Maps to the Stars | Filmkritik

06. September 2014

Maps to the Stars

Drehbuchautor Bud Wiggins stürzt ans Set und richtet das Wort direkt in die Kamera, um sich über die Missachtung zu beschweren, die er von Kritik und Feuilleton erfährt. Der Film, der gerade gedreht wird, heißt „Maps to the Stars“, das Jahr ist 2007. Und nein, David Cronenberg sitzt nicht auf dem Regiestuhl, denn die Szenerie ist nicht real. Sie entstammt dem fortlaufenden Comic „Wild Palms“, der erstmals 1990 erschien, in einer Zukunft spielte, die heute längst Vergangenheit ist und drei Jahre später von Oliver Stone als TV-Serie adaptiert wurde. Das reale Drehbuch zum jetzigen Film existierte damals bereits. Verwirrend? Willkommen in der Welt von Bruce Wagner.

Seit deinem Debütroman „Force Majeur“ schreibt der hierzulande praktisch unbekannte Autor ebenso exzessiv wie tragisch über Hollywood und lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität dabei unmerklich verschwimmen. Seine Figuren bewegen sich mitten im Kosmos der Reichen und Schönen, verhuren sich, um in ihre Nähe zu gelangen, werden zu ihrem Lookalike oder schaffen selber einen skurrilen Aufstieg (indem sie – wie in „Still Holding“ – ihre Karriere als Leiche in „Six Feet Under“ beginnen). Mit „Dead Stars“ erhebt Wagner 2012 gar einen fiktiven Michael Douglas zum Protagonisten.

Jetzt also verfilmt ausgerechnet David Cronenberg, dem Hollywood räumlich wie inhaltlich kaum ferner sein könnte, eben jenes Drehbuch, das Wagner gedanklich schon seit mindestens zweieinhalb Jahrzehnten in der Schublade hat. Unzählige Überarbeitungen und Aktualisierungen soll es zwischendurch erfahren haben, und doch wirkt der fertige Film ebenso seltsam wie angenehm aus der Zeit gefallen. Sicherlich tauchen aktuelle Namen auf (wenn auch sparsam), die sozialen Netzwerke spielen mit und auch sonst gibt es keinen Zweifel daran, dass die Geschichte in der Gegenwart angesiedelt ist. Nichtsdestotrotz könnte „Maps to the Stars“ problemlos auch als loses Sequel von Billy Wilders „Sunset Boulevard“ durchgehen.

Maps to the Stars

Norma Desmond heißt hier Havanna Segrand und ihr verzweifelter Versuch, als alternder Star (das heißt in beiden Fällen: Mitte 50) ein Comeback zu schaffen, unterscheidet sich nur graduell vom Wahn der Stummfilmdiva. Das Remake eines Klassikers, in dem sie jene Rolle übernehmen soll, mit der ihre eigene Mutter einst berühmt geworden war, könnte die Wende bringen. Doch das Trauma, das sie als Tochter mit sich herumschleppt (möglicher sexueller Missbrauch) ist präsent genug, um sich in Form von Geistererscheinungen zu manifestieren. Immer wieder begegnet ihr die Mutter in jungen Jahren und zeigt ihren makellosen nackten Körper, während Havanna ihren eigenen Anblick kaum erträgt.

Ein anderer Erzählstrang begleitet Agatha (Mia Wasikowska), ein offensichtlich geistig angeschlagenes Mädchen, das dank eines Kontakts zu Carrie Fisher (hatte mit „Postcards from the Edge“ selber einmal einen Hollywood-Insiderroman geschrieben) in L.A. Fuß fassen will. Sie heuert als Havannas Assistentin an und beginnt eine Affäre mit einem angehenden Schauspieler, der sein Geld als Taxifahrer verdient (Robert Pattinson).

Und schließlich begegnen wir dem 13-jährigen Benjie, Star der Teeniekomödie „Bad Babysitter“ (nicht zu verwechseln mit „Bad Sitter“ von David Gordon Green). Gedrängt von einer ambitionierten Mutter und einem Psychotheraputen mit Guru-Status als Vater (John Cusack), ist er längst den Drogen verfallen und von drängenden Ängsten um sein Karriereende geplagt. Zeit also für ein Sequel des Erfolgsfilms.

Die einzelnen Stränge finden früher oder später zusammen, um ein komplexes Ganzes zu ergeben, ohne dabei freilich einen chaostheoretischen Pantheismus vom Typus „Babel“ oder gar „Cloud Atlas“ zu bemühen. Wagner und Cronenberg setzen lediglich von drei unterschiedlichen Enden an, um ihre Geschichte zu erzählen – und sie dann in aller Konsequenz aufzulösen.

