Open Grave | Filmkritik

31. August 2014

Open Grave

Kollektive Amnesie ist im Horrorkino mittlerweile ein eigener Topos. Beispiele wie „Cube“, „Saw“, „Predators“ oder auch „Resident Evil“ beziehen einen Teil ihrer Spannung daraus, dass die Charaktere keine Ahnung haben, wo sie sind, wie sie dort hingekommen sind und schlimmstenfalls gar wer sie sind, aber nichts desto trotz unmittelbar auf eine Bedrohung reagieren müssen. „Open Graves“ zieht die Schraube noch etwas enger und hetzt gleich 6 Figuren mit gründlichem Gedächtnisverlust aufeinander. Und mindestens einer von ihnen könnte eine tödliche Gefahr darstellen.

Zu Beginn wacht genau dieser orientierungslos in einem offenen Massengrab auf. Knochen knacken, ihm gelingt die Flucht, doch viel gewonnen ist damit nicht. In einer nahegelegenen Waldhütte trifft er auf drei Männer und zwei Frauen, von denen ihn einige für eine Bedrohung halten, auch wenn es um ihr eigenes Erinnerungsvermögen nicht besser gestellt ist. Die einzige Ausnahme scheint eine stumme Asiatin zu sein, aber mit ihr ist keine Verständigung möglich. Kennen sich die Personen untereinander? Werden Sie heimlich überwacht? Und was für eine Gefahr lauert draußen?

Viel mehr lässt sich im Grunde nicht vorwegnehmen, denn der Reiz dieses (mit großer Wahrscheinlichkeit aus Kostengründen) in Ungarn gedrehten Mystery-Thrillers liegt hauptsächlich in den vielen ungeklärten Fragen, mit denen sich die Figuren herumschlagen müssen, während die Zeichen sich mehren, dass keiner von ihnen sicher ist. Wer sich im Genre gut auskennt, hat gedanklich zwar rasch die möglichen Optionen durchgespielt, auf die der Film hinauslaufen könnte, doch da hier nichts allzu offensichtlich gerät, bleibt man trotzdem gerne am Ball.

Open Grave

Das hat nicht zuletzt mit den durchweg guten Leistungen vor und hinter der Kamera zu tun. Sharlto Copley („District 9“) und der dauerpräsente Thomas Kretschmann (wird seinen deutschen Akzent vermutlich niemals los) bilden ein interessantes Gegenspielerpaar, wobei nie so ganz klar ist – und schon gar nicht den Protagonisten selbst – wer auf welcher Seite steht. Überhaupt wechseln die einzelnen Figuren mehr als einmal die Haltung zueinander und sorgen so für eine instabile Gruppendynamik, obwohl sie angesichts der äußeren Bedrohung besser daran täten, am selben Strang zu ziehen – ein echtes „Walking Dead“-Problem.

Skript und Regie halten sich von den üblichen Klischees weitestgehend fern (einzig ohne leidiges Stolpern und Hinfallen in drängenden Fluchtsituationen geht es anscheinend nicht). Der Spanier Gonzalo López-Gallego, der hierzulande bislang nur durch den 2011er Found-Footage-Schocker „Apollo 18“ aufgefallen ist, verzichtet auf alles, was von der Kerngeschichte ablenken könnte, lässt den Zuschauer aber immer noch nahe genug an einige der Figuren heran, um eine Beziehung herzustellen. Eingestreute Erinnerungsfetzen erlauben nur Vermutungen und erklären nichts – was die Handlung wiederum spannend hält.

Für Bedenken, dass die Auflösung allzu trivial oder forciert ausfallen könnte, gibt es erfreulicherweise keinen Grund. Im Gegenteil: Sie fügt dem Film eine willkommene Dosis Tragik hinzu und stellt auch rückwirkend zufrieden. Am Schluss ist der Wunsch nach einem Franchise vielleicht allzu offensichtlich, aber das soll den insgesamt guten Eindruck nicht trüben. 100 Minuten ohne nennenswerte Abzüge (aber einem Trailer, der alles vorwegnimmt, und deshalb hier nicht zu sehen ist). [LZ]

P.S.: Dass im Bonusmaterial von DVD und Blu-ray so ziemlich alle Beteiligten zu Wort kommen, nur der Regisseur nicht, ist seltsam auffällig und spricht normalerweise für eine Distanzierung vom fertigen Film (Idealbeispiel: „Cabin Fever 2“). Ein lesenswertes Interview mit López-Gallego bei den Kollegen von twitch belegt, dass dies hier jedoch nicht der Fall ist.

OT: Open Gravve (USA 2013) REGIE: Gonzalo López-Gallego. BUCH: Eddie Borey, Chris Borey. MUSIK: Juan Navazo. KAMERA: José David Montero. DARSTELLER: Sharlto Copley, Thomas Kretschmann, Erin Richards, Josie Ho, Joseph Morgan, Max Wrottesley. LAUFZEIT: 102 Min. VÖ: 26.09.2014.

Open Grave

[Abbildungen: © Universum Film (Packshot) | Atlas Independent (Stills)]

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