Maggie | Filmkritik: Stilles Drama statt Zombie-Apokalypse

28. August 2015

Maggie

Ein Vater begleitet das langsame Sterben seiner Tochter, wissend, dass er ihr Leben früher oder später aktiv beenden muss, um sie vor einem noch grausameren Schicksal zu bewahren. Denn Maggie leidet nicht nur an einer unheilbaren, sondern auch höchst ansteckenden Krankheit, für die eine staatliche Quarantäneverordnung gilt, deren Umstände niemand so genau kennt. Die Stiefmutter besteht aus Angst um ihre leiblichen Kinder auf Maggies Einweisung und die lokalen Gesetzeshüter drohen mit Zwangsmaßnahmen, während das Mädchen selber nicht nur mit dem eigenen Schicksal, sondern auch dem ihres ebenfalls erkrankten Freundes konfrontiert ist. Starker Tobak also.

Ach ja, hatten wir erwähnt, dass die tödliche Infektion die Menschen in Zombies verwandelt und Arnold Schwarzenegger den Vater spielt? Nein? Dann sei es hiermit gesagt. Und wenn man sich diese Konstellation vor Augen führt, muss das Ganze zwangsläufig wie eine echte Schnapsidee anmuten: Als hätte sich Haneke eine Episode von „The Walking Dead“ vorgenommen, wäre dann aber seitens der Geldgeber gezwungen worden, die absurde Fehlbesetzung eines alternden Actionrecken für eine der Hauptrollen hinzunehmen. So oder ähnlich sieht „Maggie“ auf dem Papier aus.

Umso überraschender das Resultat. Statt der erwarteten Peinlichkeit liefert Regisseur Henry Hobson mit seinem Spielfilmdebüt ein stilles und durchaus berührendes Drama ab, dessen Genreanteil nahezu gegen Null tendiert. Nichts wäre hier verloren, hätte sich das Drehbuch für einen beliebigen anderen hochansteckenden und tödlichen Fantasievirus entschieden. Ein einziges Mal gibt es zwei umherschleichende Zombies zu sehen, doch statt Schrecken zu verbreiten, dienen sie der Geschichte als traurige Opfer.

Es sind die oben beschriebenen tragischen Grundkonflikte, von denen der Film lebt und die ihn über gerade noch so akzeptable 95 Minuten hin aufrecht erhalten. Dass sich ausgerechnet Schwarzenegger angenehm zurückhaltend einfügt und der Figur des durchschnittlichen, liebevollen und gänzlich hilflosen Vaters Wade ein glaubwürdiges Gesicht verleiht, ist vielleicht das (in positivem Sinne) erschreckendste Element von „Maggie“. Mit dicken Rändern unter den Augen, verblichener Kraft in der Stimme und der gebückten Haltung eines Mannes, dem eine große Last auf den Schultern liegt, bleibt von dem hölzernen Textaufsager, als den ihn der Zuschauer kennt, nahezu nichts übrig.

Maggie

Lange Zeit war das Drehbuch in Hollywood umhergereicht worden, bevor es auf dem Tisch des in die Jahre gekommenen Ex-Gouverneurs, Ex-Superstars, Ex-Bodybuilders landete, der schnell die Gelegenheit für eine weitere kluge Entscheidung an einer Gelenkstelle seiner ins Stocken geratenen Karriere erkannte. Warum nicht erneut etwas ausprobieren, was ganz sicher niemand von ihm erwartet hätte? In diesem Fall: ernsthafte Schauspielerei. Wie sich in den End Credits lesen lässt, hat er sich dazu eigens von einem Drama-Coach trainieren und möglicherweise eng führen lassen. Das Ergebnis ist vielleicht nicht oscarreif, aber für eine angemessene und wirkungsvolle Verkörperung des leidgeprüften Vaters reicht es allemal.

Doch nicht Wade ist die Hauptfigur (auch wenn ihm angesichts seines prominenten Darstellers ganz sicher mehr Raum gegeben wurde als ursprünglich angedacht), sondern eben Maggie. Ihr gehört vor allem die zweite Hälfte des Films. Abigail Breslin („Little Miss Sunshine“) spielt sie angenehm unaufdringlich und ohne plakative emotionale Ausbrüche. Ihre Figur leidet still, darf auch mal lachen und sich daran erinnern, dass sie ein Teenager ist. Szenen der Verbundenheit mit dem Vater, die einen geheimen, nur den beiden vorbehaltenen Mikrokosmos erlauben, gehören zu den bewegendsten Momenten, ohne dabei die leisen Töne in Wehmut oder gar Kitsch abdriften zu lassen.

Am Ende ist „Maggie“ ein kleiner, fast intimer Film, der ohne die Beteiligung Schwarzeneggers selbst in Genrekreisen ganz sicher gänzlich unter dem Radar geblieben wäre. Aber auch so reichte es nicht für eine reguläre Kinoauswertung (noch ein Novum für den Österreicher), auch wenn die Vorstellungen beim diesjährigen Fantasy-Filmfest restlos ausverkauft waren. [LZ]

P.S.: Bei Splendid, wo der Film hierzulande vertrieben wird, traut man dem eingekauften Produkt offenbar nicht und tischt dem Zuschauer lieber dreist eine handfeste Lüge auf. Wade wolle sich mit Maggies Schicksal nicht abfinden und suche fieberhaft nach einem Heilmittel – so kann man es auf dem Cover von DVD und Blu-ray lesen. Inhaltlich ist das völlig frei erfunden und setzt Kaufanreize, die das Produkt selber nicht erfüllen kann. Auch wenn man nicht gleich von Etikettenschwindel reden will, finden wir: Derartige Trickserei muss nicht sein und vermittelt echte Geringschätzung aller, die für einen Film noch ehrlich ihr Geld ausgeben anstatt ihn illegal downzuloaden.

Maggie

OT: Maggie (USA 2015). REGIE: Henry Hobson. BUCH: John Scott III. MUSIK: David Wingo. KAMERA: Lukas Ettlin. DARSTELLER: Abigail Breslin, Arnold Schwarzenegger, Joely Richardson, Douglas M. Griffin, J.D. Evermore, Jodie Moore, Bryce Romero. LAUFZEIT: 93 Min (DVD), 98 Min (Blu-ray). VÖ: 28.08.2015.

Maggie

[Abbildungen: Splendid]

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