OBLIVION | Filmkritik

12. April 2013

Oblivion

Erstaunlich wenig Werbeaufwand für eine Produktion dieser Größenordnung: „Oblivion“ erschien auf den deutschen Leinwänden mehr oder weniger von heute auf morgen und fast gänzlich ohne die übliche 360°-Vorab-Penetration. Ebenso bemerkenswert: Die mit geschätzten 120 Millionen Dollar ansehnlich budgetierte Scifi-Fantasie sollte ihren US-Start erst eine ganze Woche später als der überwiegende Rest der Welt erleben (Japan ausgenommen) – und das nicht etwa, weil man einem wichtigen Mitbewerber um die Publikumsgunst weichen musste. Zudem lässt ein Rezensions-Embargo bis einen Tag vor der Premiere gewöhnlich nichts Gutes erwarten.

Vielleicht war man nach den wenig berauschenden Einspielergebnissen von „Jack Reacher“ vorsichtig geworden, was die Zugkraft von Hauptdarsteller Tom Cruise anging und hielt sich deshalb mit der Verschwendung von Werbeetats zurück. Vielleicht wollte man aus demselben Grund den außeramerikanischen Markt nicht mit mittelmäßigen heimischen Besucherzahlen negativ beeinflussen. Und vielleicht befürchtete man wenig wohlwollende Kritik, die vorab für schlechte Mundpropaganda hätte sorgen können (was erstaunlich genug wäre angesichts des geringen Wertes, den die Studios professionellen Rezensionen heute beimessen). Alles in allem: Welche strategischen Überlegungen und Bedenken hier auch immer am Werk gewesen sein mögen, der Film selber ist jedenfalls nicht das Problem.

Ganz im Gegenteil, möchte man hinzufügen. Das erste Drittel ist geradezu (und hier besteht auch kein Anlass zu kritischer Bescheidenheit) berauschend. Wenn man etwa die arg komplizierte und viel zu lange Exposition aus dem Off nur am Rande nachvollziehen kann, so liegt das weniger an der eigenen Begriffsstutzigkeit als vielmehr daran, dass die auf visuelle Überwältigung getrimmten Bilder ungeteilte Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Und als wäre das nicht genug, liefert die Tonspur obendrauf noch eine alles vereinnahmende großorchestral-elektronische Bombastarchitektur (des französischen Electro-Duos M83), die einem endgültig die Sinne vernebelt. Hier ist jeder Widerstand schlicht zwecklos.

Oblivion

Oblivion

Schauplatz ist eine postapokalyptische Erde, lange Jahre nach dem mit Nuklearwaffen geführten Verteidigungskrieg gegen außerirdische Invasoren. Die verbliebene Menschheit, so erfahren wir, ist auf den Saturnmond Titan ausgewandert, während auf dem Heimatplaneten nur noch einige wenige Dronenmechaniker stationiert sind, die beim Aufräumen helfen und sicherstellen, dass die letzten Ressourcen reibungslos abgezogen werden können. Einer von ihnen ist Jack Harper (nicht mit Charlie, Jake und Alan verwandt). Zusammen mit seiner Partnerin Victoria, die ihn während seiner Außeneinsätze von einer gesicherten Basisstation kilometerweit über der Erdoberfäche aus überwacht, steht er kurz vor Beendigung seiner Aufgabe und der Weiterreise zu Titan. Doch seltsame Erinnerungen an die Zeit vor der Invasion halten sein aus Sicherheitsgründen gelöschtes Gedächtnis wach. Warum fühlt er sich dem radioaktiv verseuchten Planeten verbundener als er eigentlich sollte?

Die Geschichte beginnt vielversprechend, kann aber die hohen Erwartungen, die sie weckt, nicht wirklich erfüllen. Das mag bedauerlich sein, ist aber kein ernstzunehmendes Problem, denn „Oblivion“ genügt sich als eklektische Hommage ohne Meilensteinanspruch. Und so hat Autor und Regisseur Joseph Kosinski (und seine gerüchteweise janusköpfige Drehbuch-Armada) auch ausgiebig bei so ziemlich allem Motivsuche betrieben, was innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte unter dem Label Science-Fiction über die Leinwand geflimmert ist. „Moon“, „Wall-E“, „Terminator Salvation“ und „Matrix“ sind wahrscheinlich die Haupteinflüsse, doch die Bausteine reichen auch weiter zurück bis zu „Alien Resurrection“, „Logan’s Run“ oder gar „Zardoz“. Wer eine vollständige Liste machen will, braucht einen großen Bogen Papier.

Tiefgründiges sollte man nicht erwarten, auch wenn der Film sich vermutlich selber gerne so sieht. Zivilisationskritik, Doppelgängertum, Messianismus, Metempsychose – das ist alles zuviel für den letztlich doch recht simplen Widerstandsplot, wie man ihn aus den meisten Starvehikeln für Hauptdarsteller Tom Cruise kennt. Doch wie gesagt, das ist alles halb so schlimm, denn „Oblivion“ unterhält ganz prächtig, sieht exzellent aus und kann sogar überraschen. Dass der Film dabei der Versuchung multipler Enden erliegt, wie sie seit Peter Jacksons drittem Ringe-Teil immer mal wieder durch die Drehbücher geistert, lässt sich hinnehmen. Jedenfalls ist es Kosinski nach dem eher ermüdenden „Tron Legacy“ gelungen, einen eigenständigen Blockbuster ganz ohne 3D und Sequelambitionen vorzulegen. Und das darf man durchaus beachtlich finden. [LZ]

OT: Oblivion (USA 2013) REGIE: Joseph Kosinski. BUCH: Joseph Kosinski, Karl Gajdusek, Michael Arndt. MUSIK: Anthony Gonzalez (M83), Joseph Trapanese. KAMERA: Claudio Miranda. DARSTELLER: Tom Cruise, Andrea Riseborough, Olga Kurylenko, Morgan Freeman, Nikolaj Coster-Waldau, Melissa Leo, Zoe Bell. LAUFZEIT: 126 Min.

Oblivion

[Abbildungen: Universal Pictures Germany]

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3 Antworten zu “OBLIVION | Filmkritik”

  1. [...] lebt dieses Jahr auf. Die ersten Kritiken zum Weltall-Abenteuer mit Tom Cruise gibt es bei screen/read, ChristiansFoyer (5,5/10), filmherum (4,5/5), CinemaForever,  popkulturschock (Note 1), [...]

  2. [...] Cinetastic.de ist zwar nicht vollends überzeugt, zerreißt den Film aber nicht in der Luft. Screen/read und Filmherum sind aber ziemlich angetan. Positiv hervorgehoben werden aber bei allen die optischen [...]

  3. [...] Thomas Lenz (screen/read) bringt es auf den Punkt: “Die Geschichte beginnt vielversprechend, kann aber die hohen Erwartungen, die sie weckt, nich… [...]

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