Muerte con Carne: Mexploitation-Thriller von Shane McKenzie auf dem Weg zur Verfilmung | Gigi Saul Guerrero liefert mit „El Gigante“ einen festivaltauglichen Teaser

09. September 2015

El Gigante

Im mexikanischen Grenzland liegen Paradies und Hölle nah beieinander. Für den illegalen Einwanderer Armando jedenfalls ist der Traum von einem besseren Leben schon ausgeträumt, bevor er überhaupt begonnen hat. Und das nicht etwa, weil ihn die Borderpatrol aufgegriffen hätte – was in diesem Fall fraglos das kleinere Übel gewesen wäre. Stattdessen erwacht er in eng gezurrter Maskierung und wird wenige Augenblicke später von einem bulligen Riesenwrestler zu Brei geschlagen. Als dieser Armando zum Abschluss alle Knochen bricht, spendet seine bizarre Sippschaft frenetischen Applaus. Die Begeisterung ist verständlich, denn schließlich wird da gerade ihr Abendessen vorbereitet.

So beginnt Shane McKenzies originell betitelter Mexploitation-Roman „Muerte con Carne“ von 2013, ein wilder Cocktail aus Slasher, Kannibalenschocker und Backwood-Horror, dessen wichtigstes Vorbild ganz offensichtlich Tobe Hoopers „Texas Chainsaw Massacre“ war. Mit knapp 250 Seiten– hierzulande im Hause Festa erschienen (wo auch sonst?) – lässt sich die Geschichte eines Pärchens, das mit einigen Schlenkern in den Händen der Kannibalenfamilie und ihres geistig zurückgebliebenen Sprösslings landet, schnell und flüssig weglesen, ohne dass ernsthafte Schäden zurückbleiben.

„Muerte con Carne“ ist literarisches Fastfood – oder genauer gesagt das Gegenstück zu den sagenhaft delikaten Tacos, die im Buch fleißig verspeist werden: gut gewürzt, vorübergehend sättigend und mit dem einen oder anderen Tabu gefüllt, das sich in unterschiedlicher Variation immer um Fleisch dreht (Kannibalismus und Sex liegen einfach zu nah beieinander). Sprachlich ist das alles überschaubar und wer sauber ausgearbeitete Charakterzeichnung erwartet, verschwendet hier definitiv seine Zeit. Aber McKenzie hat sichtlich Spaß daran, dem Leser mit ernster Miene einige amüsante Widerlichkeiten aufzutischen, die so manchem erst einmal den Appetit verderben dürften.

El Gigante

Team Luchagore Productions

Insgesamt liest sich das alles wie die Romanfassung eines B-Films und das hat seinen guten Grund: Der Autor ist Teil von Luchagore, einer kleinen Produktionsfirma aus Vancouver, die innerhalb kurzer Zeit eine Menge Anerkennung im Genreumfeld einfahren konnte. Gegründet von drei ehemaligen Filmstudenten, hat sich das mittlerweile 11-köpfige Team mit der Unterstützung so einflussreicher Player wie Eli Roth und den Soska-Sisters recht prominent auf einer Reihe von Festivals präsentieren und einen Beitrag in der Horror-Anthologie „México Bárbaro“ sichern können (bekanntester Zulieferer hier: Jorge Michel Grau).

Im Zentrum von Luchagore steht Gigi Saul Guerrero, eine ebenso talentierte wie ambitionierte junge Filmemacherin mit mexikanischen Wurzeln, die bislang bei allen Produktionen den Regiestuhl besetzte und ab und an auch als Co-Autorin fungierte. Mit McKenzie realisierte sie bislang vier Kurzfilme – darunter „El Gigante“, eine Adaption des oben wiedergegebenen Einstiegs von „Muerte con Carne“. Mit dem Ziel einer Feature-Fassung im Hinterkopf war der 12-Minüter ursprünglich als Proof-of-Concept für mögliche Investoren und Partner gedacht. Dann jedoch erwies sich der mehr oder weniger in sich geschlossene Kurzfilm als ansehnlicher Festivalerfolg und heimste eine Handvoll Awards ein.

Angesichts des überraschend hohen Produktionswertes (das Budget hatte man sich per Crowdfunding zusammengesammelt) und einem modernen Exploitation-Look irgendwo zwischen Robert Rodriguez und Rob Zombie müssen die überaus positiven Reaktionen des Genre-Publikums wenig wundern. Erste Schritte in Richtung Spielfilm nach einem gemeinsamen Drehbuch von Guerrero / McKenzie sind mittlerweile gemacht und Raven Banner Entertainment („Wyrmwood“) ist als weltweiter Vertriebspartner mit im Boot. Franchise-Potential hat der Stoff allemal und so dürfte die Investorensuche ein entscheidendes Argument mehr an der Hand haben. [LZ]

El Gigante

[Abbildungen: Luchagore Productions / Gigi Saul Guerrero]

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