MARIANNE | Filmkritik

07. September 2011

Marianne

Mit der umjubelten Weltpremiere von „Marianne“ am 2. August auf dem renommierten FanTasia Filmfestival in Montreal muss von Filip Tegstedt eine immense Last abgefallen sein. Über Jahre hinweg hatte der schwedische Filmemacher für die Realisierung seines Debüts gekämpft und dabei nahezu sein letztes Hemd gegeben. Ohne jegliche Unterstützung des SFI oder anderweitiger Produktionspartner war Tegstedt das Wagnis eingegangen, seinen Erstling gänzlich aus eigener Tasche zu finanzieren. Doch entgegen naheliegender Vermutungen zeigt das Resultat keine Spuren ökonomischer oder künstlerischer Kompromisse. Ganz im Gegenteil lässt sich an jeder einzelnen Einstellung ablesen, mit welcher professionellen Hingabe alle Beteiligten an dieses Projekt herangegangen sind. Zudem bietet der Stoff selber eine Vielschichtigkeit, die keinen Vergleich zu scheuen braucht. Und wer nach den letzten Folterpornos, lauwarmen Remakes oder ideenlosen Sequels den Glauben an das Genre verloren hat, bekommt hier eine echte Chance, ihn vollständig zurückzugewinnen.

MARIANNE

Horrorfilme spielen nicht selten mit der Wirklichkeit ihres eigenen Raison d’être. Ihr Sein oder Nichtsein mündet dabei in einer einzigen simplen Frage: Sind die Kreaturen der Angst real oder existieren sie nur als furchterregende Chimären in der Vorstellungswelt eines wenig zurechnungsfähigen Protagonisten? Manchmal muss der Zuschauer bis zur letzten Einstellung ausharren, um Gewissheit zu bekommen (und zu begreifen, dass Jack Torrance schon immer ein Teil des Overlook Hotels war). In anderen Fällen hingegen bekommt er den Beweis früh genug, um entweder mitzuerleben, wie sich die schlimmsten Ängste der Figuren bewahrheiten (wenn sie zum Beispiel herausfinden, dass ihr geliebter Sohn Damien in Wahrheit der Antichrist ist), oder aber dabei zusehen müssen, wie sich der betreffende Film zu einer ernstzunehmenden Beleidigung für jeden Genre-Fan entwickelt (und etwa M. Night Shyamalan für alle Zeiten zur persona non grata macht).

Allerdings: So sehr wir auch wissen wollen, wie die Verhältnisse wirklich sind, bleiben doch jene Fälle die effektivsten, die sich einer wasserdichten Erklärung verweigern. Denn der Zweifel wird einen auch dann immer noch heimsuchen, wenn die End Credits längst abgelaufen sind und die Leinwand schwarz geworden ist. Einfach zum Alltagsgeschäft zurückzukehren und die ganze Angelegenheit mal eben so abzuschütteln, fällt da alles andere als leicht. Natürlich kann man sich die ganze Sache noch einmal vornehmen in der Hoffnung, die Antwort irgendwo zwischen den Zeilen oder Bildern versteckt zu finden Und es mag sogar gelingen, sich auf diese Weise zu beruhigen – doch andererseits: Was blickt Rosemary wirklich aus der Wiege entgegen?

„Marianne“, das Langfilmdebüt von Filip Tegstedt, bewegt sich ganz in dieser Tradition, den Zuschauer möglichst wirksam im Ungewissen zu halten. Doch ein gewöhnlicher Trip durch die Geisterbahn sieht anders aus. Dramaturgisch vermeidet dieses sorgsam geschriebene und superb gespielte Erstlingswerk bewusst und für eine ganze Weile (wenn nicht gar vollständig), die Erwartungen jedes Genre-Kenners zu erfüllen. Geradezu fatal gerät die Erzählweise zudem für alle, die ohne jegliche Vorkenntnis auf diesen Film stoßen und sich in Sicherheit glauben. Zunächst nämlich sieht man sich mit einem äußerst düsteren und schmerzvollen psychologischen Familiendrama konfrontiert, das durch und durch von Schuld und Verlust bestimmt ist – sehr kompromisslos, sehr schwedisch. Doch bevor der Zuschauer es selber begreift, hat sich eine beklemmende Form des Unheimlichen ausgebreitet, die bis zum Schluss zunehmend dichter und bedrängender wird.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

„Marianne“ erweist sich schnell als einer der ungewöhnlichsten Genre-Beiträge der letzten Jahre. Man muss sich alleine nur die Hauptfigur ansehen: Krister (Thomas Hedengran) bringt rein gar nichts mit sich, für das man ihn mögen könnte. Trotz liebevoller Ehefrau (Tintin Anderzon) und einer engelsgleichen kleinen Tochter ist und war dieser Mann jederzeit ein notorischer Fremdgeher. Als ihn ein Autounfall zum Witwer macht, zeigt er keinerlei sichtbare Anzeichen von Trauer und verlässt gar die Kirche während der Totenmesse, um das Grab eines anderen zu besuchen. Und so gibt es keinen Grund zu bezweifeln, dass seine mittlerweile jugendliche Tochter, ein Gothic mit unübersehbaren Spuren von Selbstverletzung (eine schwierige und komplexe Rolle, beeindruckend gemeistert von Newcomerin Sandra Larsson), nichts als Verachtung für den Mann empfindet, der immer wieder zu ihrer Mutter zurückgekehrt ist, nur um jedes Mal neue Schmerzen zu verursachen. Und so kann es nur Sandra sein, mit der man sich eigentlich identifizieren will, doch stattdessen nimmt Krister einfach den überwiegenden Teil der Geschichte für sich ein – ein weiterer Grund, ihn nicht leiden zu können.

