PACIFIC RIM | Filmkritik

18. Juli 2013

Pacific Rim

„Size does matter“ war 1998 auf allen möglichen überdimensionierten Werbeträgern zu lesen, und dabei ging es nicht etwa um einen besonders hoch aufgestockten BigMäc. Gemeint war das von Roland Emmerich frisch reanimierte Seemonster „Godzilla“, das in seinen Dimensionen selbst Spielbergs ein Jahr zuvor erneut losgelassene „Jurassic Park“-Dinos im Vergleich wie lächerliche Eidechsen aussehen lassen wollte. Dass die fröhlichen Chauvinisten aus der Marketingabteilung von Sony den Slogan zur Premiere auf die T-Shirts einer Reihe gut ausgestatteter Grid-Girls drucken ließen, machte die Kampagne nicht gerade tiefsinniger, aber entsprach trefflich der plakativen Schlichtheit des Films selber. Knappe 10 Minuten kürzer, aber in allen sonstigen Dimensionen ungleich ausufernder, lässt Guillermo del Toros „Pacific Rim“ schlichtweg jeden anderen Riesenmonsterfilm alt, blass und winzig klein aussehen.

Überhaupt: Vergessen wir Godzilla, denn die gigantischen Kreaturen, die einem Portal am Grund des Pazifiks entstammen und der Menschheit den Garaus machen wollen, gehören keineswegs zu den üblichen Nebenprodukten radioaktiver Verseuchung, sondern sind eher entfernte Verwandte von Lovecrafts Cthulhu-Göttern. Insofern kommt „Pacific Rim“ del Toros gescheitertem Traumprojekt „At the Mountains of Madness“ derzeit vielleicht am nächsten. Und weil den Mexikaner nun einmal eine unsterbliche Liebe zu fantastischen Kreaturen aller Art vorantreibt, mögen seine Kaiju zwar die Menschheit vernichten wollen, aber bewundern soll man sie trotzdem.

Für diesen an sich absurden Nerd-Widerspruch (zugleich das Grundprinzip eines jeden Slasher-Films) haben sich del Toro und Co-Autor Travis Beacham („Clash of the Titans“) eine passende Nebenfigur ausgedacht, die nach und nach zum heimlichen Helden des Films avanciert. Mit Kaiju-Tattoos auf den Unterarmen und kindlicher Begeisterung für alle noch so peripheren Details zu den Kreaturen ausgerüstet, erweist sich der Monster-Experte Newton Geiszler nicht nur rasch als Alter Ego seiner Macher, sondern auch als überhöhte Parodie der Kernzielgruppe. Mit dem Objekt seiner Bewunderung so gut wie möglich eins zu werden (ein Wunsch, den der Film auf seine Weise wortwörtlich erfüllt), gehört da bekanntlich zu den wichtigsten Triebkräften. Wer jemals eine Fan-Convention besucht hat, dürfte sich ziemlich genau vorstellen können, was das heißt.

Pacific Rim

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Aber der Reihe nach: In naher Zukunft (Obama ist noch Präsident) entsteigen dem Meer gigantische Monster und zertrümmern alles, was ihnen in den Weg kommt. Die Weltgemeinschaft begräbt sofort das Kriegsbeil, reißt sämtliche Grenzen nieder und installiert einen globalen Regierungsverbund. Um die neuen gemeinsamen Gegner adäquat bekämpfen zu können, macht man das einzig Sinnvolle: Man baut ebenso gigantische Roboter (und nennt sie ganz germanophil „Jaeger“), die sich mit den Invasoren klassische Zweikämpfe liefern. Wie gesagt, das einzig Sinnvolle. – Doch die Kreaturen aus einem Paralleluniversum lernen schnell und machen den zunächst erfolgreichen Blechsoldaten schon bald eine gewaltigen Strich durch die Rechnung. Das Programm wird eingestellt, und die Menschheit entschließt sich, stattdessen lieber riesige Schutzmauern zu bauen. Nur vier verbliebene Kampfroboter verteidigen die weiterhin ungeschützte Küste Hong Kongs. Doch da ist noch ein wagemutiger Geheimplan, der den Krieg vielleicht beenden könnte.

Dass letzterer bereits in einem Blockbuster von 2012 zum Einsatz kam – geschenkt. Überhaupt muss man einfach hinnehmen, was einem der Film da erzählen will, denn so manche Grundidee kann einem schon gehöriges Kopfzerbrechen bereiten. Aber um Logik oder gar Realismus geht es del Toro selbstredend nicht. „Pacific Rim“ nimmt sich ganz ausdrücklich die beliebten japanischen „Kaiju“- bzw. „Daikaiju“- und „Mecha“-Filme zum Vorbild, in denen nun einmal gigantische Monster und Roboter die Hauptrollen spielen (besonders ähnlich: die Anime-Serie „Neon Genesis Evangelion“). Und da muss man halt hinnehmen, dass es nicht denkbar ist, die überdimensionierten Kreaturen einfach von oben anzugreifen und mit Bombern aus der Luft niederzustrecken. Auch die Tatsache, dass während der Konstruktions- und Bauphase der Kampfroboter nicht bereits der gesamte Planet in Schutt und Asche gelegt wird, gehört zu den Spielregeln. So ist das eben.

