Machete | Filmkritik

09. November 2010

Machete | Filmkritik

Jetzt hat es Danny Trejo also doch noch zu einer Hauptrolle gebracht, und darauf müsste er ziemlich lange warten. In über 150 Produktionen war der Schauspieler mit dem überaus einprägsamen Gesicht und mexikanischen Wurzeln seit seinem 1985er Auftritt neben Eric Roberts in Konchalovskys „Runaway Train“ zu sehen. Zehn weitere Jahre und rund drei Dutzend Filme später stellte sich heraus, dass er und Robert Rodriguez, damals ein hoch gehandeltes Regie-Wunderkind, echte Blutsverwandte sind – für Trejo ein Glücksfall.

Zu etwa diesem Zeitpunkt nämlich soll bereits ein erstes Drehbuch zu „Machete“ in Arbeit gewesen sein, und Trejo, jetzt ein unverzichtbares Mitglied der „Troublemaker“-Familie, galt frühzeitig als Idealbesetzung. Dreimal verkörperte er die Figur dann zunächst als kleine Nebenrolle in der „Spy Kids“-Serie. Jetzt hat er endlich seinen eigenen Film bekommen. Was den Charakter jedoch so besonders macht, dass er ganze anderthalb Jahrzehnte unbeschadet überdauern konnte, lässt sich am Ergebnis nur schwerlich ablesen.

Für andere Erkenntnisse ist „Machete“ hingegen durchaus ergiebig. Schwerlich zu ignorieren ist etwa die Tatsache, dass Robert Rodriguez mittlerweile offenbar herausbekommen hat, inwiefern Filmemachen unter anderem ein ziemlich gutes Mittel ist, um mit der Begründung dramaturgischer Notwendigkeit dafür zu sorgen, dass sich weibliche Darstellerinnen bereitwillig vor der Kamera ausziehen. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen allerdings, die sich jede Menge Gedanken machen müssen, wie sie möglichst geschmeidig den Vorwurf umschiffen, eine Szene eben genau nur aus diesem einen Grund ins Drehbuch reingeschmuggelt zu haben, holt Rodriguez einfach den Exploitation-Stempel hervor und ist fein raus.

Im Fall von „Machete“ jedoch, mehr noch als beim Vorgänger „Planet Terror“, lässt sich ein ziemlich kindischer Beigeschmack kaum ignorieren – erst recht dann nicht, wenn mit digitalen Mitteln und Body Doubles nachgeholfen werden muss, weil die Betroffenen vermutlich eine Nudity-Klausel mit branchenüblichem (den Budgetrahmen sprengenden) Gagenzusatz im Vertrag hatten. Will man darüber hinwegsehen, muss man sich schon sagen: Sie mögen nicht echt sein, aber wenigstens sind sie nackt. Das gilt übrigens auch für Gummipuppen.

Das Hauptproblem dabei: In so ziemlich allen anderen Belangen sieht es für diesen Film kaum anders aus. Korruption, Koks, Inzest, abgetrennte Körperteile, Lesbenspiele zwischen Mutter und Tochter, tödliche Schüsse in den Bauch einer hochschwangeren Mexikanerin – Hauptsache, es ist da, egal wie. Exploitation um jeden Preis eben. Als Konsequenz bleibt jedoch übrig, dass alles, was dieses Genre-Derivat im Grundsatz eigentlich ausmacht, nahezu gänzlich verloren geht. „Machete“ ist bemüht, konstruiert, auf Kult hin zusammengeschraubt, aber trotzdem oder vermutlich genau deshalb weder originell noch effektiv. Die Ankündigung gleich zweier Fortsetzungen muss einem da fast schon wie eine Drohung erscheinen.

Machete | Danny Trejo

Angefangen hatte der ganze Nonsens bekanntlich mit dem kommerziell gnadenlos gescheiterte Doppelfeature „Grindhouse“, einem von vielen 2007er Sargnägeln für die ohnehin schon gebeutelte Weinstein Company, die hier vor allem jede Menge Marketing-Budget verbrannte. Rodriguez und Tarantino hatten je einen Filmbeitrag geliefert und das Ganze mit vier Fake-Trailern von Eli Roth, Edgar Wright, Rob Zombie und Rodriguez selber angereichert. Nach Europa schaffte es nur „Machete“, denn anstelle der Anthologie und vermutlich in der Hoffnung, an der Kinokasse so besser abzuschneiden, wurden beide Filme einzeln ausgewertet. Nicht ganz zu Unrecht mochte man auf dieser Grundlage den Eindruck bekommen, die einzig wirklich sehenswerten Elemente dieses Projektes verpasst zu haben, denn nicht einmal Hardcore-Fans der beiden selbsternannten Mavericks konnten mit den teuer produzierten B-Filmen sonderlich viel anfangen.

Für Rodriguez kein Grund, nicht weiter auf dasselbe Pferd zu setzen und sich die nächsten drei Jahre mit einem drängenden Danny Trejo im Nacken daran zu machen, den Film zum Trailer auf die Leinwand zu bringen. Auf der Comic Con 2008 in San Diego versprach er dann direkt eine ganze Trilogie – wenngleich es zum damaligen Zeitpunkt erst einmal um eine vollmundig angekündigte Adaption von „Red Sonja“ ging. Die kam allerdings später ebenso wenig zustande wie ein Remake von „Barbarella“ und eine geplante TV-Serie um ein Frauengefängnis. Angesichts des Scheiterns all dieser Projekte wundert es umso mehr, dass ausgerechnet „Machete“ weiterhin auf dem Schirm blieb.

