NAKED OPERA | Filmkritik

26. November 2013

Naked Opera

Angela Christliebs neuer Dokumentarfilm „Naked Opera“ ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Denn immerhin befasst er sich nicht nur mit einem faszinierenden, aber ebenso eigenwilligen Menschen, sondern lotet auf einer weiteren Ebene auch die Grenzen zwischen Authentizität und Inszenierung aus. Im Zentrum des Interesses steht Marc Rollinger, ein wohlhabender Personalchef aus Luxemburg, der an einer unheilbaren Autoimmunkrankheit leidet und ein glühender Opernliebhaber ist.

„Don Giovanni“ hat es ihm angetan, Mozarts Meisterstück über ein Mann, der sich um Moralvorstellungen wenig schert, von einer Affäre zur nächsten eilt und am Ende an seiner Maßlosigkeit zugrunde geht. Rollinger ist auf der Suche nach der perfekten Inszenierung seiner Lieblingsoper und reist dafür quer durch Europa. Er kennt jede Spielstätte, diniert in teuren Restaurants und liebt es, in hochklassigen Hotels zu residieren.

Doch damit nicht genug: Auf seinen Reisen umgibt sich der Luxemburger stets mit Escort-Boys, die ihm Gesellschaft leisten und mit denen er sich vergnügen kann. Abseits seines beruflichen Alltags, der im Film nie konkret beschrieben wird, bewegt er sich in einer schillernden Welt, neigt zu Dekadenz, überheblichem Auftreten und einer spielerischen Art des Philosophierens über das Leben.

Eigentlich müsste eine solche Hauptfigur beim Zuschauer vor allem eines hervorrufen: Ungläubiges Kopfschütteln. Schlimmstenfalls Missbilligung. „Naked Opera“ schafft jedoch praktisch das Gegenteil und weckt von Anfang an Interesse – sicherlich auch, weil der Film auf klassische dokumentarische Stilmittel wie erklärende Voice-Over-Kommentare verzichtet. Schon die ersten Szenen fordern den Zuschauer heraus. Der Protagonist sei „ein aufgeblasenes Arschloch“ und der Film selbst „eine Verschwendung von Steuergeldern“, konstatiert Rollinger unverblümt. Eine unerwartete und unkonventionelle Vorstellung der skurrilen Hauptfigur.

Naked Opera

Es braucht einige Zeit, bis man sich in Rollingers Welt orientiert hat. Man sieht ihn beim dekadenten Abendessen, in kurzen Gesprächen mit Bekannten, in seiner Luxemburger Wohnung (die er eigens für den Film eingerichtet hat) und schließlich auf den Kanälen Venedigs gondelnd – ein Mann, der sein eigenes Leben in eine Oper zu verwandeln scheint und sich bei Gelegenheit selbst als Diva beschreibt. Genauso will er gesehen und wahrgenommen werden. Als ein Mensch, der andere kontrolliert und nicht in ein Korsett gepresst werden kann. Schon gar nicht in das eines von außen gesteuerten Dokumentarfilms.

Sehr eindrücklich zeigt sich dies bei seinem Opernbesuch in Venedig, als er mit seinem Begleiter vor dem Gebäude steht und abrupt sein Mikrofon entfernt. Mitglieder der Crew erscheinen daraufhin im Bild und eilen ihm entgegen. Immer wieder zeigt „Naked Opera“ Momente, in denen Rollinger sich dem Drehplan widersetzt oder genervt auf die Rückfragen der Filmemacherin reagiert. Irritierende Unangepasstheiten und Machtspiele, die man von dokumentarischen Arbeiten eigentlich nicht gewohnt ist, die aber deutlich machen, dass hier ganz unterschiedliche Köpfe mit unterschiedlichen Intentionen aufeinander treffen.

