NO ONE LIVES | Filmkritik

18. März 2013

Nein, der Titel bezieht sich nicht darauf, dass praktisch alle Figuren dieses Films als blutleere Blaupausen daherkommen, um deren Leben oder Sterben sich kein Zuschauer ernsthaft schert. Im Countdown-Slasher ist das an sich nichts Ungewöhnliches, macht die Sache aber auch nicht besser. Denn wo einzig interessiert, wer als nächstes niedergemetzelt wird und auf welche Weise, da besteht weder sonderliches Identifikations- noch Innovationspotential. Wem allerdings serielles Dahinschlachten als Dramaturgie ausreicht, der ist bei „No one lives“ an der richtigen Adresse. Vor diesem Hintergrund ließe sich die zweite US-Arbeit von Ryuhei Kitamura eigentlich mit einem Schulterzucken abhaken. Die Tatsache jedoch, dass eben kein beliebiger Miethengst auf dem Regiestuhl gesessen (oder Michael Bay produziert) hat, erfordert dann doch ein genaueres Hinsehen.

Zumal Eröffnungssequenz und erster Akt durchaus vielversprechend ausfallen: Ein Mädchen versucht panisch, ihren Verfolgern zu entkommen und wird in letzter Sekunde auf spektakuläre Weise eingefangen. Ein junges Paar reist mit seinem gesamten Hab und Gut durchs Land, während zwischen ihnen ein dunkles Geheimnis zu stehen scheint. Eine innerlich zerstrittene Gang wird beim Ausrauben einer Villa von den Besitzern entdeckt und richtet ein Blutbad an. Als ihre Mitglieder wenig später auf das Pärchen treffen, eskalieren die Dinge auf unerwartete Weise, denn manches ist keineswegs so, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Das sind in etwa die ersten 20 Minuten, und die haben es durchaus in sich. Kitamura setzt den Auftakt effektiv in Szene, danach schraubt er das Tempo sichtbar zurück und lässt den parallel verlaufenden Handlungssträngen und offenen Fragen Zeit, sich zu entfalten. Eine Weile scheint es unmöglich zu sagen, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt, und so gibt der ansteigende Spannungsbogen einiges her. Umso ernüchternder muss wirken, was folgt.

No one lives

Ein überraschender Twist stellt alles bis dato Gezeigte in Frage und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Doch anstatt die auf der Hand liegenden Möglichkeiten zu nutzen, verfällt der Film in eine simple Slasher-Routine, die offenbar einzig mit hohem Blutanteil und möglichst absurden Tötungsmethoden punkten will. Unerwartet ist hier jedenfalls nichts mehr, und wer gar Logik oder Glaubwürdigkeit erwartet, muss von allen guten Geistern verlassen sein. Zu allem Überfluss bewegen sich die Schauspieler inklusive Luke Evans („Der Hobbit“) durchweg am Rand der Charge und fügen ihren eindimensionalen Figuren nichts Wesentliches hinzu.

Die Schuld liegt aller Wahrscheinlichkeit nach in erster Linie am Drehbuch von Newcomer David Cohen, dem so etwas wie Charakterzeichnung offenbar unbekanntes Terrain ist. Für den Japaner Kitamura jedenfalls, der 2008 mit „Midnight Meat Train“ sein US-Debüt gab und gleich eine der besten Clive-Barker-Adaptionen überhaupt ablieferte, war „No one lives“ ein echter Fehlgriff. Dass er visuell zumindest im ersten Drittel einiges aus der missglückten Geschichte herausholt, spricht immerhin für ihn.

Sein nächstes Projekt „Marble City“ ist erneut eine amerikanische Produktion. Es bleibt zu hoffen, dass er bei der Stoffauswahl diesmal wieder eine glücklichere Hand gehabt hat. [LZ]

OT: No one lives (USA 2012) REGIE: Ryuhei Kitamura. BUCH: David Cohen. MUSIK: Jerome Dillon. KAMERA: Daniel Pearl. DARSTELLER: Luke Evans, Adelaide Clemens, Derek Magyar, Beau Knapp, America Olivo, Lee Tergesen, Lindsey Shaw, George Murdoch, Laura Ramsey, Gary Grubbs. LAUFZEIT: 86 Min.

No one lives

[Abbildungen: Tiberius Film | WWE Studios]

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