Moon | Filmkritik: Einsam im Weltraum

17. Juli 2010

Moon | Filmkritik

Ein Jahr zu spät kommt dieser vielfach preisgekrönte Debütfilm des Briten Duncan Jones in die deutschen Kinos, denn der 40. Geburtstag der ersten Mondlandung (alle Verschwörungstheorien inklusive „Capricorn One“ einmal beiseite gelassen) war bekanntlich bereits 2009. Trotzdem darf man mehr als froh sein, dass es „Moon“ überhaupt auf die hiesigen Leinwände geschafft hat und nicht zur traurigen DVD-Premiere geworden ist. Doch nur wer jemals die seltene Gelegenheit hatte, eines der Vorbilder dieses nostalgischen Space-Movies im Programmkino (statt auf dem TV-Bildschirm) zu sehen, kann nachvollziehen, was für ein Geschenk dieser mit ganzem Herzblut gemachte Indie-Film eigentlich ist. Wer Scifi hingegen ausschließlich mit CGI-Orgien, Aliens und technischen Spielerein in Verbindung bringen kann, bekommt hier die einmalige Gelegenheit, das Genre von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen – und dabei für kurze Zeit ins Weltall-Kino der frühen 70er Jahre zu reisen, bevor der Krieg der Sterne ausbrach.

Warum Zukunftsvisionen und Reisen ins All beharrlich mit Fragen nach der eigenen Identität einhergehen, ist ein Rätsel für sich. Das Spektrum der inhaltlichen Rechtfertigung mag dabei zwar recht weit aufgefächert sein, am Phänomen selber ändert das jedoch nichts. Mit dem spekulativem Blick in fantasierte Welten von morgen verliert das Individuum offenbar seinen Halt. Narrativ kann das in Form komplexer Gebilde erfolgen, die sich bewußt dem erklärenden Zugriff entziehen (etwa „2001 – A Space Odyssey“ oder „Solaris“), manchmal durch reizvolle Verwirrspiele mit mehreren Zeitebenen, auf denen Figuren ihrem älteren oder jüngeren Alter Ego begegnen („12 Monkeys“, „Zurück in die Zukunft 2“) oder auch mit Hilfe vielgestaltiger Varianten von Klonen, Androiden und sonstigen künstlichen Daseinsformen („Blade Runner“, „Total Recall“). In „Avatar“, dem jüngsten Beispiel für diese bemerkenswerte Anmutung eines nicht ganz eigenständigen Subgenres, wird der Dualismus, den die Geschichte initiiert, am Schluß gar durch einen radikalen Akt der Transformation in eine andere Spezies aufgelöst (das direkte Spiegelbild dazu: „District 9“). Und wie oft Kirk, Spock und Picard schon alternativen Versionen ihrer selbst gegenüber gestanden haben, wissen wohl nur eingefleischte Trekkies. Das Motiv ist im Genre also längst kanonisch. „Moon“, dieses ebenso altmodische wie faszinierende Langfilmdebüt des Briten Duncan Jones, weiß das selbstverständlich und gewinnt dem Topos einige ganz eigene und durchaus bisher unerzählte Seiten ab.

Moon | Filmkritik

Sam Bell ist eine Art kosmischer Saisonarbeiter. Verantwortlich dafür, den ordnungsgemäßen Abbau von Helium-3 zu überwachen (ein Brennstoff, der das irdische Ressourcenproblem eindämmt), erfüllt er einen Dreijahresvertrag auf einer Mondstation. Doch Sam ist zugleich auch der einzige, der sich auf dem Erdtrabanten aufhält. Ein defekter Nachrichtensatellit verhindert den Live-Kontakt zur Heimat, und so erfolgt aller Austausch ausschließlich über zeitversetzte Videoaufnahmen. Einzig „Gerty“, der Bordcomputer, leistet ihm Gesellschaft und ist ein verlässlicher Konversationspartner. Doch Einsamkeit und Eintönigkeit haben schon bald ein Ende, und nur noch wenige Tage trennen Sam von der Rückkehr zu Frau und Kind. Aber hat die lange Zeit in Isolation möglicherweise fatale Spuren in der Psyche des Astronauten hinterlassen? Halluzinationen machen sich breit, und als er bei einem Routinecheck des Außengeländes einen Unfall baut und nach längeren Blackout wieder in der Station aufwacht, scheint die Realität aus den Fugen geraten zu sein – und plötzlich steht Sams Existenz zunehmend in Frage.