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Del Toro erzählt von jeher bevorzugt Märchen eigener Prägung, und dafür lieben ihn seine Fans. Wie er die reale Welt dabei einbindet – als Schreckgespenst, vor dem einen nur Fantasiewelten retten können („Pans Labyrinth“), oder als Zerrbild mit cartoonartiger Anmutung („Hellboy“) – das hängt vom jeweiligen Stoff ab, doch er vergisst sie nie. Vielleicht war auch das der Grund, warum sich ein High-Concept-Projekt wie „Der Hobbit“ für Außenstehende nie so richtig ins Oeuvre des Monstermachers einfügen wollte. In „Pacific Rim“ ist der Realanteil schlichtweg eine Utopie. Die Kriege untereinander haben aufgehört, die Menschheit arbeitet Hand in Hand, um sich ihr Überleben zu sichern. Und dieses Prinzip reicht bis ins Cockpit der Jaeger.

Denn diese lassen sich – noch so ein Axiom – nur von zwei Piloten bedienen, deren neuronale Netze miteinander verbunden sind. Oder weniger sachlich: deren gesamtes Innenleben mit Erinnerungen, Träumen, Traumata und Ängsten dem jeweils anderen uneingeschränkt zugänglich wird. Im Kopf des Jaegers an mechanische Steuerungseinheiten angeschlossen (eine Art überdimensionierte Wii mit maximalem Körpereinsatz), werden sie kalibriert und reagieren im Kampf automatisch gleich. Warum sie das nicht auch aus hundert Kilometer Entfernung von der sicheren Homebase aus tun können? Weil der Film das nicht will.

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Doch wie sehr die megalomanen Kampfszenen und visuell überwältigenden Demonstrationen physischer Größe auch die Hauptattraktion sind, begehen del Toro und Beacham zum Glück nicht den Fehler, die Figuren im Hintergrund verschwinden zu lassen. Im Gegenteil. Drei Charaktere stehen im Mittelpunkt und jeder von ihnen hat sein eigenes Trauma im Gepäck. Noch vor der Titeleinblendung etwa sehen wir, wie Kampfpilot Raleigh Becket (Charlie Hunnam, „Sons of Anarchy“) per neuronaler Verbindung den Tod seines Bruders miterleben muss und fortan dessen Sterbeerfahrung als eigene Erinnerung mit sich herumträgt. Nicht weniger prägend fällt die grausame Kindheitserfahrung aus, die seine spätere Co-Pilotin Mako Mori (Rinko Kikuchi, „Naokos Lächeln“) vorantreibt, und die dem Film zugleich Gelegenheit zu einer unerwartend verstörenden Sequenz zu Beginn des dritten Aktes bietet. Mit beiden ist Ausbilder Stacker Pentecost auf ganz eigene Weise verbunden und Idris Elba („Prometheus“) legt seine Figur passend mit einer interessanten Kombination aus Geradlinigkeit und verborgener Melancholie an.

Die Dramen der Figuren bleiben zwar auch für ein jüngeres Publikum leicht konsumierbar, verleihen dem Film aber nichts desto trotz eine angenehme Vielschichtigkeit, die ihn deutlich vom Bausatzniveau vergleichbarer Produktionen (allen voran Michael Bays brachial-tumbe „Transformers“-Reihe) abhebt. Hinzu kommt del Toros ausufernde Liebe zu Details und skurrilen Nebencharakteren (darunter ein von Ron Perlman lustvoll karikierter Schwarzmarkthändler, der sich auf Kaiju-Devotionalien spezialisiert hat) sowie ein angenehm konservativer Inszenierungsstil bei allen Actionsequenzen, der dafür sorgt, dass man nie den Überblick verliert.

Gegen eine 3D-Konvertierung hatte sich der Mexikaner zunächst gesträubt, konnte aber immerhin eine 40-wöchige Bearbeitungsphase durchsetzen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn die Bilder standardmäßig eine Spur dunkler sind und die gigantischen Größenverhältnisse leichte Einbußen erleiden. Dass der Film (wohlgemerkt kein Sequel, Prequel oder Remake) in den USA am Startwochenende weit hinter den Erwartungen zurückblieb, ist an sich bereits bedauerlich. Dass er dabei aber ausgerechnet an der ultraflachen Adam-Sandler-Komödie „Kindsköpfe 2“ scheiterte, darf man getrost als Katastrophe werten, gegen die selbst ein perfekt trainierter Jaeger nichts ausrichten kann. [LZ]

OT: Pacific Rim (USA 2013) REGIE: Guillermo del Toro. BUCH: Guillermo del Toro, Travis Beacham. MUSIK: Ramin Djawadi. KAMERA: Guillermo Navarro. DARSTELLER: Charlie Hunnam, Idris Elba, Rinko Kikuchi, Charlie Day, Burn Gorman, Robert Kazinsky, Max Martini, Ron Perlman. LAUFZEIT: 131 Min.

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[Abbildungen: © 2013 Warner Bros. Entertainment Inc. and Legendary Pictures Funding, LLC. Photo Credits: Courtesy of Warner Bros. Pictures]

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