Oktober November | Filmkritik

11. Dezember 2014

Oktober November

Wer schon immer wissen wollte, wie man im Film von „schweren“ Themen wie Tod und Identitätskrise erzählen soll, ohne in billige Melodramatik zu verfallen, dem sei die neueste Regie-Arbeit des Österreichers Götz Spielmann wärmstens empfohlen. Das Drama „Oktober November“ umkreist die ganz großen Fragen, erzählt von Entfremdung, familiären Enttäuschungen und der Last des Alterns, verweigert sich dabei aber einer Effekthascherei, wie sie im Kino ansonsten leider viel zu oft beobachtet werden kann.

Auf musikalische Untermalung verzichtet der Autorenfilmer gänzlich. Statt hektisch montierter Bilder dominieren ruhige, bisweilen sogar statische Einstellungen, die dem Betrachter die Möglichkeit geben, den Figuren und ihrer Verunsicherung nahezukommen. Und nicht selten verweilt der Kamerablick auf einzelne Szenen ein wenig länger als eigentlich notwendig, sodass wir uns noch einmal klar machen können, was wir gerade gesehen und gehört haben.

Ähnlich wie in seinem viel beachtetem Thriller-Drama „Revanche“, das 2009 eine Nominierung für den Auslands-Oscar erhielt, nimmt sich Spielmann ausreichend Zeit, um die Koordinaten seiner Geschichte festzulegen, wobei nicht sofort deutlich wird, worauf das Gezeigte hinausläuft. Strukturiert ist der Film zunächst in zwei parallele Handlungsstränge, die nach einer ausführlichen Exposition schließlich zusammenfließen.

Ganz zu Anfang lernen wir die erfolgreiche Fernsehschauspielerin Sonja (Nora von Waldstätten) kennen, die in einem schicken Berliner Designer-Apartment lebt, viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legt und von einer Affäre zur nächsten springt. In der österreichischen Provinz wiederum begegnen wir Sonjas Schwester Verena (Ursula Strauss), einer bodenständigen Ehefrau und Mutter, die ihrem Vater (Peter Simonischek) bei der Instandhaltung des elterlichen Gasthofes unter die Arme greift und ihr festgefahrenes Dasein durch eine Affäre mit dem hiesigen Landarzt (Sebastian Koch) aufzubrechen versucht. Als der Vater eines Tages einen Herzinfarkt erleidet und fortan kürzer treten muss, kehrt Sonja, offenbar zum ersten Mal seit längerer Zeit, in ihre Heimat zurück. Der Beginn eines konfliktreichen familiären Miteinanders, das einige bittere Wahrheiten zu Tage fördert.

Oktober November

Äußerst spannend ist schon die Art und Weise, wie der Regisseur und Drehbuchautor die beiden gegensätzlichen Welten zeichnet. Auf der einen Seite das mondäne Berlin, Edelrestaurants, Filmsets, Abendessen im Kreise wichtiger Branchengrößen, im Grunde alles ein wenig künstlich und theatralisch in seiner Aufmachung. Auf der anderen Seite die urtümliche Alpenwelt, rustikale Stuben und einfache Leute, die rau, aber authentisch wirken. Kein Wunder, dass es nach Sonjas Ankunft im Gasthof recht schnell zu atmosphärischen Störungen kommt.

Scheinen die Rollen fürs Erste klar verteilt, zeigt sich mit zunehmender Dauer, dass alle Protagonisten von Zweifeln und Unsicherheiten verfolgt werden. Verena hat sich für ihre Familie stets aufgeopfert und sich dadurch nie selbst verwirklichen können. Ihr Vater schleppt seit Ewigkeiten ein schmerzliches Geheimnis mit sich herum. Und Sonja ist hinter ihrer perfekten Fassade der Verzweiflung nahe, da sie mittlerweile glaubt, ihr ganzes Leben nur Rollen gespielt zu haben. Jetzt, im Angesicht einer schweren Erkrankung, versagen die lange aufrechterhaltenen Verdrängungsmechanismen, was jedoch nicht nur zu schmerzlichen Auseinandersetzungen führt. Auch neue Annäherungen sind plötzlich möglich, wie sich schrittweise offenbart.

Gerade vor dem Hintergrund dieser ambivalenten Gemengelage – Wut, Trauer, Enttäuschung, Mitgefühl und Verständnis sind gleichermaßen im Spiel – kann man die Leistung der Darsteller gar nicht oft genug herausstellen. Während Nora von Waldstätten hinter ihren makellosen Zügen Trauer und Einsamkeit subtil aufscheinen lässt, gelingt es Ursula Strauss, ihrer Rolle, die starke Ähnlichkeiten mit ihrer Figur aus „Revanche“ aufweist, neue Facetten abzugewinnen. Unbedingt erwähnt werden muss auch Peter Simonischek, der zunächst als grantiger Patriarch überzeugt, um später als bettlägeriger Kranker vollends über sich hinauszuwachsen. Für eindringliche Momente am Rande sorgt Jungdarsteller Andreas Ressl, über den Spielmann sehr anschaulich die kindliche Angst vor dem Tod thematisiert.

Bemerkenswert ist nicht zuletzt, dass wir im Finale zwar noch immer auf eine trostlos-herbstliche Alpenkulisse schauen und uns hochemotionalen Entwicklungen gegenübersehen, dabei aber plötzlich von Hoffnung erfüllt werden. In jedem Ende kann wirklich ein neuer Anfang stecken, wollen uns die finalen Bilder vermitteln, ohne dass damit alle vorherigen Konflikte auserzählt oder begraben wären. [Christopher Diekhaus]

Oktober November

OT: Oktober November (AT 2013) REGIE, BUCH: Götz Spielmann. KAMERA: Martin Gschlacht. DARSTELLER: Nora von Waldstätten, Peter Simonischek, Sebastian Koch, Johannes Zeiler, Andreas Ressl, Sebastian Hülk, Samuel Finzi. LAUFZEIT: 110 Min (DVD, Blu-ray). VÖ: 14.10.2014.

Oktober November

[Abbildungen: © coop99/SpielmannFilm (Stills) | © MFA+ FilmDistribution e.K. (Poster)]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

David Cronenberg | Verzehrt

Kommentare sind geschlossen.