Nurse 3D | Filmkritik

18. Oktober 2014

Nurse 3D

Kreativmeeting bei Lionsgate, irgendwann im Frühjahr 2011. Produktionschef Mike Paseornek rauft sich die Haare. „Hat denn keiner von Euch eine sinnvolle Idee für ein bisschen schnell abgekurbelten Hochglanz-Trash, den wir alleine über sein Poster verkaufen können?“ Betretenes Schweigen, denn eine Menge Vorschläge sind bereits abgebügelt worden. Dann meldet sich Marketing-Guru Tim Palen zu Wort: „Ähm, ich verweise ja ungern auf meine eigenen Arbeiten, aber die Herren kennen vielleicht meine Fotoserie von blutverschmierten Krankenschwestern mit psychotischem Blick? Daraus könnte ich ein Plakat basteln und irgendjemand aus der dritten Reihe schustert uns dazu ein Drehbuch. Was meint ihr?“

„Mega, Tim, mega!“ Paseornek reißt die Arme hoch und wirft Palen Kusshände zu. „Noch besser als Dein Nacktfoto von Eli Roth mit dieser riesigen Genitalprothese. Warum kommt Ihr anderen Pfeifen nie auf eine so geniale Idee?“ Der Rest der Runde blickt beschämt zu Boden, doch ihr Vorgesetzter hat keine Zeit für weitere Schimpftiraden. Völlig aus dem Häuschen fantasiert er vor sich hin: „Die Story, ganz einfach, irre Schwester mit irgendeinem blöden Kindheitstrauma mordet vor sich hin, natürlich in 3D, dazu Latex und ein bisschen Lesbensex, ach ja, und Dita von Teese in einer Nebenrolle. Ein Selbstläufer! Ein Selbstläufer!“

So oder ähnlich kann man sich die Anfänge von „Nurse 3D“ vorstellen, doch ganz so problemlos lief die Angelegenheit dann doch nicht ab. Mit David Loughery als Autor („Money Train“) und Douglas Aarniokoski als Regisseur („Highlander: Endgame“) hatte man die Männer aus der dritten Reihe zwar schnell gefunden, doch obwohl die Dreharbeiten bereits wenige Monate später abgeschlossen waren, sollte es noch ganze zwei Jahre dauern, bis der Film öffentlich zu sehen war. Dita von Teese erwies sich übrigens als Gerücht.

Angesichts der eher suboptimalen Voraussetzungen ist das Endergebnis durchaus vorzeigbar geworden. Die Credit-Sequenz aus fiktiven Pulp-Covern gibt den Ton an, denn in erster Linie kommt der Film als Genre-Komödie daher, die sich glücklicherweise selber nicht allzu ernst nimmt. Der Zuschauer sollte sich dieser Haltung anschließen und so entspannt die zahlreichen Logiklöcher und fragwürdigen Entscheidungen einzelner Handlungsträger erdulden.

Nurse 3D

Die titelgebende Krankenschwester heißt Abigail Russell und ist in ihrer Überzeichnung praktisch ein Cartooncharakter. Dass die anderen Figuren angesichts ihrer unübersehbaren Komplettstörung nicht schon bei der ersten Begegnung Reißaus nehmen, gehört zu den vielen Komponenten des Films, die man einfach so hinnehmen muss. Schon nach den ersten Minuten, in denen Abby einen untreuen Ehemann ins Jenseits befördert (ihre wahre Berufung), weiß der Zuschauer Bescheid und wundert sich umso mehr, warum sonst niemand mitbekommt, was mit ihr nicht stimmt.

Ihr Opfer in ganz anderer Hinsicht: Danni, eine junge Lernschwester, zu der Abby rasch eine emotionale Bindung herstellt. Bereits in der ersten Woche macht sie die etwas naive Blondine (klischeegemäß ist die Antagonistin brünett) mit Alkohol und K.O.-Tropfen gefügig und nimmt sie mit in ihr Schlafzimmer. Als Danni ihre ziemlich beunruhigenden Avancen zurückweist, beschließt Abby, ihr das Leben zur Hölle zu machen.

Ein bisschen „Fatal Attraction“ hier, ein bisschen „American Mary“ dort, hat „Nurse 3D“ (freilich ohne nennenswerten 3D-Anteil) keine wirklich klare Linie. Das durch ein Kindheitstrauma ausgelöste Bedürfnis, untreuen Ehemännern den Garaus zu machen, ist nach den ersten fünf Minuten praktisch in Vergessenheit geraten, macht stattdessen Platz für Abbys Stalkerpsychose und liefert so gleich zwei Filme in einem. Dass der Fokus damit auf Danni (Katrina Bowden aus „30 Rock“) übergeht, ist jedoch eine gute Entscheidung, denn mit der mordenden Krankenschwester kann sich niemand identifizieren – erst recht nicht in der konsequent chargierenden Darstellung von Paz de la Huerta („Boardwalk Empire“). Warum sich der Film gegen Ende jedoch keinen Funken um das Schicksal seiner Hauptfigur schert, ist gerade vor diesem Hintergrund besonders unverständlich.

„Nurse 3D“ gibt sich alle Mühe vorzugeben, auf der Seite seiner weiblichen Protagonistinnen zu stehen, während die Männer als schwache, irrende oder einfach nur willenlos sabbernde Primaten nicht viel zu lachen haben (ein beliebter Standard im gegenwärtigen Horror- und Exploitation-Kino). Dem entgegen steht allerdings der allzeit voyeuristische Blick auf den weiblichen Körper und dessen Inszenierung als Sexobjekt.

Die eng anliegende, tief ausgeschnittene und lachhaft kurze Arbeitskleidung der Krankenschwestern jedenfalls erfüllt in erster Linie die Fetisch-Fantasien von 12-Jährigen und solchen, die der mentalen Pubertät bis heute nicht entwachsen sind. Und dass Abby ihre Reize bewusst als Waffe einsetzt, kann man durchaus als dramaturgischen Trick werten, um den eigenen Sexismus elegant zu maskieren. Dass diese Formel bereits ein Sequel in Gang gesetzt hat, versteht sich von selbst. [LZ]

Nurse 3D

OT: Nurse 3D (USA 2013) REGIE: Douglas Aarniokoski. BUCH: Douglas Aarniokoski, David Loughery. MUSIK: Anton Sanko. KAMERA: Boris Mojsovski. DARSTELLER: Paz de la Huerta, Katrina Bowden, Boris Kodjoe, Judd Nelson, Corbin Bleu, Niecy Nash, Michael Eklund, Martin Donovan, Melanie Scrofano, Kathleen Turners. LAUFZEIT: 84 Min (DVD), 87 Min (Blu-ray). VÖ: 10.10.2014.

Nurse 3D

[Abbildungen: Universum Film]

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