Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis | Filmkritik

28. März 2015

Nightcrawler

Wer der Auffassung ist, diese finstere Satire über Sensationsjournalismus und mediales Blutgeld trage ein bisschen arg dick auf, sollte dringend einen Blick auf dasjenige werfen, was Bild-Chef Kai Diekmann jüngst über die von seiner Zeitung publizierten ungepixelten Aufnahmen trauernder Angehöriger im Umfeld des Flugzeugabsturzes der 4U9525 zu twittern hatte: Man halte sich „bei allem Mitgefühl“ schließlich an „internationale journalistische Standards“ – und das ist leider die traurige Wahrheit. Louis Bloom, der ebenso skrupellose wie clevere Antiheld von „Nightcrawler“, dehnt und deutet die Grenzen dieser Standards zwar auf eigene Weise, macht aus seiner Sicht aber alles richtig.

Dass dem Erfolg eine gute Dosis kriminelle Energie nur nützlich sein kann, kommt ihm dabei entgegen. Zu Beginn noch hält er sich nämlich mehr schlecht als recht mit dem Verkauf von Kanaldeckeln und heimlich abmontiertem Kupferdraht über Wasser. Überraschend dabei: Lou ist abgemagert und auch sonst sichtbar am Ende, seine Ausdrucksweise aber ausgesprochen gewählt und bedacht – kein Zeichen einer guten Kinderstube, sondern das Ergebnis fleißigen Lernens und Recherchierens im Internet. Eigentlich sollten einem wie ihm also eine Menge Türen offen stehen. Tun sie aber nicht, und das ist das Hauptproblem.

Als er eines Nachts Zeuge eines Autounfalls wird und beobachtet, wie ein Videojournalist (Bill Paxton) aus seinem Transporter stürmt und alles filmt, was ihm an blutigen Details vor die Kamera kommt, wittert Lou eine Berufung. Wenig später entdeckt er die Aufnahmen in den lokalen TV-Nachrichten und beschließt: Das kann ich auch. Eine billige Videokamera sowie ein Funkscanner sind mit klugem Verhandlungsgeschick rasch ergaunert und schon kann es losgehen. Den nächstbesten Unfallort erreicht er gerade noch rechtzeitig, bekommt dank naiver Dreistigkeit die besseren Aufnahmen als sein Mitbewerber und verkauft sie ihm vor der Nase weg. A Star is born.

Jake Gyllenhaal spielt diese Figur mit diabolischer Gewitztheit. Äußerlich bis zur Unkenntlichkeit heruntergehungert, verleiht er seinem Louis Bloom einen bösen komödiantischen Charme, dem man sich nur schwerlich entziehen kann. Das ist gut so, denn inhaltlich tendiert der Autodidakt an der Kamera zur Abscheulichkeit. Wer Dieter Lasers beängstigend moralfreie Darstellung des Journalisten Werner Tötges aus Schlöndorffs Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ kennt, wird in Bloom einen nahen Verwandten erkennen – nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass sich der Zuschauer ungewollt auf seine Seite ziehen lässt.

Am besten liefere er brutale Übergriffe auf den weißen Mittelstand, denn das gebe die besten Quoten, lässt ihn Nina Romina (Rene Russo), ihres Zeichens leitende Redakteurin der Morgennachrichten eines Lokalsenders, wissen. Für Bloom kein Problem, denn er lernt schnell und weiß, wie er liefern kann, was verlangt wird. Die Welt der schmierigen Street- und Crime-News scheint wie für ihn gemacht zu sein und so erreicht er schon bald eine Machtposition, die es ihm erlaubt, Forderungen zu stellen und Gegenleistungen zu verlangen, die er sich vermutlich nie zuvor erträumt hätte – zum Beispiel Ninas sexuelle Gefügigkeit.

Nightcrawler

Im Grunde ist „Nightcrawler“ eine Erfolgsgeschichte, denn Blooms Aufstieg erweist sich als unaufhaltsam. Die Regeln der Branche hat er im Nu begriffen und kann sie uneingeschränkt bedienen. Genauso wie das reproduzierte Panorama der Stadt im Nachrichtenstudio ist Realität hier allzeit ein Produkt von Überhöhung und Manipulation. Daran hält er sich. Wenn ihm etwas in die Quere kommt, schafft er es aus dem Weg. Wenn etwas nicht spektakulär genug ist, bessert er nach. Ein Unfallopfer zum Beispiel einfach ein Stück weiter nach links schieben, um einen besseren Bildausschnitt zu bekommen, kann nur nützen. Euphorisch begleitet ihn dabei die Musik von James Newton Howard, denn der Film erzählt seine Geschichte als Komplize der Hauptfigur und Einfälle wie diese sind nun einmal echte Triumphe.

Dan Gilroy (Autor von „Das Bourne Vermächtnis“) setzt in seinem Regiedebüt ganz auf eine Dramaturgie der Expansion. Jeder Schritt entwickelt sich notwendig aus dem vorherigen und Bloom holt jederzeit das Maximum aus einer bestehenden Situation heraus. Zufälle gelten als Fügungen und ein Rückschlag kann nur dazu dienen, bestehende Hindernisse gründlich und endgültig aus dem Weg zu räumen (koste es, wen oder was es wolle). Das sieht er ganz pragmatisch.

Messerscharf geraten die Dialoge (Gilroys größte Stärke) und wenn Lou monologisiert, bleibt der Kamera und dem Gegenüber nichts übrig außer regungslos zuzuhören. Am Ende geht endlich die Sonne auf im ansonsten meist neonbeleuchteten Los Angeles und Blooms frisch akquiriertes Team (selbstredend unbezahlte Praktikanten) macht sich auf, die Stadt zu erobern, als ginge es darum, für Recht und Ordnung zu sorgen. Und in gewissem Sinne ist das auch so, denn ganz nebenbei sorgt Lou auf seine Weise für die Erledigung zweier Gewaltverbrecher. Skrupelloser Sensationsjournalismus, der bessere Polizeiarbeit leistet als die Polizei selber? Das dürfte Kai Diekmann gut gefallen. [LZ]

Nightcrawler

OT: Nightcrawler (USA 2014) REGIE: Dan Gilroy. BUCH: Dan Gilroy. MUSIK: James Newton Howard. KAMERA: Robert Elswit. DARSTELLER: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Bill Paxton, Riz Ahmed, Rick Chambers, Holly Hannula, Michael Hyatt, Price Carson. LAUFZEIT: 114 Min (DVD), 118 Min (Blu-ray). VÖ: 26.03.2015.

Nightcrawler

[Abbildungen: Concorde | Screencapture TIFF]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

David Cronenberg | Verzehrt

Kommentare sind geschlossen.