Erstmalig hatte sich Rodriguez eigener Aussage gemäß bereits 1993 an ein Skript gesetzt, das er später als Grundlage für den „Grindhouse“-Trailer nutzte. Tatsächlich lässt sich im fertigen Film (mit Ausnahme einiger Darstellerwechsel und ohne Kennedy-Limousine) nahezu jede Einstellung und Dialogzeile wiederfinden, doch das macht die Sache nicht besser. Für rund drei Minuten ist „Machete“ eine ganz amüsante Spielerei, über eindreiviertel Stunden hinweg wird die ganze Angelegenheit jedoch zur leidlich unterhaltsamen Dehnübung mit Tendenz zur Nummernrevue. In dieser Hinsicht wiederholt Rodriguez das Prinzip von „Planet Terror“ und in gewissem Sinne auch „Once upon a time in Mexico“.

Machete | Jeff Fahey, Robert De Niro

Zu Beginn ist Machete noch ein regulärer mexikanischer Bundesagent, doch schon in der Eröffnungssequenz hantiert er am liebsten mit der Waffe, der er seinen Namen zu verdanken hat. Abgeschlagene Köpfe und Extremitäten pflastern seinen Weg, als er ein entführtes Mädchen aus den Händen von Drogenboss Torrez (ein aus dem Leim gegangener Steven Seagal) retten will. Doch der Einsatz geht schief, und Machete muss mit ansehen, wie die eigene Frau vor seinen Augen hingerichtet wird. Drei Jahre später ist er ein illegaler Einwanderer im texanischen Grenzland, der sich seine Tacos mit Garten- und Hausarbeit verdient – bis er den Auftrag erhält, den ultrakonservativen Senator McLaughlin (Robert De Niro) zu ermorden. Doch Machete ist nur ein Bauernopfer in einem Komplott, das dem vermeintlichen Opfer seine Wiederwahl sichern soll. Grund genug also, einen ausgedehnten Rachefeldzug zu starten.

So weit, so simpel. Komplex wird die Angelegenheit erst durch eine Reihe von Nebenfiguren, die zeitweise mehr Aufmerksamkeit bekommen als der Titelgeber selber und auf diese Weise davon ablenken, dass weder Danny Trejo noch seine Figur alleine in der Lage sind, den Film zu tragen. Da gibt es eine US-Agentin, die illegalen Einwanderern auf der Spur ist (Jessica Alba), eine getarnte Revolutionsführerin mit dem bezeichnenden Namen „Shé“ (Michelle Rodriguez), einen waffensicheren Priester, der zugleich Machetes Bruder ist (Cheech Marin), einen korrupten Sheriff (Don Johnson), McLaughlins skrupellosen Kampagnenmanager (Jeff Fahey), sowie dessen drogenabhängige Tochter (Lindsay Lohan), die gerne mal mit ihrer eigenen Mutter zusammen nackt in den Pool steigt. Für die DVD-Fassung kündigt Rodriguez noch mehr Figuren an, die es in die Kinofassung nicht geschafft haben (Rose McGowan?), frühzeitig umgebracht werden oder sonstwie unterrepräsentiert sind.

Das ist alles ziemlich viel Lärm um nichts. Der politische Hintergrund, den Rodriguez dem Film unterschiebt und in einem faschistoiden Wahlwerbespot, sowie einigen pointierten Statements des Senators mit einer gewissen Emphase ausbreitet, ist vor allem ein MacGuffin. Im US-Kino braucht niemand mehr Exploitation, um unliebsame Themen anzusprechen. Es gibt kein Studiosystem, von dem man sich absetzen müsste, und die kontroversen Inhalte sind längst im Mainstream angekommen. Diese essentiell mit dem Genre verbundene Grundvoraussetzung muss „Machete“ jedoch simulieren, um als dasjenige funktionieren zu können, was der Film gerne sein will – und das macht ihn zu einem ziemlich konservativen Unterfangen.

Machete | Lindsay Lohan

Machete | Don Johnson

„Machete“ funktioniert deshalb ausschließlich als Simulation, als Bastelanleitung oder Anschauungsmaterial. Beginnt man den Film aber als Film ernst zu nehmen, bleibt nicht viel übrig. Die Idee etwa, die öffentliche Wahrnehmung eines Darstellers als Blaupause für eine Figur zu nutzen, mag im Drehbuchseminar vielleicht seine Berechtigung haben, Lindsay Lohan aber tatsächlich als bisexuelle, dauerbekokste Tochter aus reichem Haus zu besetzen und Don Johnson (Rollenname: Von Jackson) zum korrupten Gesetzesvertreter zu machen, der beide Hände tief im Drogensumpf hat, ist Filmemachen aus dem Kindergarten der Postmoderne.

Was bleibt, sind ein paar bemerkenswerte Einzelleistungen (Jeff Fahey, De Niro, Cheech Marin), eine Plakat- und Trailerkampagne, die origineller ausfiel als der ganze Film, und der Beleg, dass Rodriguez nicht nur ein ganzes Genre, sondern mithilfe von Co-Regisseur Ethan Maniquis mittlerweile auch den eigenen Inszenierungsstil simulieren kann. [LZ]

OT: Machete (USA 2010). REGIE: Robert Rodriguez, Ethan Maniquis. BUCH: Robert Rodriguez, Alvaro Rodriguez. MUSIK: Chingon. KAMERA: Jimmy Lindsey. DARSTELLER: Danny Trejo, Jessica Alba, Jeff Fahey, Michelle Rodriguez, Robert De Niro, Steven Seagal, Cheech Marin, Lindsay Lohan, Don Johnson. LAUFZEIT: 105 Minuten.

Machete | Poster

[Abbildungen © 2010 Sony Pictures Releasing GmbH]

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