Lucia – Engel des Todes? | Filmkritik: Lehrstück in Eigendynamik

17. Mai 2016

Lucia - Engel des Todes?

Das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten, besagt eine Floskel, die sich erstaunlich oft als zutreffend erweist. So auch im Fall der niederländischen Krankenschwester Lucia de Berk, die 2003 trotz fragwürdiger Beweislage wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Erst 2010 konnte sie nach diversen Revisionsprozessen das Gefängnis von allen Anschuldigungen befreit verlassen. Ihr Schicksal erregte großes Aufsehen und gilt in unserem Nachbarland als einer der schlimmsten Justizirrtümer der jüngeren Vergangenheit. Mit „Lucia – Engel des Todes?“ (tatsächlich mit politisch korrektem Fragezeichen), der es auf die Shortlist für den Auslands-Oscar schaffte, arbeitet die Filmemacherin Paula van der Oest („Black Butterflies“) die skandalösen Ereignisse auf, bekommt das umfangreiche Material jedoch nur sehr eingeschränkt in den Griff.

Erzählt wird das Justizdrama aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, die sich im Verlauf der Handlung immer weiter annähern. Wie der deutsche Verleihtitel bereits erahnen lässt, liegt ein besonderes Augenmerk auf der bedauernswerten Krankenschwester (Ariane Schluter, „Borgman“), die sich nach dem Tod eines Säuglings in ihrer Obhut plötzlich mit schrecklichen Vorwürfen konfrontiert sieht. Die Klinik, in der Lucia arbeitet, glaubt ein Muster zu erkennen und informiert die Öffentlichkeit, dass die Pflegekraft bei auffallend vielen Sterbefällen Dienst hatte. Während das Leben der Beschuldigten von einem Moment auf den anderen in sich zusammenbricht, ist die resolute Staatsanwältin Ernestine Johansson (Annet Malherbe, ebenfalls „Borgman“) bemüht, stichhaltige Beweise zusammenzutragen. Unterstützt wird sie von ihrer neuen Nachwuchskraft Judith Jansen (Sallie Harmsen, „Loft“), der zweiten Protagonistin des Films – eine fiktive Figur, die das recht schematische Drehbuch langsam von einer glühenden Anklageverfechterin in eine handfeste Zweiflerin verwandelt.

Lucia - Engel des Todes?

Lucia - Engel des Todes?

Ähnlich wie Atom Egoyans Tatsachenkrimi „Devil’s Knot“ prangert der Film Vorverurteilungen an, die – das zeigt de Berks Beispiel deutlich – schnell eine gefährliche Eigendynamik entwickeln können. Die angebliche Mörderin wird uns als hilfsbereite, kompetente Frau präsentiert, die sich nicht nur um ihre Patienten kümmert, sondern auch ihren schwer kranken Großvater aufopferungsvoll umsorgt. Ihren Kolleginnen gegenüber schlägt sie zuweilen einen autoritären Tonfall an, was ihr ebenso zum Verhängnis wird wie die Tatsache, dass sie häufig länger arbeitet als eigentlich geplant. Im Krankenhaus hält man sie für eine Außenseiterin. Und die Polizei ist aufgrund traumatischer Jugenderlebnisse der Betroffenen nur zu gerne bereit, in Lucia eine gefühlskalte Killerin zu sehen, die über Tod und Leben herrschen will.

Sehr früh legt der Film das zum Teil empörende Vorgehen der Ermittler offen. Lucia wird ohne einen Anwalt verhört und in die Enge getrieben. Die federführende Staatsanwältin Johansson lässt Beweise manipulieren. Und auch der von wirtschaftlichen Interessen geleitete Klinikchef (Barry Atsma, nochmal „Loft“) spielt mit seiner offensiven Beschuldigungspolitik eine äußerst unrühmliche Rolle.

Trotz großer emotionaler Sprengkraft und einer beklemmenden, in blaustichigen Bildern eingefangenen Atmosphäre will es van der Oest allerdings kaum gelingen, kontinuierlich Spannung aufzubauen. Einige Szenen bremsen den Erzählfluss unnötig aus. In anderen Momenten, vor allem nach der Verurteilung, wirkt der dramaturgische Aufbau allzu sprunghaft und vereinfachend. Wichtige Begleiterscheinungen wie die mediale Hexenjagd werden lediglich angerissen. Und auch der Leidensdruck in Lucias Familie kommt insgesamt etwas zu kurz – was den Schluss nahelegt, dass der erzählenswerte Stoff möglicherweise besser in einem mehrteiligen Fernsehformat aufgehoben wäre, wo sich die unterschiedlichen Fallaspekte (das persönliche Schicksal, die Arbeit der Ermittler, die Gerichtsprozesse und die Reaktionen der Öffentlichkeit) umfassender beleuchten ließen.

Durchweg überzeugend ist lediglich Hauptdarstellerin Ariane Schluter, die Lucias wachsende Wut und Verzweiflung durch ein zurückgenommen-konzentriertes Spiel greifbar macht. Ungeachtet ihrer eindrucksvollen Darbietung mag die Auswahl des Justizdramas als niederländischer Oscar-Beitrag weniger seiner (unfertigen) filmischen Ausgereiftheit als vielmehr der Brisanz und Bekanntheit des realen Falls geschuldet sein. [Christopher Diekhaus]

OT: Lucia de B. (NL/SE 2014). REGIE: Paula van der Oest. BUCH: Monique Kramer, Tijs van Marle. MUSIK: Adam Nordén. KAMERA: Guido van Gennep. DARSTELLER: Ariane Schluter, Barry Atsma, Sallie Harmsen, Annet Malherbe, Marwan Kenzari, Isis Cabolet, Marcel Musters, Reinout Bussemaker, Amanda Ooms. LAUFZEIT: 103 Min. VÖ: 29.01.2016

Lucia - Engel des Todes?

[Abbildungen: Edel Germany GmbH]

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