MERIDA – LEGENDE DER HIGHLANDS: Verliert Pixar sein Profil?

23. Juni 2012

Brave

Wenn am 2. August der mittlerweile bereits dreizehnte abendfüllende Animationsfilm aus dem Hause Pixar über die deutschen Leinwände flimmert, dann könnte das beim erwachsenen Zuschauer erstmals in der Geschichte des Studios eher Schulterzucken als Begeisterung hervorrufen. So jedenfalls muss man es vermuten, wenn man einem großen Teil der aktuellen US-Kritik Glauben schenkt. Der Tenor ist dabei erstaunlich einhellig: Ungeachtet der visuellen Qualität des Films sei wenig von jenem Profil spürbar, das Pixar bislang ausgemacht hat. Schuld könnten stark vereinnahmende Interessen des Mutterkonzerns sein. Too much Disney also? Für viele ist da eine Menge dran.

Tatsächlich fügt sich die im Schottland des 10. Jahrhunderts angesiedelte Geschichte eher in den Kanon der Märchen aus dem Mäusekonzern ein als in die weniger konservative Welt der CGI-Animatoren. Prinzessinnen haben bei Disney von „Snow White and the Seven Dwarfs“ (1937) bis „Tangled“ (2010) ihre ganz eigene Tradition, und die (zumindest im Deutschen) titelgebende Merida ist dort ebenfalls gut aufgehoben – wenn auch mit der angemessenen Prise Modernisierung. Natürlich sind weibliche Charaktere heute nicht mehr vertretbar, denen ein ausreichendes Maß an Eigenständigkeit, Kampfeswillen und Durchsetzungskraft fehlen, und so muss die rothaarige Thronfolgerin ihrer Zeit notgedrungen heillos voraus sein. Mit Pfeil und Bogen geht sie mindestens so virtuos um wie Katniss Everdeen, und sich vorschreiben lassen, wen sie heiraten soll, das lässt sie schon mal gar nicht zu.

Dass diese Form der Selbständigkeit dann aber doch ihre Tücken hat, bewies zuletzt in fast identischer Konstellation Tim Burtons wenig überraschende „Alice im Wunderland“-Variante – auch dies eine Disney-Produktion. Im Fall von „Merida (im Original übrigens: Brave)“ führt der Freiheitsdrang der Prinzessin geradewegs in eine Katastrophe: als sie eine Hexe aufsucht und darum bittet, ihr Schicksal zu wandeln, setzt sie einen fatalen Fluch in Gang, den ausschließlich sie selber wieder auflösen kann. Doch dazu hat sie nur wenig Zeit und als Hilfestellung nicht mehr als ein geheimnisvolles Rätsel.

Merida

Es ist ein klassisches Märchen, das Pixar den (eher jüngeren) Zuschauern da serviert, und weil Hollywood derzeit ohnehin nach Kräften im kostengünstigen Erzählfundus der Gebrüder Grimm wildert, bewegt man sich auf sicherem Boden. Auch das ist für die Animationsschmiede um John Lasseter eher ungewöhnlich. Auf andere Weise hatte bereits der Vorgänger „Cars 2“ merklich den gewohnten Pixar-Wagemut vermissen lassen und war stattdessen auf bekannten Pfaden gewandelt. „Merida“ scheint diesen Trend nun fortzusetzen.

Dass Disneys berüchtigte Nivellierungstendenzen siebzehn Jahre nach „Toy Story“ jetzt auch den vielleicht innovativsten Teil des Konzerns aufweichen sollten, kann niemandem gefallen. Dass man andererseits bei einem Budget von geschätzten über 180 Millionen USD für einen Animationsfilm wenig Risikobereitschaft aufwenden will, liegt auf der Hand, zumal die Auswertung des Films selber höchstens die halbe Miete ist. Offizielles Merchandising aus dem Disneystore, Computerspiele, Lizenzprodukte und anderes mehr spülen in der Regel mindestens genauso viel Geld in die Taschen der Rechteinhaber, und darum geht es letzten Endes nun einmal.

Es bleibt abzuwarten, ob Pixar in Zukunft weiterhin eine starke Konzerneinbindung erfährt und dabei mehr und mehr an Eigenprofil verliert. Mit dem anstehenden Prequel der „Monster AG“ bleibt man jedenfalls weiterhin erst mal auf bewährtem Terrain.

P.S.: Wer einen detaillierten Blick auf die Historie des Studios und seine Entwicklung werfen will, hat dazu ab dem 6. Juli im Rahmen einer umfangreichen Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle ausgiebig Gelegenheit.

[Abbildungen: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany GmbH]

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