National Treasure (2016) | Beklemmender Vierteiler über sexuellen Missbrauch

23. Oktober 2017

National Treasure

[Lesedauer: ca. 2:40 Minuten]

Es ist natürlich bloßer Zufall, dass diese mehrfach preisgekrönte britische Mini-Serie ausgerechnet zu einer Zeit auf dem deutschen Markt erscheint, da die Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein weltweit hohe Wellen schlagen. Ein Grund mehr jedoch, sie für das zu preisen, was sie ist – ein schmerzhafter und schonungsloser Blick auf dasjenige, was mit Menschen geschieht, die (möglicherweise) Opfer oder Täter geworden sind, mit ihren Angehörigen und Freunden, und einer Öffentlichkeit, die nicht glauben kann oder will oder sich wie hungrige Aasgeier auf alle Beteiligten stürzt. Vor allem aber geht es um den Zuschauer, der im Dunkeln gelassen wird darüber, ob die Vorwürfe echt sind oder inszeniert, was die Unklarheit mit uns macht, und auf welche Seite wir uns zu schlagen bereit sind.

Dabei bricht es über uns fast so unerwartet herein wie über die Beteiligten selbst: Eben erst haben wir den alternden Comedian Paul Finchley kennengelernt (Robbie Coltrane), wie er nach Jahrzehnten immer noch von Lampenfieber geplagt ist, angestrengt schnaubend, heillos übergewichtig, pointensicher und liebenswert. Zusammen mit seinem Bühnen- und TV-Partner Karl (Tim McInnerny) ist er eine echte Institution und für ganz England über Generationen hinweg so etwas wie ein Familienmitglied, das ab und zu über den Fernsehbildschirm in den heimischen Wohnzimmern vorbeischaut. Was könnte da unvorstellbarer erscheinen als der Vorwurf, er habe im Verlauf seiner Karriere mindestens sieben Frauen vergewaltigt, davon mehrere minderjährig?

Es wird lange keine Klarheit darüber geben, ob Finchley schuldig ist oder nicht. Doch die Zweifel schleichen sich zunehmend ein. Seine Ehe erweist sich nach und nach als Kompromissgemeinschaft, bei der seine Frau (Julie Walters) – eine überzeugte Katholikin – die Eskapaden ihres Mannes stillschweigend toleriert. Die gemeinsame Tochter (Andrea Riseborough) ist ein seelisches Wrack im Drogenentzug, heimgesucht von Depressionen, das einstmals gute Verhältnis zum abgöttisch geliebten Vater auf unerklärte Weise zerrüttet. Und doch gibt es da Bedauern und Sympathie für den alten Mann, dem sein Leben entglitten zu sein scheint, und der an den Vorwürfen zu zerbrechen droht. Die entscheidende Frage ist: Wollen wir die Wahrheit überhaupt wissen?

National Treasure | Andreas Riseborough

„National Treasure“ beruht lose auf der hierzulande weniger bekannten Operation Yewtree, einer Reihe großangelegter polizeilicher Ermittlungen zwischen 2012 und 2015, die sich unter anderem gegen den in England sehr populären TV-Star Jimmy Savile wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Kindern in bis zu 120 Fällen richteten. Der Vierteiler erzählt zwar eine gänzlich fiktive Geschichte, erlaubt ihr aber einen Realismus, dem sich schwerlich entziehen lässt. Drehbuch- und Bühnenautor Jack Thorne (vor allem bekannt für „Harry Potter und das verwunschene Kind“) hegt große Sympathien für seine Charaktere, leuchtet in ihre Tiefen und Abgründe, ohne sie dabei voyeuristisch bloßzustellen. Geradezu erschütternd geraten schließlich die Befragungen vor Gericht und die Konfrontation zwischen dem (vermeintlichen?) Täter und seinen Opfern.

Marc Munden, der für seine Leistung mit dem BAFTA ausgezeichnet wurde, inszeniert frei von Effekthascherei. Oft verschwimmt die Welt in Unschärfe, separiert die Figuren von ihr, rückt Emotionen in den Vordergrund, lässt Dinge verstummen wie unter einer Taucherglocke. Klug gewählt auch die Darsteller, die ihre eigene Biografie zum Teil ihrer Figuren werden lassen. Robbie Coltrane, insbesondere bekannt aus der Krimireihe „Cracker [dt. Für alle Fälle Fitz]“ und seit rund 40 Jahren vor der Kamera, ist selber so etwas wie ein britisches Nationalheiligtum. Mit Julie Walters spielte er bereits gemeinsam in den „Harry Potter“-Filmen (als Hagrid und Molly Weasley), beide sprachen Charaktere in „Merida“. Andrea Riseborough („Oblivion“, „Birdman“) leidet wie ihre Figur seit langem unter starken Depressionen, und Tim McInnerny hat einst mit Jimmy Savile bei dessen Show „Jim’ll fix it“ gearbeitet [1]. Mit entsprechender Ernsthaftigkeit müssen die Darsteller ihre Rollen angegangen sein. Das Ergebnis sind Szenen von großer Intensität und Unmittelbarkeit, wie man sie sonst am ehesten im Theater findet.

„National Treasure“ erinnert ganz nebenbei aber auch an die erzählerische Kraft des Mehrteilers, ein Format, das im allgemeinen Siegeszug der Endlos-Serien allzu sehr aus dem Blick geraten ist. Andere herausragende Beispiele aus den letzten Jahren wie „The Fear“ oder „The Missing“ zeigen vor allem, wie stark das britische Fernsehen mit diesem Format umgehen kann – und welchen Mut man bei der Auswahl und Umsetzung der Stoffe an den Tag legen muss, um dem Medium seine äußersten Möglichkeiten abzugewinnen. In Deutschland ist Vergleichbares leider immer noch absolut undenkbar. [LZ]

OT: National Treasure (UK 2016). REGIE: Marc Munden. BUCH: Jack Thorne. MUSIK: Cristobal Tapia de Veer. KAMERA: Ole Bratt Birkeland. DARSTELLER: Robbie Coltrane, Julie Walters, Andrea Riseborough, Tim McInnerny, Babou Ceesay, Mark Lewis Jones, Graeme Hawley, Cara Barton, Nadine Marshall, Trystan Gravelle, Lucy Speed, Kate Hardie, Susan Lynch, Ruby Ashbourne Serkis, Sarah Middleton. LAUFZEIT: 192 Min. VÖ: 13.10.2017.

National Treasure

[Abbildungen: Polyband | The Forge & all3media International / Aimee Spinks]

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