, die vor dem Ende ihrer Highschool-Zeit stehen und spürbar mit dem Erwachsenwerden hadern. In ihren Alltag blendet sich die Filmemacherin immer wieder ein, ohne sich allzu deutlich auf einen Protagonisten zu fokussieren.

Teddy (Jack Kilmer, Vals Sohn) und Fred (Nat Wolff, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter) sind beste Freunde, hängen ständig gemeinsam ab, kiffen und treiben allerlei Blödsinn, mit dem sie ihre Langeweile bekämpfen. Die schüchterne April (Emma Roberts), an der Teddy Gefallen findet, muss sich von ihren Fußballkameradinnen anhören, dass ihr Trainer Mr. B (unterfordert: James Franco himself) scharf auf sie sei. Was die junge Frau ein wenig verunsichert, da sie gelegentlich als Babysitterin auf seinen Sohn aufpasst. Mitschülerin Emily (Zoe Levin) wiederum lässt keine Gelegenheit für sexuelle Abenteuer aus und bandelt irgendwann mit Fred an.

Palo Alto

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Die kleinstädtische Welt, die der Film zeichnet, ist geprägt von einer umfassenden Leere, die sich auch deshalb breitmacht, weil es keine Orientierungspunkte für die Jugendlichen gibt. Sie alle kommen aus begüterten, weißen Familien – Palo Alto ist nicht nur Sitz vieler Technikkonzerne, sondern auch eine äußerst wohlhabende Gemeinde – und scheinen dennoch mit ihren Problemen alleine zu sein. Elternfiguren tauchen nur sporadisch auf, sind entweder selbst auf Drogen (wie Val Kilmer in einer Nebenrolle als Aprils Stiefvater) oder aber heucheln Unterstützung vor. Mehrfach ist von Liebe die Rede, doch echte Zuneigung sucht man vergebens. Vielmehr dominiert in den eleganten Villen mit ihren weitläufigen Auffahrten Gleichgültigkeit. Bloß das Nötigste wird hier gesprochen. Weshalb die Teenager immer mehr in ihrem alltäglichen Kreislauf aus Kiffen, Herumlungern und Feiern versinken.

Dass ihnen die Realität, das richtige Leben große Angst bereitet, ist besonders in den Gesprächen zwischen dem introvertierten Teddy und dem aufgekratzten Fred zu spüren. Immer wieder unterhalten sie sich über hypothetische Szenarien, die ihren Wunsch, dem trostlosen Dasein zu entfliehen, nur noch mehr betonen. Autoritäre Stimmen wie die eines Jugendrichters liegen ein ums andere Mal über den Bildern, kommen aber von weit her und scheinen die Teenager nicht wirklich zu erreichen.

Trotz einiger überhasteter Drehbuchentwicklungen gelingt es Coppola am Ende recht überzeugend, kleine Hoffnungsschimmer aufblitzen zu lassen. Nicht alle Protagonisten sind rettungslos verloren, sollen uns die letzten Einstellungen sagen, wenngleich vieles in der Schwebe bleibt. Zu den Qualitäten von „Palo Alto“ zählt auch, dass es die Debütregisseurin fertigbringt, Schulschlampe Emily als verzweifelte Liebessuchenden zu zeichnen. In anderen Filmen fiele eine solche Figur oberflächlich und verachtenswert aus. Hier hat man hingegen ab einem gewissen Punkt Mitleid mit ihr, da das einsame Mädchen im Grunde ständig ausgenutzt wird. Durchweg überzeugende Darstellerleistungen – allen voran sind Emma Roberts und Jack Kilmer zu nennen – runden den unaufgeregten Debütfilm ab, der mit seinem Zeitlupen- und kraftvollem Musikeinsatz bisweilen sogar meditative Züge annimmt. [Christopher Diekhaus]

Palo Alto

OT: Palo Alto (USA 2013) REGIE: Gia Coppola BUCH: Gia Coppola MUSIK: Devonté Hynes, Robert Schwartzman KAMERA: Autumn Durald DARSTELLER: Emma Roberts, Jack Kilmer, Nat Wolff, Olivia Crocicchia, Claudia Levy, James Franco, Val Kilmer, Andrew Lutheran, Zoe Levin, Colleen Camp LAUFZEIT: 96 Min (DVD), 100 Min (Blu-ray). VÖ: 10.07.2015.

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[Abbildungen: Capelight]

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