Mission Impossible: Rogue Nation | Filmkritik: Franchise ohne Ermüdungserscheinungen

10. August 2015

Mission Impossible: Rogue Nation

Ethan Hunt hat eine Menge Ärger am Hals. Nicht nur, dass seine Spezialeinheit IMF in seiner Abwesenheit dichtgemacht wurde und eine nebulöse Geheimorganisation die Weltherrschaft an sich reißen will, nein, zu allem Überfluss hat ihn die CIA auch noch auf die hauseigene Fahndungsliste gesetzt und ist dabei nicht unbedingt daran interessiert, ihn lebend zu fassen. Eine schlechte Ausgangslage also für den mit allen Wassern gewaschenen Undercover-Profi, eine gute hingegen für seinen mittlerweile bereits fünften Leinwandeinsatz.

Aber Moment, die IMF wird dichtgemacht und Hunt als Terrorist gesucht? Gab es das so ähnlich nicht schon im Vorgängerfilm? Und der Austausch von Datenträgern unter lebensbedrohlichen Bedingungen, kennen wir das nicht ebenfalls aus dem vierten und übrigens auch ersten Teil des Franchise? Und was ist mit ebenso rasanter wie ausgedehnter Motorrad-Action? Zweiter Teil? Überhaupt: Bietet Serien-Neueinsteiger Christopher McQuarrie („Jack Reacher“) hier nicht im Wesentlichen ein variantenreiches Best-of? Die Antwort ist unstrittig und immer dieselbe – ja, ja und nochmals ja. Aber das wirklich entscheidende Ja lautet: Ja und?

Das Genre neu zu erfinden, war nie die Absicht der aus der gleichnamigen TV-Serie entstandenen Reihe um Tom Cruise, der das ursprüngliche Ensemble-Konzept bekanntlich erstmal zu einer Ein-Mann-Show umfunktionierte. Dem Star-Vehikel von einst ist inzwischen wieder ein Team hinzuaddiert worden, das zunehmend feste Mitglieder bekommen hat. Das macht nicht nur inhaltlich, sondern auch vermarktungstechnisch Sinn, denn für einen kassenträchtigen Sommer-Blockbuster reicht Cruise alleine schon lange nicht mehr aus (weshalb seine Solo-Ausflüge seit einer Weile auch im Frühjahr starten).

Vom Vorgängerfilm übrig geblieben sind Simon Pegg (schon sein 3. Einsatz) und Jeremy Renner. Auch Ving Rhames darf wieder mitmischen, auch wenn sich seine Funktion mehr oder weniger in seiner bloßen Präsenz bereits erschöpft. Renner, dessen Figur in „Phantom Protokoll“ stellenweise drohte, Cruise/Hunt den Rang abzulaufen, bleibt lange Zeit weitestgehend außen vor und ist auch sonst mehr oder weniger zum Stichwortgeber degradiert worden.

Mission Impossible: Rogue Nation

Umso relevanter gerät Simon Peggs Benji Dunn, zuvor eher nur Computerspezialist, jetzt hingegen echter Feldagent. Er bleibt die meiste Zeit über an Hunts Seite (auch wenn er natürlich keine eigenen Heldentaten vollbringen darf). Das hat seinen guten Grund, denn Pegg fügt dem absurden Stunt-Spektakel in zunehmend entscheidender Weise den notwendigen Anteil Humor hinzu. Teil vier war dahingehend noch eine Art Testlauf mit angezogener Handbremse. „Rogue Nation“ hat hingegen begriffen, warum der Serie eine ausbalancierte Dosis Selbstironie ausgesprochen gut tut.

Dass dieser Ansatz auch auf die Hauptfigur abfärbt, ist ein echter Fortschritt. Cruise, der ja wiederholt bewiesen hat, dass er durchaus auch komisch sein kann, reduziert die Verbissenheit seiner Darstellung auf ein Minimum und gewinnt dadurch einen Coolness-Grad, der angenehm überrascht und bisweilen ein Stück weit an Bond-Interpretation der späten 70er und frühen 80er erinnert (freilich ohne Connerys verächtliche Blasiertheit und Roger Moores royales Augenrollen).

Ihm zur Seite stellt der Film die bemerkenswerte Rebecca Ferguson als schillernde Doppelagentin, die Hunt nicht nur gewachsen ist, sondern sich in aussichtslosen Konstellationen mehrfach auch noch als rettender Engel erweist (und musikalisch gar so etwas wie ein Liebesthema zulässt). Das ist für einen Protagonisten, zu dessen Franchise-Geschäft es gehört, sich permanent am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, eigentlich eine ziemlich bittere Pille, macht ihn aber in der Summe verletzlicher und dadurch glaubwürdiger.

Für die Effektivität der Geschichte erlaubt die Personalie zudem, hochexplosive Manöver in letzter Sekunde noch scheitern zu lassen und so die Vorhersehbarkeit einzelner Spannungskurven auszuhebeln. Wo der Countdown sonst schweißtreibend genau kurz vor Ablauf zum Stehen kommt, läuft er hier mit großer Wahrscheinlichkeit vollständig aus – und das mit unerwarteten Folgen, die dem Geschehen auf der Leinwand eine gute Dosis Zusatzdynamik verleihen.

Mission Impossible: Rogue Nation

Dass erneut eine Menge Show-Off dabei ist, versteht sich von selbst: Cruise, der von außen an einem fliegenden Airbus herumturnt oder in einer schnittfreien 6-Minuten-Sequenz unter Wasser die Luft anhält (so heißt es jedenfalls), das gehört mittlerweile ebenso zur Serie wie zum Image ihres Hauptdarstellers, der sich neben Liam Neeson tatsächlich als letzter funktionierender Actionheld der 2010er Jahre aufrecht hält. Und weil man das Eisen bekanntlich so lange schmieden sollte, wie es noch heiß ist, beeilte man sich auch, den nächsten Teil der Reihe bereits für das kommende Jahr anzukündigen.

Wie bedeutsam der chinesische Markt inzwischen für Hollywood-Blockbuster geworden ist, zeigt die nicht genauer ausformulierte Zusammenarbeit mit dem Internet-Riesen Alibaba, der seine Fühler neuerdings auch in Richtung Filmproduktion ausstreckt. Der Einfluss auf das Endprodukt blieb abseits kleiner Kampfkunst-Einlagen allerdings überschaubar.

Wenn etwa eines der vielen Actionszenarien in der Wiener Staatsoper angesiedelt wird (und ja, liebe Laienprediger, die Sequenz ist eine Hitchcock-Reminiszenz), gibt es dort zwar ausgerechnet Puccinis unvollendete China-Oper „Turandot“ zu hören, doch Rätseleien über Identitäten und vermeintlich unlösbare Aufgaben taugen eben auch als augenzwinkernder Querverweis zum Mysterienspiel der Serie selbst. Und Schlafen, das kann sich Ethan Hunt ja ohnehin nicht erlauben. [LZ]

Mission Impossible: Rogue Nation

OT: Mission Impossible: Rogue Nation (USA/HK/CN 2015) REGIE: Christopher McQuarrie. BUCH: Christopher McQuarrie. MUSIK: Joe Kraemer. KAMERA: Robert Elswit. DARSTELLER: Tom Cruise, Rebecca Ferguson, Simon Pegg, Jeremy Renner, Sean Harris, Alec Baldwin, Ving Rhames, Simon McBurney, Tom Hollander, Jens Hultén, Jingchu Zhang, Hermione Corfield. LAUFZEIT: 131 Min.

Mission Impossible: Rogue Nation

[Abbildungen: Paramount]

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