Überhaupt sind Macht und Kontrollerhalt Themen, die sich wie ein roter Faden durch die geschilderten Ereignisse ziehen. Besonders deutlich wird dies, wenn Rollinger über seine unheilbare Krankheit spricht, die ihn zwar in Abhängigkeit zu anderen Menschen bringt, der er sich aber dennoch nicht beugen will. Wir sehen einige Bilder aus der Zeit seiner letzten Chemotherapie und erfahren, dass seine Knochen anfällig für Brüche sind. Ansonsten bleiben die Angaben zu seinem Leiden jedoch erstaunlich unbestimmt. Wohl auch deshalb, weil Rollinger selbst den damit verbundenen Kontrollverlust aus seinem Leben verbannen will – ein weiterer Akt der Selbstinszenierung.

Am eindringlichsten ist „Naked Opera“ dann, wenn die emotionale Reise des Protagonisten abgesteckt wird. So sehr sich der Exzentriker auch nach Zuneigung und Zweisamkeit sehnt, wahrt er gegenüber seinen gekauften Begleitern doch einen gewissen Abstand. Nicht umsonst zitiert er an einer Stelle einen Hemingwayschen Machismo, dem gemäß Prostituierte dafür bezahlt würden, dass sie am Ende wieder gingen. Zu viel Nähe will Rollinger nicht zulassen, denn das würde ihn abhängig machen und somit schwächen.

Naked Opera

Genau diese Abhängigkeit entwickelt sich jedoch in der Beziehung zu einem jungen Mann, der aus all den namenlosen Escort-Boys heraussticht: Jordan Fox, ein durchtrainierter Pornodarsteller mit merklich eingeschränktem Interesse für Operninszenierungen, der Rollinger aber nichts desto trotz immer wieder ins Theater begleitet. Wie sich zeigt, kann der Protagonist in diesem Fall seine Gefühle nicht zurückhalten. Er verliebt sich in Fox, will ihn aus seiner Pornowelt befreien. Doch der junge Mann ist nicht bereit, sein früheres Leben komplett hinter sich zu lassen.

Die Liebesgeschichte lässt die Widersprüchlichkeit der Hauptfigur, ihre innere Zerrissenheit zu Tage treten. Hinter dem verschwenderischen Lebensstil, dem manchmal herablassenden Auftreten und all den ironisch-spitzfindigen Bemerkungen verbirgt sich auch ein Mensch, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ehrlich geliebt zu werden, und der im Angesicht der Enttäuschung (zumindest kurzfristig) sogar seinen fast notorischen Drang nach Selbstdarstellung vergisst.

Die Verschmelzung von Dokumentarischem und Inszeniertem spiegelt sich auch in den Ausschnitten aus Joseph Loseys „Don Giovanni“-Verfilmung, die immer wieder in den Erzählfluss eingeschoben werden. Die kurzen Szenen sollen Rollingers Entwicklungsprozess kommentieren, unterstreichen und bisweilen auch konterkarieren, wirken in ihrer Auswahl manches Mal aber allzu plakativ, was den Film einen Teil seiner Ausdruckskraft einbüßen lässt.

Nichtsdestotrotz liefert Angela Christlieb einen insgesamt spannenden Einblick in das Leben eines exzentrischen Menschen und schafft es zugleich, die vermeintliche Unschuld dokumentarischer Bilder zu hinterfragen. „Naked Opera“ entlässt den Zuschauer mit der gern übersehenen Erkenntnis, dass auch Dokumentationen – zumal wenn ausgefallene Personen im Fokus stehen – dramaturgischen und inszenatorischen Entscheidungen, Meinungen und Strategien unterworfen sind. [Christopher Diekhaus]

OT: Naked Opera (LU/DE 2013) REGIE: Angela Christlieb. BUCH: Patricia Fürst, Philipp Reimer, Angela Christlieb, Bady Minck. MUSIK: André Mergenthaler. KAMERA: Barry Ackroyd. DARSTELLER: Marc Rollinger, Jordan Fox, Christian Alfred Kahrer, Nilton Martins, André Mergenthaler, Ingmar Skrinjar. LAUFZEIT: 81 Min.

Naked Opera

Naked Opera

[Abbildungen: Real Fiction Filmverleih]

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