Man of Steel | Filmkritik

20. Juni 2013

Man Of Steel | © 2013 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND LEGENDARY PICTURES FUNDING, LLC. Photo Credit: Clay Enos. TM & © DC Comics

Clark Kent steckt ganz schön in der Klemme: Gerade eben sind Kampftruppen aus dem All auf der Erde gelandet, die ihm ans Leder wollen. Und wie man das aus zahlreichen Invasionsfilmen eben so kennt, übernehmen sie kurzfristig einfach mal alle Sendefrequenzen des Planeten (nicht, dass jemals geklärt worden wäre, wie das eigentlich funktionieren soll). Das hat seinen guten Grund. Denn die außerirdischen Besucher wollen die Menschheit zur Herausgabe von, ja genau, Clark Kent bewegen. Was also tun? In einem Erdloch verkriechen? Mitnichten. Schließlich wartet da ein dritter Akt, den es zu bewältigen gilt, und der besteht offenbar aus Elementen, die in „Transformers 3“ nicht mehr untergekommen sind.

Mit Michael Bays infantilem Roboternonsens teilt sich „Man of Steel“ aber nicht nur die unsägliche Zerstörungsorgie einer US-Metropole, sondern auch das Motiv hinter der außerirdischen Invasion: die Wiederherstellung des Heimatplaneten (Cybertron bzw. Krypton) auf Kosten der Erdlinge. Aber das bleibt ein bloßer MacGuffin, denn das einzige, was hier zählt, ist eine vermeintlich zeitgemäße Neueinführung des ersten aller Superhelden, um für Warner nach Abschluss der „Dark Knight“-Trilogie direkt das nächste Franchise aus dem Hause DC in Gang zu setzen (und gleich auch noch eine „Justice League“-Reihe vorzubereiten).

Also verfahren die Autoren Christopher Nolan und David S. Goyer ganz nach dem bewährten Reboot-Prinzip, mit dem sie zuvor bereits Batman erfolgreich auf die Leinwand zurückgebracht hatten. Umso schematischer das Ergebnis. Bei der Geburtsstunde von Kal-El (für Uneingeweihte: Supermans echter Name) setzt die Geschichte an und geht dabei denselben Weg wie das unsägliche „Conan“-Reboot von Marcus Nispel. Ziemlich ausführlich wird zu Beginn von der Zerstörung des Planeten Krypton erzählt, dessen Design mehr nach Giger aussieht als der gesamte „Prometheus“. Im Verlauf tötet Rebellenführer Zod Kal-Els Vater und empfiehlt sich so als idealer Gegenspieler (wie gesagt, „Conan“).

Man Of Steel | © 2013 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND LEGENDARY PICTURES FUNDING, LLC. Photo Credit: Clay Enos. TM & © DC Comics

Bekanntlich wird der spätere Superheld zur Erde geschickt, bevor seine Heimat zugrunde geht. So weit, so chronologisch. Dann jedoch beginnt die Geschichte zwischen den Zeitebenen zu springen, ohne dass dramaturgisch dabei ein roter Faden erkennbar wäre. Unglaubliche Heldentaten und einscheidende Erlebnisse aus Kindheit und Jugend der Hauptfigur wechseln ab mit Spurensuche nach den eigenen Wurzeln in der Gegenwart. Nebenher entwickeln sich parallele Handlungsstränge, die sich in erster Linie um Clark Kents zukünftige Dauerfreundin Lois Lane drehen. Da mag vieles aufkommen, aber sicher keine Spannung.

Viel problematischer ist aber die völlige Distanz zur Hauptfigur. Schon immer war Superman von allen Superhelden derjenige mit dem geringsten Identifikationspotential bei größter Eindimensionalität. Umso bemühter fiel so manche frühere Interpretation aus, der Figur eine angemessene Brechung unterzujubeln. Richard Lester etwa ließ Clark Kent um der Liebe willen auf seine Superkräfte verzichten. Drei Jahre später verschaffte er ihm eine gespaltene Persönlichkeit. „Smallville“ brachte es mit einer Strategie allgemeiner Vermenschlichung auf ganze zehn Staffeln. Und selbst Bryan Singers glücklose Version funktionierte auf der Basis eines emotional geschwächten Kryptoniers.