Maps to the Stars

Ein „Blick hinter die Kulissen“, wie es die Laienkritiker von Frauenmagazinen und TV-Zeitschriften gerne schreiben, ist „Maps to the Stars“ ganz sicher nicht – jedenfalls nicht in dem Sinne, als gäbe es hier etwas zu erfahren, was nicht schon tausendfach über die furchtbar böse Scheinwelt des Showbusiness gesagt worden sei. Wer dahingehend Bedarf verspürt, greift immer noch besser zu Kenneth Angers schlampig recherchierter Skandalsammlung „Hollywood Babylon“.

Nicht einmal als Satire (eine Kategorisierung, gegen die sich Wagner von jeher gewehrt hat) lässt sich der Film tatsächlich lesen. Eher behutsam überzeichnetes Psychogramm und Tragödie als grelle Farce, erhebt sich „Maps to the Stars“ nie über seine Figuren, kann sie aber auch nicht wirklich mögen. Wenn der Unfalltod eines Kindes glückselig bejubelt wird, weil er gleichzeitig die Lösung eines mehr oder weniger als existenziell empfundenen Problems mit sich bringt, weiß der Zuschauer kaum, wie er darauf reagieren soll.

Cronenbergs Inszenierung ist so steril, wie es das Sujet benötigt, wagt sich interessanterweise aber auch immer mal wieder ein Stück weit in surreal anmutendes Lynch-Territorium vor (wäre „Mulholland Drive“ doch eine TV-Serie geworden, hätten sich manche Elemente problemlos einbinden lassen). Das ist durchaus konsequent. Nie haben sich Cronenbergs Figuren wirklich in realen Welten bewegt. Ihr Koordinatenfeld inszenieren sie immer auch selber mit, bevor sie am Ende oftmals genau daran scheitern.

Das gilt für den bedauernswerten Fliegenmenschen Seth Brundle nicht weniger als für den S/M-besessenen C.G. Jung („A dangerous Method“), den von Todesängsten geplagten Multimilliardär Eric Packer („Cosmopolis“), den von seinem alten Leben verfolgten Tom Stall („A History of Violence“) oder die von ihrer Mutter heimgesuchte Havanna Segrand. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Überall finden sich Parallelgesellschaften, nicht selten Enklaven, mit sehr wenigen Mitgliedern, die keine Möglichkeit haben, in die vermeintlich reale Welt überzuwechseln (oder draufgehen, wenn sie es versuchen).

Dass „Maps to the Stars“ auch als Meta-Film funktioniert, hat nicht zuletzt mit zentralen Casting-Entscheidungen zu tun, bei denen die Darsteller ihre reale Persönlichkeit unvermeidlich mit einbringen. Julianne Moore gehört nachweislich zu den am besten beschäftigten US-Schauspielerinnen über 50 und könnte in dieser Hinsicht nicht weiter von ihrer Rolle entfernt sein. „Alice im Wunderland“-Darstellerin Mia Wasikowska verkörpert eine traurige Variante ihrer bekanntesten Filmfigur und Robert Pattinson wechselt nach „Cosmopolis“ vom Fond zum Fahrersitz. Rückwirkend hingegen müssen die dortigen Auftritte von Sarah Gadon (hier Havannas Mutter) als Eric Packers Geliebte umso geisterhafter wirken.

Maps to the Stars

„Maps to the Stars“ mag in Cronenbergs Filmografie einer jener Beiträge sein, die einen zunächst eher ratlos zurücklassen. Wer immer noch darauf wartet, dass der Meister eines Tages zum Body Horror zurückkehrt, muss sich beständig enttäuscht sehen. Dass sich am Ende immer alles um den Fluch der Transformation dreht, wird dabei oftmals übersehen. In diesem Film jedenfalls gibt es früher oder später niemanden, der die Haut, in der er wohnt, nicht gerne von sich streifen würde – oder es sogar tut.

Epilog: In einer der schönsten Episoden der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit“ zieht Bruce Wagner zusammen mit seinem Freund James Ellroy (mit dem er nicht nur Glatze und Brille, sondern auch das narrative Verweben von Fakten und Fabulieren teilt) durch ein mondbeschienenes L.A., besucht Schauplätze seiner Romane und trifft sich mit Rose McGowan auf ein blutiges Steak. Im Grunde also ein Making-of. [LZ]

P.S.: Wer noch mehr Meta will, dem sei ein Vergleich zwischen Cronenbergs „Videodrome“ und Wagners „Wild Palms“ empfohlen. Es lohnt sich.

OT: Maps to the Stars (CA/USA/DE/FR 2014) REGIE: David Cronenberg. BUCH: Bruce Wagner. MUSIK: Howard Shore. KAMERA: Peter Suschitzky. DARSTELLER: Julianne Moore, Mia Wasikowska, Evan Bird, Robert Pattinson, Olivia Williams, John Cusack, Sarah Gadon, Carrie Fisher. LAUFZEIT: 111 Min.

Maps to the Stars

[Abbildungen: © Daniel McFadden & Caitlin Cronenberg (Stills) | © MFA+ FilmDistribution e.K.]

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