Aber hinter dieser Figur steckt mehr, und man muss sie schon genau unter die Lupe nehmen. Die Erzählung bewegt sich in Zeit und Raum vor und zurück, und manchmal endet eine Sequenz nicht einmal auf derselben Ebene, auf der sie ihren Anfang genommen hat. Das ist Montage in essentieller und höchst effektiver Form, denn sie provoziert Konnotationen, die sich ansonsten nicht ergeben würden, und eröffnet unerwartete Schichten von Krister, die der Figur in so profunden Maß Tiefe verleihen, dass sich der ursprüngliche Eindruck nach und nach entscheidend verschiebt. Wenn wir etwa Zeuge werden, wie er Sandra in einer (vermutlichen) Rückblende einen Flur entlang hinterherläuft (in schmerzhafter Zeitlupe, nur begleitet von Mikael Junehags hypnotischen Musik), ist es am Ende nicht sie, auf die er trifft, sondern seine verstorbene Frau in einer weiteren Rückblende und auf einer anderen Zeitebene.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

Nach den ersten etwa zehn Minuten tauchen die ersten Anzeichen einer Heimsuchung auf, doch sie sind so unscheinbar und werden so schnell wieder beiseite geschoben, dass ein bleibender Eindruck praktisch ausbleibt. Offenbar hat Krister mit Alpträumen zu kämpfen, doch wovon sie handeln, bleibt erst einmal verborgen. Wenn die Heimsuchung wiederkehrt, geschieht das in Form einer verstörenden Montagefolge, überlagert von einem Echo aus der Vergangenheit und eingeleitet von einer Einstellung, die zu einem späteren Zeitpunkt das schockierendste Bild des gesamten Films zeigen wird.

Sein Freund Sven (Peter Stormare, der kleinere Independent-Produktionen dankenswerter Weise immer mal wieder durch seine Beteiligung unterstützt) erzählt Krister von dem Phänomen der Schlafparalyse und vermutet, dass hier der Grund für dessen seltsame nächtliche Erlebnisse liegt. Später hingegen ist die Rede vom Mythos des Mahr, einem sukkubus-artigen Geist, der den Menschen während des Schlafs seines Lebens beraubt. Doch welche der beiden Varianten sollen wir glauben. Und falls die letztere der Wahrheit entspricht, sollten wir uns dann um Krister Sorgen machen? Doch egal wie man sich entscheidet, die eigentlichen Konsequenzen sind viel schlimmer als man erwarten mag. Bis dahin schleicht sich das Grauen so langsam wie nur eben möglich ein, und die Erzählung setzt alles daran, die einzelnen Fäden so eng miteinander zu verknüpfen, dass es unmöglich wird, sich dem unterschwellig anwachsenden Unbehagen zu entziehen, das den Kern der Geschichte ausmacht.

Gründe dafür sind die dauerhafte Gegenwart des Todes in der einen oder anderen Form und die vielgestaltigen Formen, in denen die Toten den Lebenden begegnen. In der Nacht nach der Beerdigung bleibt Sandra bei ihrem angeblich elfensichtigen Freund Stiff (Dylan M. Johansson), der sie davon zu überzeugen versucht, dass sich ihre Mutter nicht mithilfe eines Ouija-Brettes kontaktieren lasse, weil es den Toten nicht erlaubt sei, sich ins diesseitige Geschehen einzumischen. Die Kamera erzählt allerdings eine andere Geschichte und zeigt uns Murnaus „Nosferatu“ auf dem Fernsehbildschirm. Max Schreck blickt direkt in unsere Richtung, bevor er in der Tiefe des Raumes verschwindet und damit auf subtile Weise für diffuses Schaudern sorgt. Und nein, dies ist weder ein Vampir- noch ein Zombiefilm. Untot zu sein, hat hier eine gänzlich andere Bedeutung.

Marianne | Ein Film von Filip Tegstedt

Doch so sehr wie „Marianne“ von Angst und Tod handelt, handelt die Geschichte doch ganz essentiell von einer schwierigen Vater/Tochter-Beziehung, die Sandra zum eigentlichen Herz dieses Films macht. Ihre Rolle war in der ursprünglichen Fassung größer, sagt Tegstedt, und rückte dann zugunsten von Krister und seiner Heimsuchung ein Stück weit in den Hintergrund. In der jetzigen Version jedoch hinterlässt Sandras Figur einen Eindruck, der tief profund genug ausfällt, um sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Und im Hinblick auf den Verlauf, den die Geschichte nimmt, ist dies genau dasjenige, was das Finale so schockierend und berührend werden lässt.

Doch neben der allgegenwärtigen Dunkelheit gibt es auch Humor, und zwar genug, um all die erdrückenden, schmerzhaften und verstörenden Elemente der Geschichte erträglich zu halten. Und das ist dringend notwendig. Denn diese Figuren sind echte Menschen, mit denen man leidet, und zu denen man rasch eine Beziehung entwickelt. Denn „Marianne“ handelt mehr von den Lebenden als von den Toten, und unabhängig davon, ob die Kreaturen der Angst real sind oder nicht, sie entstammen doch in jedem Fall ursprünglich jenen Verfehlungen, die ein ganzes Leben definieren können. [LZ]

OT: Marianne (SE 2011). REGIE: Filip Tegstedt. DREHBUCH: Filip Tegstedt. KAMERA: Johan Malmsten. MUSIK: Mikael Junehag. DARSTELLER: Thomas Hedengran, Sandra Larsson, Peter Stormare, Tintin Anderzon, Dylan M. Johansson, Helena Löwenmark, Viktoria Sätter. LAUFZEIT: 100 min.

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[Bildnachweis: Jämtfilm, AMT Production]

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