Mad Max: Fury Road | Filmkritik

17. Mai 2015

Mad Max: Fury Road

So ziemlich das Letzte, was man von einem millionenschweren Blockbuster erwarten würde, ist feministische Propaganda. Aaron Clarey, seines Zeichens Männerrechtsaktivist (was auch immer das sein mag) und Autor eines gut besuchten Blogs zum Thema, sieht das im Fall von George Millers Rückkehr zur blut- und benzingetränkten Postapokalypse ganz anders. Hier habe man es zweifelsfrei mit einem „trojanischen Pferd“ zu tun, das dem linken Hollywood zur Verbreitung des Gedankens diene, „Frauen seien Männern in jeglicher Hinsicht gleich – einschließlich Konstitution, Kraft und Logik.“ Könnte man diesem Film ein größeres Kompliment machen? Wohl kaum.

Tatsächlich nimmt die Titelfigur (hier Tom Hardy) drei Jahrzehnte nach ihrem letzten Leinwandauftritt lange Zeit eine überraschend untergeordnete Rolle ein. Eine völlig atemlose erste halbe Stunde vergeht, bevor der ehemalige Gesetzeshüter mit massiven Traumata im Gepäck (in mancherlei Hinsicht ein Vorgänger von Rick Grimes) überhaupt eine Chance bekommt, eigenmächtig zu handeln – nur um kurz darauf eine Zwangsallianz mit der Kampfamazone Furiosa und ihren fünf nymphengleichen Begleiterinnen eingehen zu müssen. Dass er dabei eine ganze Weile in eine Gesichtsmaske irgendwo zwischen Hannibal Lecter, Bane (auch Tom Hardy) und J.J. Gittes eingepfercht ist, erschwert die Lage zusätzlich.

Miller hat seinem Road Warrior einen Maulkorb verpasst, vielleicht als Strafe dafür, dass dieser gleich in der ersten Nahaufnahme eine lebendige Eidechse verspeist. Vielleicht aber auch, weil alle entscheidenden Männer dieses Films zwischen Stirn und Kinn ein künstliches Stigma mit sich herumtragen: Prothesen, Atemgeräte und Acrylspray (zur quasi-religiösen Markierung) trennen die Spreu vom Weizen. Ganz sicher aber auch, damit der notorische Einzelgänger weit genug aus dem Rennen geworfen wird, um stattdessen seinen Teil zum gemeinsamen Überleben einer Gruppe beizutragen.

Mad Max: Fury Road

Im Franchise ist das zwar kein neuer Topos (sondern bereits zentrales Element von Teil 2 und 3), doch dass der Namensgeber dadurch zum bloßen Ensemble-Mitglied wird und zeitweise sogar gänzlich aus dem Fokus verschwindet, muss durchaus überraschen. Denn es ist nicht Max Rockatansky, der diesen Film trägt. Überhaupt markiert der Titel eher ein ganz bestimmtes filmisches Universum, einen Stiltypus, ein individuelles Subgenre, als dass er den vielgeschundenen Antihelden benennt. Denn die eigentliche Hauptfigur – der Titelzusatz lässt es erahnen – heißt Furiosa.

Viel zu erfahren gibt es über die einarmige Kriegerin nicht, aber der demonstrative Verzicht auf Hintergründe gehört nun einmal zum Prinzip dieser Filmreihe. In der Geschichte von „Fury Road“ hat sie den fünf Frauen eines grausamen Warlords (ein Zwitter aus Darth Vader und Lord Humungus) zur Flucht vor ihrem Peiniger verholfen, den sie mit seinen Horden nun im Nacken hat. Max – selber knapp dem sicheren Tod als Gefangener des Wüstendiktators entkommen – schließt sich ihr nach einem kurzen, aber beachtlichen Kräftemessen an, die Vorstellung grüner Erde im Hinterkopf, die irgendwo am Ende der endlosen Sandmeere zu finden sein soll.