Moon | Sam Rockwell

Es ließe sich noch einiges vorwegnehmen, aber das sollen bitte andere tun. Wer das Genre auch nur im Ansatz kennt, kann sich ohnehin schon nach wenigen Minuten nicht mehr all der Erwartungen erwehren, die hier an allen Ecken und Enden geweckt und dann auf ganz eigene Weise beantwortet werden. Der Wiedererkennungseffekt ist Teil der Dramaturgie: Die großen Space-Movies im Umfeld der ersten Mondlandung, mit denen die Macher aufgewachsen sind, und deren Grundstimmung sie ohne Mühe in ihren Film herüberretten, bestimmen die Wahrnehmung vom ersten Bild an. Spuren der stilbildenden Klassiker von Kubrick („2001“), Tarkovsky („Solaris“), Trumbull („Silent Running“), Sturgess („Verschollen im Weltraum“) oder Wise („The Andromeda Strain“) lassen sich in Look und Feel mühelos wiederfinden, doch dieser Umstand ist weit mehr als bloßes Hommagieren. Jones und sein Autor Nathan Parker leisten etwas Seltenes, wenn sie ihren Vorbildern Tribut zollen, ohne dabei die eigene Geschichte aus den Augen zu verlieren.

In „Gerty“ darf der Zuschauer schnell die latente Gefahr vermuten, die sprechende Bordcomputer (oder Androiden) seit Kubricks HAL verlässlich verkörpern, um sich irgendwann als Verbündete der Auftraggeber  erkennen zu geben, bereit, den Protagonisten für die Sache zu opfern. Und der Film setzt alles daran, dieses genretypische Vorwissen mit passenden Handlungswendungen zu unterstreichen (Astronaut Sam ist vermutlich kein Cineast, sonst würde er frühzeitig Verdacht schöpfen). Mit sanfter Stimme (im Original der allzeit völlig uneitle Kevin Spacey) und gerade einmal sparsamen drei Emoticons (ein Wortschatz, mit dem so mancher Teilnehmer digitaler Kommunikation befürchten würde, als Legastheniker geoutet zu werden) begleitet er den Mondarbeiter durch den Tag, serviert ihm seine Mahlzeiten und stutzt ihm den Bart. Aber führt er nicht auch hintenrum heimliche Gespräche mit der Basis?

Im Grunde ist dieser Film ein Ein-Personen-Stück, denn alle anderen Figuren sind entweder künstlich (wie Gerty) oder konserviert (wie Frau und Kind in undatierbar alten Videoaufzeichnungen). Selbst Sportveranstaltungen, die ihm von der Erde aus zur Unterhaltung geliefert werden, liegen möglicherweise schon eine ganze Saison zurück. Wen kann es da wundern, dass Sam vielleicht längst den Bezug zur Realität verloren hat? Zeit findet ihren komprimierten Niederschlag in gefängnisüblichen Strichlisten an der Wand, mit denen er die Tage bis zum Ende seiner Dienstzeit abzählt, in Logbüchern und in seinem anfangs arg nachlässigem Bartwuchs. Tag und Nacht gibt es nicht. Ein Modell seiner Heimatstadt, an dem er beständig bastelt, gerät für Sam zum Miniaturbeleg dafür, dass Zeit und Existenz vor seinem Mondeinsatz unzweifelhaft real sind. Doch im akribischen Nachbilden von Details, das fixieren will, was sich nicht fixieren lässt, liegt zugleich auch die latente Angst verborgen, dass eben diese Vergangenheit längst aus den Fugen geraten ist.

