Lucy | Filmkritik

14. August 2014

Lucy | Scarlett Johansson

Wohl niemand käme je auf die Idee, Luc Besson übermäßigen Tiefsinn vorzuwerfen. Nichts desto trotz finden sich bei ihm zwischen zwei Bleigewittern und einer Verfolgungsjagd immer wieder unerwartete Momente reinster Melancholie (und wenn „Leon – der Profi“ nicht der traurigste aller Filmkiller ist, wer bitteschön soll es denn dann sein?). So gibt es sie auch in „Lucy“, jene seltsamen Inseln, die inmitten all der hyperbolischen Krachwumm-Dramaturgie für einen kurzen Moment daran erinnern, dass keine Geschichte ohne Charaktere funktioniert, deren Schicksal uns nachhaltig bewegt: Wenn die titelgebende Hauptfigur auf dem OP-Tisch liegend das unbändige Bedürfnis verspürt, ihre Mutter anzurufen, weil sie urplötzlich Zugriff zu den ältesten Erinnerungen ihrer Kindheit hat und gleichzeitig begreift, dass sie eben deshalb unwiderbringlich aufhört, Mensch zu sein, gehört das zum Schmerzhaft-Poetischsten, was es dieses Jahr bislang im Kino zu sehen gab. Direkt danach kracht und rummst es allerdings schon wieder.

Die Ausgangsidee ist eine lupenreine SciFi-Hypothese: Was wäre, wenn der Mensch mehr als die oft beschworenen und arg lächerlichen 10 Prozent seiner Hirnkapazität nutzen könnte? Was, wenn er gar Zugriff zu seinem vollen Potential bekäme? Klingt bekannt? Kein Wunder. Erst 2011 musste sich Bradley Cooper in „Limitless [dt. Ohne Limit]“ mit dieser Frage auseinandersetzen und dabei um sein Leben fürchten. Doch wo dort ein erfolgloser Schriftsteller dank maximal erweiterter Brainpower (im Vergleich) lediglich zum Finanzgenie aufsteigt, wird aus Lucy nach und nach nicht nur die ultimative Superheldin, sondern gleich auch noch eine Nachfolgerin von Kubricks Sternenfahrer Bowman.

Es ist also nur folgerichtig, wenn Bessons Film zu Beginn weit ausholt und zum Auftakt einen haarigen, prähistorischen Zweibeiner an seiner bevorzugten Wasserstelle zeigt. Doch es ist weder der Mondschauer aus „2001“ , den wir da sehen, noch Oberaffe Ceasar, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach vielmehr der erste uns bekannte weibliche Vormensch, den Archäologen mit Faible für die Beatles etwa 3,2 Millionen Jahre später auf den Namen (man ahnt es schon) „Lucy“ taufen werden.

Lucy | Scarlett Johansson

Das Schicksal hat sich für die blonde Schönheit mit den Zügen von Scarlett Johansson (und einer verräterischen Leoparden-Jacke) also offenbar einen ziemlich groß angelegten Scherz ausgedacht – und der beginnt so gar nicht lustig. Gegen ihren Willen muss sie einen Koffer übergeben, dessen Inhalt sie nicht kennt und mit dem sie auch nichts zu tun haben will. Binnen Sekunden sieht sie sich von einem grimmigen Trupp Koreaner verschleppt und bedroht. Als sie nach längerer Bewußtlosigkeit wieder zu sich kommt, trägt sie einen randvollen Drogenbeutel unter der Bauchdecke, den sie unbemerkt ins Ausland schaffen soll.

Doch das Behältnis reißt und blaues Kristallpulver macht sich in Lucys Körper breit. Das ist Fluch und Segen zugleich, denn statt sie zu vergiften sorgt der seltsame Stoff namens CPH4 (eine fiktive Bezeichnung für ein Molekül, das in der sechsten Schwangerschaftswoche produziert wird) dafür, dass sie Zugang zu bislang verschlossenen Bereichen ihres Gehirns erlangt und in rasender Geschwindigkeit unvorstellbare geistige und körperliche Fähigkeiten entwickelt (etwa um den eigenen Stoffwechsel zu kontrollieren, auf zwei Tastaturen gleichzeitig zu tippen oder sich in jegliche Funkwellen einzuklinken).

Was sich Besson da für seine Hauptfigur so alles hat einfallen lassen, lässt jeden Marvel-Helden alt aussehen. Überhaupt kommt dieser Film daher wie die Acid-Version jener Origin-Geschichten nach Comic-Vorlagen, die das US-Kino des neuen Jahrtausends abzuliefern nicht müde wird – nur noch absurder, noch schneller, noch konsequenter. Unablässig erweitert sich Lucys Zugriff auf ihre verborgenen Kapazitäten und ihr ist schnell klar, dass sie das nicht überleben wird (tatsächlich löst sie sich irgendwann einmal sogar vorübergehend in ihre Bestandteile auf).

Damit auch noch so etwas wie eine Story übrig bleibt, die Gelegenheit zu wilden Actioneskapaden liefert (inklusive einer unvermeidlichen Autoverfolgungsjagd quer durch Paris, wie sie eben in einen Besson-Film gehört), ist die koreanische Drogenmafia auf Lucys Fersen, während sie sich auf den Weg zu einem angesehenen Neurowissenschaftler macht (Morgan Freeman auf Autopilot), dem sie ihr neugewonnenes Wissen hinterlassen will. Dass sie ihm – und dem Zuschauer – ein paar Banalitäten aus dem Grundkurs Philosophie als ultimative Erkenntnis über die Struktur des Daseins verkaufen will, darf man getrost als Weisheit des B-Films abhaken.

Für Lucy selbst jedoch ist der Aufstieg zu einer immer komplexer werdenden Verbundenheit mit allen Dingen gleichbedeutend mit der Auflösung dessen, was sie einmal war. In dieser Hinsicht erweist sie sich als Seelenverwandte von Roger Cormans „Mann mit den Röntgenaugen“, dessen Sehfähigkeit sich unaufhaltsam weiterentwickelt und ihm schließlich gar das Ende des Universums zeigt. Für Lucy hebt sich irgendwann die Absolutheit von Raum und Zeit auf, so dass sie mühelos durch die Jahrtausende reisen und schnell mal beim Urknall vorbeischauen kann. Dass sich dabei in der Menschheitsgeschichte blättern lässt wie in einem E-Book, ist durchaus überraschend. [LZ]

Lucy

OT: Lucy (FR 2014) REGIE: Luc Besson. BUCH: Luc Besson. MUSIK: Eric Serra. KAMERA: Thierry Arbogast. DARSTELLER: Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Amr Waked, Min-sik Choi, Analeigh Tipton, Julian Rhind-Tutt, Pilou Asbæk, Nicolas Phongpheth, Alessandro Giallocosta. LAUFZEIT: 89 Min.

Lucy

[Abbildungen © Universal Pictures | Europacorp]

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