Goyer und Nolan setzen zwar forciert auf die Rolle des Außenseiters qua Geburt, doch am Ende bleibt nur ein Mann ohne Eigenschaften, und die Besetzung mit Henry Cavill, der angesichts der charismatischen Co-Stars (Michael Shannon, Russell Crowe, Diane Lane, Kevin Costner) ziemlich blass bleibt, macht die Angelegenheit auch nicht besser. Identitätssuche ist das Prinzip, nach dem die Figur ein Profil bekommen soll, doch bloß zwei Streitgespräche des jungen Protagonisten mit seinem Adoptivvater reichen da einfach nicht aus. Als Clark (mithilfe einer – auf welche Weise auch immer – lebendigen und sogar handlungsfähigen Astralprojektion seines Erzeugers) nach Jahren der Suche endlich in Erfahrung bringt, woher er stammt, entspricht die Euphorie, mit der er seiner Mutter darüber berichtet, in etwa der eines Briefmarkensammlers, dem eine Sonderprägung auf den Tisch geflattert ist.

Man Of Steel | © 2013 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND LEGENDARY PICTURES FUNDING, LLC. Photo Credit: Clay Enos. TM & © DC Comics

Auch sonst bietet diese Inkarnation kaum Ansatzpunkte zur Identifikation – von Mitgefühl ganz zu schweigen. Was soll man auch mit einem Superhelden anfangen, der einem geliebten Menschen das Leben retten könnte, ihn stattdessen aber (wenn auch auf eigenen Wunsch) einen gewaltsamen Tod sterben lässt, ohne dabei sonderliche Zeichen innerer Zerrissenheit zu zeigen oder gar ein Trauma davonzutragen (im Gegensatz etwa zu Peter Parker und Bruce Wayne)? Welche Verbindung kann man zu jemandem herstellen, dem die unerwartete Begegnung mit dem Geist seines toten Vaters emotional nicht viel mehr als ein neugieriges Schulterzucken entlockt?

Zack Snyders Superman ist eben nicht von dieser Welt, und so auch nicht auf Augenhöhe mit dem Zuschauer. Mehr Kar-El als Clark Kent, lässt sich die Figur zwar konsumieren, aber kaum in sie hineinversetzen. Hinzu kommt, dass Nolan-Kollaborateur Hans Zimmer erneut auf eingängige musikalische Themen verzichtet und einen großorchestralen Frontalangriff abliefert, der losgelöst von den Bildern beeindruckender ausfällt als in Verbindung mit ihnen.

Am Ende verrät der Film dann zu allem Überfluss auch noch eine der charakteristischsten Kardinaltugenden des Protagonisten zugunsten eines äußerst fragwürdigen politischen Statements. James Cameron ließ seinen Terminator einst von John Connor lernen, dass kein Umstand, nicht einmal die Verhinderung eines Krieges, das Töten eines Menschen rechtfertigt. 22 Jahre später sehen die Dinge anders aus. Vor dem Hintergrund einer unangenehm zelebrierten 9/11-Ästhetik wird der traditionelle Pazifist Superman zum Abbild und Fürsprecher US-amerikanischer Exekutionsmentalität: Zero Dark Kent. [LZ]

OT: Man of Steel (USA/CA/UK 2013) REGIE: Zack Snyder. BUCH: David S. Goyer. MUSIK: Hans Zimmer. KAMERA: Amir Mokri. DARSTELLER: Henry Cavill, Amy Adams, Michael Shannon, Russell Crowe, Diane Lane, Kevin Costner, Christopher Meloni, Laurence Fishburne, Antje Traue, Dylan Sprayberry, Harry Lennix. LAUFZEIT: 143 Min.

Man of Steel

Man of Steel | Filmplakat

[Abbildungen © 2013 Warner Bros. Entertainment Inc. TM & © DC Comics]

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