Moon | Sam Rockwell

„Moon“ will kein kontemplativer Film sein, der die Fragen, die er aufwirft, mit schwierigen Bildmontagen oder langen Monologen tiefer ergründen will. Das muss er auch nicht, denn das haben seine Vorgänger längst getan. Jones und Parker setzen geschickt ausreichend Signale, um im Hinterkopf des Zuschauers all das kollektive Vorwissen in Gang zu setzen, das sich über Jahrzehnte hinweg in den Genre-Speichern des Assoziationsvermögens eingelagert hat. Auf dieser Grundlage lässt sich die Geschichte über angenehme rund 100 Minuten hinweg erzählen, ohne erklärende Zwischenstopps einlegen zu müssen und die Handlung auszubremsen. Im Gegenteil: Auf diese Weise erst schafft sich der Film Raum für Wendungen und Entwicklungen, die so manche Erwartung gegen den Strich bürsten, ohne die eigenen Vorbilder zu verraten.

Viel ist der Leistung von Hauptdarsteller Sam Rockwell geschuldet (zuletzt als Waffenmogul Justin Hammer in „Iron Man 2“ zu sehen), der seiner Figur eine Menge Tiefe abgewinnt. Sam, der zunächst als eindimensionaler, einfacher Charakter erscheint, gewinnt im Verlauf der Geschichte zunehmend an Komplexität, bildet profunde Widersprüche aus und muss über all das hinweg beständig als Sympathie- und Identifikationsträger funktionieren. Eine schöne Herausforderung für einen Schauspieler, und keine leichte. Rockwell meistert sie beeindruckend. Man muss lange überlegen, um eine vergleichbare Kinofigur der letzten Jahre zu finden, die allen widrigen Voraussetzungen zum Trotz den Zuschauer nie alleine lässt und auch über das Filmende hinaus noch seine Wirkung behält.

Moon | Sam Rockwell

Moon | Sam Rockwell

Die verdiente Öffentlichkeit ist „Moon“ bislang schmerzhaft verwehrt geblieben. Die Verantwortlichkeit dafür liegt aus Sicht Filmemachers (mit einiger Wut im Bauch) bei der Politik des US-Verleihers Sony Pictures Classics. Für den amerikanischen Markt habe es weder Marketing gegeben, noch seien Ansichts-DVDs an die Mitglieder der Academy versendet worden. Ungewöhnlich ist das nicht. Die Independent-Sparte von Sony hatte sich für die Nominierungen 2010 vermutlich bereits auf die Hornby-Verfilmung „An Education“ in den allgemeinen Preiskategorien und den Cannes-Gewinner „Un prophète“ im Rennen um den Auslands-Oscar eingeschossen. Da war für Jones kein Platz mehr. Mit Bedauern muss man sagen: Leider kein Einzelfall.

Zum Schluss dies noch: Viel ist über die familiären Bande von Duncan Jones und deren (offenbar irgendwie, wenn auch nicht wirklich näher beschriebenen, tiefenpsychologisch motivierten) Einfluss auf seinen Film gefaselt worden, und praktisch keine einzige Filmkritik kann sich da enthalten. In geradezu zwangsneurotischer Form werden sinnlose Parallelen gezogen, die aller Grundlage entbehren und vor allem die Eigenständigkeit der künstlerischen Leistung des Filmemachers minimieren. Wer da nicht ganz so weit geht, ist aber immer noch zumindest in der Lage, irrelevantes Name-Dropping zu betreiben. Message from Ground Control: Get a life. [LZ]

OT: Moon (UK 2009). REGIE: Duncan Jones. BUCH: Duncan Jones, Nathan Parker. KAMERA: Gary Shaw. MUSIK: Clint Mansell. DARSTELLER: Sam Rockwell, Kevin Spacey, Dominique McElligott. LAUFZEIT: 97 Minuten. In Deutschland erhältlich auf DVD und Blu-ray.

Moon | Filmplakat

Moon | Sam Rockwell

Moon | Sam Rockwell

[Abbildungen © Koch Media GmbH]

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