Marseille (Staffel 1) | Netflix-Serie mit Gerard Depardieu: So spannend wie der NRW-Wahlkampf

15. Mai 2017

Marseille (Staffel 1)

[Lesedauer: ca. 2:00 Minuten]

Seit rund vier Jahren liefert Netflix Eigenproduktionen mit beachtlichem Budgeteinsatz, ohne dass sich so ganz genau sagen lässt, wie erfolgreich das ganze Unterfangen eigentlich ist – jedenfalls aus klassischer Quotenperspektive, denn Zugriffszahlen rückt der Streaminganbieter partout nicht raus. Doch der Ansatz ist ohnehin ein anderer. Serien und Filme aus dem eigenen Haus dienen nicht zuletzt (und möglicherweise gar in erster Linie) als PR-Tools und Lockartikel, um neue Abonnenten anzuwerben. Konsequent also nur der Schritt, auch die jeweiligen nationalen Märkte über frische Serien anzukurbeln. Mit „Marseille“ gibt es jetzt die erste französische Eigenproduktion der Kalifornier zu sehen. Die Begeisterung darüber dürfte sich allerdings in Grenzen halten.

Das gilt zumindest dann, wenn man sich die achtteilige erste Staffel mit den vielfach preisgekrönten Vorzeigebeispielen aus den USA im Hinterkopf anschaut. Nein, „House of Cards auf Französisch“, wie der Deutschlandfunk auf dem Cover von DVD und Blu-ray stolz zitiert wird, ist dieses Polit-Drama ganz sicher nicht. Muss es auch nicht. Aber viel mehr als ein Schulterzucken kann die recht formelhafte Intrigen- und Ränkeschmiederei rund um hohe Ämter, schmierige Mafiosi und multiple familiäre Konflikte kaum hervorrufen. Das ist einigermaßen ernüchternd, denn für eine Serie wie diese hätte es Netflix nicht gebraucht. „Marseille“ ist klassisches lineares Fernsehen, inhaltlich wie optisch völlig risikofrei und weitestgehend leicht verdaulich.

Marseille (Staffel 1) | Benoît Magimel, Gerard Depardieu

Dagegen gibt es nichts einzuwenden, doch ist man gut beraten, die Angelegenheit mit deutlich abgemilderter Erwartungshaltung anzugehen. Dass Gerard Depardieu die Hauptrolle spielt, tröstet über manche Schwäche hinweg, und auch sonst ist das Ensemble mehr als bloß verlässlich. Robert Taro heißt die Figur im Zentrum, seit zwei Jahrzehnten Bürgermeister der französischen Hafenstadt und kurz davor, sein Amt an den politischen Ziehsohn abzugeben (Benoît Magimel). Doch Luca Barres hegt verborgene Rachepläne und verweigert seinem Mentor kurz vor den Neuwahlen unerwartet die Unterstützung bei einem wichtigen Prestigeprojekt. Auch die Glücksspielmafia hat ihre Finger im Spiel, denn der Bau eines Casinos stünde den eigenen geschäftlichen Interessen im Weg.

Erschüttert vom Verrat seines einstmals engsten Vertrauten und in Sorge um die Zukunft seiner Stadt, beschließt Taro entgegen seiner ursprünglichen Pläne, erneut zu kandidieren und sich den Machenschaften des kommenden Wahlkampfs auszusetzen. Autor Dan Franck (dank „Spin – Paris im Schatten der Macht“ gut erprobt im Aufbau von Polit-Dramen) war das offenbar nicht genug Konfliktpotential, und so hat er sich noch eine schwerkranke Ehefrau ausgedacht, eine Tochter, die sich unwissend in die Schusslinie der Mafia begibt, und die späte Erkenntnis für Taro, dass Barres sein unehelicher Sohn ist. Ein bisschen viel auf einmal, von dem einiges zudem arg konstruiert wirkt, und doch gelingt es den Machern, die Fäden langfristig einigermaßen koordiniert in der Hand zu halten.

Marseille (Staffel 1) | Benoît Magimel

Die undankbarste Aufgabe kommt Magimel zu, dessen Barres ziemlich eindimensional angelegt ist und kaum Raum für Nuancen bietet. Depardieu hingegen kann dem vielschichtigen und melancholischen Taro eine Menge abgewinnen und eine durchaus faszinierende Figur abliefern, die auch über mehrere Staffeln hinweg noch Raum für Entwicklungen und Tiefenschichten bieten würde. Die wenigen Erzählstränge allerdings, die am Ende noch offen sind (von einem forcierten Cliffhanger einmal abgesehen), halten die Spannung für eine bereits in Produktion befindliche Fortführung eher auf Sparflamme.

Den Bürgermeister übrigens, der Marseille seit über 20 Jahren vorsteht, gibt es tatsächlich. Mit Robert Taro will der 1995 ins Amt gewählte Jean-Claude Gaudin allerdings nur wenig gemein haben – insbesondere dessen Hang zu Drogen weist er selbstverständlich weit von sich. Für Depardieu hat er zwar jede Menge Lob übrig, doch das Bild, das die Serie von seiner Stadt zeichne, sei von der Realität eher weit entfernt. Zum Glück, so bemerkt er mit einer gewissen Ironie in einem Interview, sähen die Dinge unter seiner Amtsführung etwas rosiger aus. [1] Aber was soll er in seiner Position auch anderes behaupten? [LZ]

OT: Marseille (FR 2016). REGIE: Florent-Emilio Siri, Thomas Gilou. BUCH: Dan Franck. MUSIK: Alexandre Desplat, Jean-Pascal Beintus. KAMERA: Giovanni Fiore Coltellacci, Maurizio Tiella. DARSTELLER: Gérard Depardieu, Benoît Magimel, Stéphane Caillard, Géraldine Pailhas, Nadia Farès, Guillaume Arnault, Carolina Jurczak, Nassim Si Ahmed, Daniel Njo Lobé, Eric Savin. LAUFZEIT: 326 Min. VÖ: 15.05.2017.

Marseille (Staffel 1)

[Abbildungen: Polyband]

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