Mike Le Han: MRS PEPPERCORN’S MAGICAL READING ROOM | Kurzfilmreview

05. April 2011

Nach über einem Dutzend Dokudramen für das britische Fernsehen und einer Handvoll hochdotierter Werbeclips war für Mike Le Han irgendwann der Punkt erreicht, wo es Zeit wurde, den Schritt zum fiktionalen Filmemachen zu wagen. Bewaffnet mit einem moderaten Budget von rund 35.000 Euro, Bestseller-Autorin Martina Cole als Executive Producer und einem hochmotivierten Team vor und hinter der Kamera, entstand ein  24-minütiger Kurzfilm, der sich anfühlt wie der Teaser zu einer budgetstarken Großproduktion. Der Eindruck ist nicht ganz falsch. Längst ist eine Featurevariante in Arbeit, die lose auf dem gleichen Sujet basiert. Doch auch unabhängig von ambitionierten Plänen wie diesen erweist sich „Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room“ als eine echte Ausnahmeerscheinung.

Wo anderen Kurzfilmen die Einschränkungen im gering bemessenen Budget deutlich anzusehen sind, scheint Le Han (vermeintlich) aus einem schier unerschöpflichen Fundus geschöpft zu haben: Stimmungsvolle Setbauten, ein orchestraler Original-Soundtrack, beste Bild- wie Tonqualität, Overhead-Panoramashots und vor allem eine Reihe von CGI-Effekten (dank Nonius 3D, Illusion VFX, Fugitive Studios und Flipbook), die durchaus mit internationalen Großproduktionen konkurrieren können. Zu verdanken ist der professionelle Eindruck in erster Linie der Überzeugungskraft des Filmemachers, der alle Beteiligten trotz des geringen Budgets zu Höchstleistungen motivieren konnte.

Die Geschichte ist märchenhaft und stammt aus der Feder von Le Han selbst und seiner Frau Helen. Die 8-jährige Eloise zieht mit ihren Adoptiveltern in ein kleines englisches Dorf, in dem der Nebel geheimnisvoll durch die Straßen zieht, und manche Bewohner mehr zu wissen scheinen als sie preisgeben. Eher verschlossen und am liebsten in seine Bücher über Magie und Zauberei versunken, bleibt das etwas verloren wirkende Mädchen meistens für sich. Erst die Begegnung mit Mr und Mrs Libby, den leicht kauzigen Inhabern der örtlichen Bäckerei, weckt Eloises Entdeckergeist. Sie nämlich erzählen ihr von Mrs Peppercorn, der geheimnisvollen Besitzerin der seit langem leerstehenden Bücherei, und ihrer Tochter, die vor vielen Jahre auf mysteriöse Weise verschwand und ihr Baby alleine zurückließ. Fortan wird Eloise von dem verwaisten Ladenlokal mit all seinen verstaubten Büchern magisch angezogen, und ehe sie sich versieht, ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room | Mike Le Han

Le Hans Film ist vor allem ein Lehrstück in atmosphärischer Dichte. Von den ersten Bildern, bei denen die Kamera elegant durch winterlich-dunkle Gassen schwebt, während eine raunende Erzählerstimme von magischen Ereignissen spricht und sich die Credits in sanften Wellen ein- und wieder ausblenden, über wundersame Begebenheiten aus Licht und CGI bis hin zur überhöhten Schlusseinstellung, überwiegt eine in warme Brauntöne getauchte traumwandlerische Stimmung, die Le Han mit erstaunlicher Sicherheit aufrecht erhält.

Viel ist dabei der exzellenten Kameraarbeit von Stephen Murphy zu verdanken, der als erfahrender Steadycam-Operator (u.a. bei Steve McQueens „Hunger“) ein untrügliches Gefühl für weiche Bildflüge mitbringt und jede Einstellung optimal ausbalanciert. Die Musik von Kevin Kliesch sorgt zudem mit ihrem nicht von ungefähr an Danny Elfman erinnernden Romantizismus für den narrativen Grundton, der sich irgendwo zwischen Tim Burton und Grimmschen Volksmärchen einpendelt.

Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room | Mike Le Han

Nachdem Le Han im vergangenen Herbst einen ersten Trailer online gestellt und per Interview erstmals ausgiebig über sein Projekt gesprochen hatte, war schnell ein unerwartet großes virales Interesse ausgebrochen, das Namen wie Pathé und Paramount auf den Plan rief. Eine erste Auszeichnung im Rahmen des Internationalen Movie Trailer Festivals trug zusätzlich zur wachsenden Aufmerksamkeit bei. In zahlreichen Online-Beiträgen werden bereits Vergleiche zu frühen Arbeiten von Guillermo Del Toro aufgestellt, die sich auch beim Anblick des fertigen Films nicht ganz von der Hand weisen lassen.

Am 29. März hatte „Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room“ vor rund 300 begeisterten Zuschauern seine offizielle BAFTA-Premiere. Welche Stationen sein Film als nächstes ansteuern wird, will Le Han in den nächsten Wochen bekannt geben. [LZ]

OT: Mrs Peppercorn’s Magical Reading Room (UK 2011). REGIE: Mike Le Han. BUCH: Mike Le Han, Helen Le Han. KAMERA: Stephen Murphy. MUSIK: Kevin Kliesch. DARSTELLER: Emily Coggin, Jane Cox, Stephen Boyes, Margaret Jackman, Kerry Downing, Penny Ryder, Kris Sleater. LAUFZEIT: 24 Minuten.

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[Bildmaterial courtesy of Black Lake Films Limited]

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