Omnívoros – Das letzte Ma(h)l | Filmkritik: Elitär ist verboten lecker

22. Februar 2016

Omnivoros

Supper-Clubs, die elitäre Art, in privaten Räumlichkeiten Restaurant zu spielen, sind seit einer Weile auch in Deutschland ein zunehmend populäres Thema. Der Clou dabei ist, dass man nicht für Freunde und Verwandte serviert, sondern für gänzlich fremde Gäste. Bezahlt wird per freiwilliger Spende, damit sich der Betreiber die gastronomische Lizenz sparen kann. Einladungen erfolgen per per Mund-zu-Mund-Propaganda oder über die sozialen Medien. Bei „Omnívoros“ (etwa: Allesfresser), einem kleinen spanischen Thriller von 2013, geht es allerdings um die gänzlich geheime Variante, von der nur Eingeweihte wissen. Über sie soll Restaurantkritiker Marcos Vela einen Beitrag, vielleicht sogar ein ganzes Buch schreiben. Hätte er doch nur die Finger davon gelassen!

Denn Filmemacher Óscar Rojo ist offenbar ein Fan der „Hostel“-Reihe von Eli Roth und lockt seinen Protagonisten deshalb rasch ins Herz der Finsternis. Dort finden sich gerne elitäre Parallelgesellschaften zusammen, deren Vorstellungen von Recht und Moral herzlich wenig mit aufgeklärt-demokratischen Gepflogenheiten zu tun haben. Dass sich der Gourmet-Schreiber also bald schon mit der Möglichkeit konfrontiert sieht, Kulinarisches vom Homo Sapiens verköstigt zu bekommen, sollte wenig wundern. Gegen Geld geht eben alles.

Aber keine Angst: Auch wenn das deutsche Artwork erwartungsgemäß blutig auf den Putz haut, hält sich der Film selber von zu befürchtenden Exploitation-Orgien weitestgehend fern. Anstatt sich in grafischer Gewalt zu suhlen, singt Rojo lieber das alte Lied vom „Anything Goes“ einer dekadent-kapitalistischen Gesellschaft, die sich von albernen Konventionen zum Wert des menschlichen Lebens nicht den Spaß verderben lässt. Beim ersten Mal mache die Moral noch auf sich aufmerksam, bemerkt ein regelmäßiger Gast gegenüber dem sichtlich blockierten Neuankömmling in der Kannibalen-Runde irgendwann, danach komme der Appetit aber beim Essen. Man muss sich eben einfach nur überwinden können.

Omnivoros

Der Film erzählt seine Geschichte zügig und ohne Längen, auch weil die ganze Angelegenheit eigentlich in einer Dreiviertelstunde Spielzeit bereits abzuhandeln wäre. Die Einführung in die geheime Welt der Supper-Clubs ist schön stufig aufgebaut und hangelt sich vom völlig überteuerten Spezialkaviar über den tödlich giftigen Fugu zum sprechenden Zweibeiner, dessen Filet für mindestens 20.000 Euro meistbietend versteigert wird (die Köpfe der Opfer dienen dabei selbstverständlich als Deko – schließlich will man ja nicht die Katze im Sack kaufen bzw. essen). Gepflegte Konversations- und eher wenig humane Jagd- und Schlachtsequenzen werden brav gegeneinander montiert. Dass Velo, der Kritiker, mit Sex, also der anderen Fleischeslust, in die Höhle des Löwen gelotst wird, versteht sich von selbst.

Die Verlegerin spielt gerne mit, denn schließlich verspricht das Thema einen Bestseller. Und wer sich bei einer der geheimen Schlemmereien daneben benimmt, landet garantiert später selber auf dem Teller – auch eine Form von Ethik. Das liest sich leichtfüßiger als es ist, denn „Omnívoros“ nimmt sich durchaus ernst, was aber eher angenehm als störend ausfällt, denn Sympathien gibt es für die Täter keine. Selbst bei Velo muss man überlegen, ob man ihn leiden kann, denn Neugier und das vielversprechende Buchprojekt (journalistischen Eifer will man einem Restaurantkritiker eher nicht unterstellen) scheinen doch mehr zu wiegen als moralische Bedenken.

Bildästehtisch ist das alles solide, wenn auch nicht mehr. Die Farben fallen blass und verwaschen aus, manches wirkt arg überbelichtet und auf der Tonspur lassen sich deutliche Schwankungen schwerlich ignorieren. Viel Geld wird Rojo nicht zur Verfügung gestanden haben. Umso mehr haben er, seine Crew und (der durchweg gute) Cast alles rausgeholt, was möglich war, und einen durchaus gelungenen Beitrag zur aktuellen spanischen Horrorwelle sowie der zunehmenden Rückkehr des Kannibalenfilms geliefert. Jemand möge ihm bei nächster Gelegenheit ein vernünftiges Budget zur Verfügung stellen. Hier schlummert Potential. [LZ]

OT: Omnívoros (ES 2013). REGIE: Óscar Rojo. BUCH: Óscar Rojo. MUSIK: Lucía Rojo. KAMERA: José Antonio Muñoz Molina. DARSTELLER: Mario de la Rosa, Fernando Albizu, Sara Gómez, Paco Manzanedo, Marta Flich, Ángel Acero. LAUFZEIT: 81 Min (DVD), 85 Min (Blu-ray). VÖ: 27.06.2014.

Omnivoros

[Abbildungen: Mad Dimension]

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