Das klingt nach Western und Roadmovie, ist in Wahrheit aber eine zweistündige Verfolgungsjagd mit Freakshowcharakter, die im besten Sinne kaum Zeit zum Luftholen lässt, und in der Männer nichts anderes sind als blutdurstige Testosteronmaschinen. Einzige Ausnahme neben der Titelfigur ist der Warboy Nux (Nicholas Hoult, „X-Men“), ein bleicher todgeweihter Jüngling mit dem Glauben an eine vom Imperator verbreitete Pseudoreligion, die ihm eine glorreiche Wiedergeburt verspricht, wenn er im Kampf fällt (und auch sonst erinnert so manches an fundamentalistischen Wüstenterrorismus). Erst die Begegnung mit Furiosas ätherischen Schönheiten lässt ihn umdenken und schon bald kämpft er an der Seite von Max, der ihm zuvor noch als lebende Blutkonserve dienen musste. Und nein, es sind keine primär sexuellen Motive, die ihn antreiben.

Mad Max: Fury Road

Überhaupt spielt Sex nur insofern eine Rolle, als dass die Frauen ihrer Funktion als wehrlose Gebärmaschinen entfliehen. Wenn Max ihnen zum ersten Mal begegnet (in der Wüste, neben einem Tanklaster, in gleißendem Sonnenlicht, gerade dem sicheren Tod entronnen), sind sie mehr Fata Morgana als Pin-up, mehr Erscheinung als Fleisch, auch wenn sie nur spärlich bekleidet dastehen und sich gerade den Sand vom Körper waschen. Nichts an diesem Anblick ist real, denn Frauen haben in dieser Männerwelt wenig verloren. Es sei denn, sie kämpfen mindestens genauso hart und unerbittlich.

Genau dafür steht Furiosa und findet sich so in direkter Verwandtschaft zu Ellen Ripley und Sarah Connor (in der Darstellung von Linda Hamilton). Kurzgeschoren, einarmig und mit stilbildender Kriegsbemalung unverwechselbar gestaltet (ein Fest für Cosplayer) ist sie die geborene Franchisefigur, eine Erinnye, gegen die Max praktisch nichts aufzubieten hat. Charlize Theron füllt sie mit Leben, schenkt ihr Härte, Tiefe, Herz und Verstand und nutzt dafür vor allem die wenigen adrenalinfreien Momente, die der Film für sie bereithält. Wo Max von Schuld getrieben ist, findet Furiosa ihren Antrieb in der Hoffnung. Am Ende ist es genau das, was diese beiden Charaktere zusammenhält.

Das alles wirkt wie eine Menge Inhalt für einen Film, der sich doch primär durch seine von Detailreichtum aufgeladenen Bilder, die der Ästhetik des Comics näher sind als dem Kino (Co-Autor Brendan McCarthy entstammt diesem Umfeld), seine in vergleichsloser Perfektion choreografierte und montierte Dauerbefeuerung und seine insgesamt geradezu schamlos ausgereizte audiovisuelle Überwältigungsstrategie zu definieren scheint. Und ja, „Mad Max: Fury Road“ ist fraglos all das und zudem die entwaffnende Antwort zweier Veteranen über 70 (Miller und John Seale) auf das im Vergleich fast laienhaft wirkende Actionkino der Gegenwart. Aber dieser Film ist im Kern eben auch noch mehr. Und genau das macht ihn zum Ereignis. [LZ]

Mad Max Fury Road

OT: Mad Max: Fury Road (AU/USA 2015) REGIE: George Miller. BUCH: George Miller, Brendan McCarthy, Nick Lathouris. MUSIK: Tom Holkenborg aka Junkie XL. KAMERA: John Seale. DARSTELLER: Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult, Hugh Keays-Byrne, Rosie Huntington-Whiteley, Zoë Kravitz, Riley Keough, Abbey Lee, Courtney Eaton, Richard Carter, Iota, John Howard, Angus Sampson, Nathan Jones, Josh Helman, Melissa Jaffer. LAUFZEIT: 120 Min.

Mad Max: Fury Road

[Abbildungen: © 2015 Village Roadshow Films (BVI) Limited]

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