mother! | Filmkritik: Paradise Lost

16. September 2017

mother!

[Lesedauer: ca. 2:50 Minuten]

Da fällt die Entscheidung nicht leicht: eigenwillige Variation einer Bestsellervorlage, ultimative Home-Invasion oder doch einfach der längste Witz der Welt? Bei der Premiere in Venedig fand die Uneinigkeit über Darren Aronofskys 120-minütige Totalzumutung ihren Niederschlag in einer konsequenten Kakophonie aus Buh- und Bravorufen. Seitdem hat sich die Lage kaum geändert. Kritiker- und Zuschauerreaktionen schwanken verlässlich zwischen Ablehnung, Bewunderung und völliger Ratlosigkeit. Mark Kermode zufolge soll den Teilnehmern einer Pressevorführung in England seitens des Verleihs geraten worden sein, den Film erst einmal sacken zu lassen [1]. Tatsächlich ist das die einzig sinnvolle Gebrauchsanweisung, denn „mother!“ (mit „Zing“-Laut auf dem Exklamationsszeichen) will es niemandem leicht machen, setzt sich in den Hirnwindungen fest und entwickelt dort ein parasitäres Eigenleben.

Würde man es hier nicht mit explizitem Starkino zu tun haben, das per se ganz bestimmte Erwartungen an Konventionalität und Konsumierbarkeit weckt, wäre die Aufregung vermutlich nicht einmal halb so wild. Mit der Logik eines Fiebertraums und unter zunehmendem Verzicht auf eine sichere Verankerung in der Realität treibt die in visueller Megalomanie kulminierende Geschichte ohne weitere Anstrengung jeden Mainstream-Zuschauer, den das Marketing mit vagen Hoffnungen auf einen Psychothriller oder Horrorfilm angelockt hat, in den sicheren Wahnsinn. Wer sich „mother!“ im Kino anschaut, muss mit unmotivierten Lachern, lautstarken Unmutsäußerungen und verärgerten Fluchtversuchen rechnen.

Ganz sicher hat Aronofsky das so gewollt oder es war ihm schlichtweg egal. In wenigen Tagen habe er das Drehbuch heruntergeschrieben, und das nimmt man ihm gerne ab, denn viel zu erzählen gibt es nicht: Ein namenloses Paar mit deutlicher Altersdifferenz – er ein erfolgreicher Schriftsteller in der Schaffenskrise (Javier Bardem), sie seine Muse (Jennifer Lawrence, spielt sich die Seele aus dem Leib) – lebt abgeschirmt von der Außenwelt in scheinbarer Idylle vor sich hin, bis ein Fremder auftaucht und zum spontanen Hausgast wird (Ed Harris). Während die junge Frau den Besucher als Eindringling in die ungestörte Zweisamkeit empfindet, kann sich ihr Mann vor Begeisterung kaum halten. Am nächsten Morgen steht die Ehefrau des neuen Mitbewohners vor der Tür (auf beunruhigende Weise abstoßend: Michelle Pfeiffer) und bringt aggressive Unruhe ins Haus, kurz darauf folgen die beiden Söhne (echte Brüder: Brian und Domhnall Gleeson). Schlimme Dinge geschehen, weitere Besucher machen sich breit, ergreifen Besitz, verunstalten und zerstören, ohne dass der Hausherr eingreifen würde. Doch das ist nur harmloses Vorgeplänkel im Vergleich zu den Dingen, die noch folgen werden.

mother! | Jennifer Lawrence

Es gibt eine Phase in diesem Film, wo es permanent an der Tür klingelt, und man muss sich zurückhalten, um nicht laut „Palim! Palim!“ zu rufen (und „mother!“ zur absurden, tiefschwarzen Komödie zu erklären). Da hat man längst vergessen, wie alles eigentlich angefangen hat, nämlich mit einem flammenden Inferno, in dem das Gesicht einer Frau verbrennt und ein mysteriöser Kristall offenbar dafür sorgt, dass hinter aschebedeckten Ruinen auf magische Weise das blitzblanke Interieur des Hauses zum Vorschein kommt, in dem das Paar lebt, und das die junge Frau mit der alleinigen Kraft ihrer Hände in ein „Paradies“ (ihre Wortwahl) verwandeln will. Später wird der Schriftsteller seinem unbekannten Gast von einem Brand erzählen, bei dem er alles verloren habe, und ihm den Kristall zeigen, der als einziges übrig geblieben sei und seine Schaffenskraft erneuert habe. Aber auch das hat man schon bald wieder vergessen – jedenfalls solange, bis einen der Film mit voller Wucht daran erinnert.

Überall lauern motivische Spielarten um Mutterschaft (selbst das Haus lebt und hat einen Herzschlag), Schöpfertum („Creating is what I am“, wird Bardems Figur irgendwann fatalistisch feststellen), Geschlechterrollen und Religion, die ihren Ausdruck in multiplen Versatzstücken aus dem Genrekino finden und den Film mit einer unbestimmbaren Aura aus Banalität, Parodie, Allegorie und trotzigem WTF ausstatten. Nicht zuletzt ist „mother!“ aber auch ein greller Streifzug durch Aronofskys eigene künstlerische Sozialisation: Bosch und Bergman, Lynch und Haneke, Tarkowski und Polanski, sie alle haben sichtbar mitgeformt. Dass einem „Rosemaries Baby“ nach „Get Out“ und „XX“ erneut als zentraler Einfluss einfallen muss, hat vermutlich schon Zeitgeistcharakter.

Alle (teils arg albernen) Deutungsversuche einmal beiseite gelassen, ist Aronofsky über anderthalb Jahrzehnte nach „Requiem for a Dream“ wieder ein Film gelungen, der einen physisch und psychisch in die Mangel nimmt. Dank exzessiver Nahaufnahmen ist überhaupt kein Abstand zu den Figuren möglich und insbesondere die geradezu hysterische Formen annehmende Bedrängnis, der die junge Frau ausgesetzt ist, überträgt sich unvermeidlich auf den Zuschauer. „mother!“ ist ein zutiefst anstrengender Film und vor allem im letzten Drittel keine angenehme Erfahrung. Auf der anderen Seite ist das genau seine Stärke und von Minute zu Minute wird unnachvollziehbarer, dass Paramount hier offenbar nicht interveniert hat. Auf welche Weise Aronofsky das auch immer hinbekommen hat, man kann es ihm gar nicht hoch genug anrechnen. [LZ]

OT: mother! (USA 2017). REGIE: Darren Aronofsky. BUCH: Darren Aronofsky. MUSIK: Jóhann Jóhannsson. KAMERA: Matthew Libatique. DARSTELLER: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris, Brian Gleeson, Domhnall Gleeson, Kristen Wiig. LAUFZEIT: 121 Min.

mother!

[Abbildungen: Paramount]

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