Luchagore goes Gigante | Interview mit Kanadas spannendstem Horror-Nachwuchs: Gigi Saul Guerrero, Luke Bramley and Raynor Shima

14. März 2016

Luchagore

Gigi Saul Guerrero und ihr Luchagore-Team gehören aktuell zu den heißesten und am schnellsten wachsenden Newcomern im Horror. Vergangenes Jahr sahnten sie für ihren blutigen 14-Minüter „El Gigante“ auf zahlreichen Festivals einen Preis nach dem anderen ab. Prominente Genregrößen wie Eli Roth und die Soska-Schwestern zählen zu ihren Fans und Unterstützern. Im Programm des 17. Landshuter Kurzfilmfestivals erlebten gleich zwei ihrer Arbeiten ihre Deutschlandpremiere. Mit uns sprachen Gigi, Luke Bramley und Raynor Shima über ihren speziellen Stil, den Umgang mit geringen Budgets und wie viel Spaß es machen kann, anderen den Tag zu verderben.

screen/read: Wollen wir vorab einmal klären, wo der Name „Luchagore“ herkommt und was er bedeutet?

Gigi: Alle unsere Filme haben so eine Art „Tex/Mex“-Stil und der Name sollte das widerspiegeln. „Gore“ steht natürlich für Horror und „Lucha Libre“ ist mexikanisches Wrestling. Luke hatte die Idee und dafür sind wir alle sehr stolz auf ihn. Er ist jetzt Ehren-Mexikaner [alle lachen]. Er und ich sind zusammen auf dieselbe Filmschule gegangen, Raynor kam später hinzu. Irgendwann haben wir dann beschlossen, eine Produktionsfirma zu gründen, weil uns die gemeinsame Arbeit einfach Spaß gemacht hat. Außerdem sind wir alle Horrorfans und mögen den rohen, körnigen Stil von Filmen wie „Hügel der blutigen Augen“ oder „The Devil’s Rejects“.

screen/read: Wo kommt dieser spezielle mexikanisch angehauchte Stil her?

Gigi: Das begann mit einem kleinen Kurzfilm über Zombie-Grenzschützer, die Mexikaner töten, wenn sie ihr Land verlassen. Es war unser erster Film. Luke und ich hatten ihn auf der Filmschule nur so für uns gemacht. Da ich in Mexiko geboren bin, trage ich all diese Einflüsse mit mir herum, und die haben wir in jeden unserer Filme einfließen lassen. Das hat sich einfach so ergeben und wurde irgendwie unser Ding, weil es uns wirklich gut gefiel. Wir können aus all den vielen mexikanischen Legenden und Traditionen immer etwas eigenes machen. Ich denke, das ist zuvor noch nicht so oft versucht worden. Umso cooler, dass wir um all das herum ein Team aufbauen konnten.

Luke: Es hebt uns auch deutlich von allen anderen Filmemachern in unserem Land ab. Als Kanadier mit mexikanischen Einflüssen zu arbeiten hat uns geholfen, einen großen Markt in den südlichen Staaten und Mexiko anzusprechen. So konnten wir unser Publikum immens erweitern. Das ist das Gute am Filmemachen: Egal, von wo aus man arbeitet, das Publikum ist immer ein internationales. Ziemlich cool für uns.

Raynor Shima, Shane McKenzie, Gigi Saul Guerrero

screen/read: Euer vielfach preisgekrönter Kurzfilm „El Gigante“ basiert auf einem Roman von Shane McKenzie, der ebenfalls Teil von Luchagore ist. Ihr habt allerdings nur das erste Kapitel verfilmt, was ja erstmal eher ungewöhnlich ist. Was war die Idee hinter dieser Entscheidung?

Raynor: Uns war sofort klar, dass sich die Geschichte perfekt für eine Verfilmung eignen würde. Aber da wir keinerlei Budget hatten, war an eine Umsetzung des gesamten Romans erstmal überhaupt nicht zu denken. Stattdessen entschieden wir uns für einen Kurzfilm, den wir als Proof-of-Concept zeigen konnten, um Investoren und mögliche Partner zu gewinnen. So ist „El Gigante“ entstanden. Wir haben den Film dann zwar so gestaltet, dass er auch eigenständig funktionieren konnte, hätten aber nie damit gerechnet, dass er auf Festivals so extrem gut ankommen würde.

screen/read: Wie genau haben die Leute denn reagiert?

Gigi: Ich glaube, dass er auf den Festivals so ziemlich jedem gefallen hat, speziell in Mexiko. Die Leute dort sind total ausgerastet vor Begeisterung, vor allem wegen der Lucha-Libre-Maske und der Grenzthematik. Mir gefällt allerdings auch, wenn sich Leute so richtig über den Film ärgern. Da gab es dieses eine Festival in einer sehr religösen Stadt namens Puebla, wo die Leute vermutlich nicht unbedingt damit rechneten, einen Horrorfilm gezeigt zu bekommen. Was es dann bei uns zu sehen gab, hat sie ziemlich angewidert. Was soll ich sagen? Ich mag es einfach, Leuten mit meinen Filmen den Tag zu verderben [lacht].

screen/read: Unter Euren Fans finden sich ja auch bekannte Filmemacher aus der Horror-Community, allen voran Jen und Sylvia Soska. Wie sind die beiden auf Eure Arbeit aufmerksam geworden?

Gigi: Das war ein echter Zufall. Sie saßen in der Jury eines Festivals in Vancouver. „El Gigante“ war im Wettbewerb und die beiden waren total begeistert. Sie fanden, dass unser Team großes Potential hat und haben uns seitdem immer wieder unterstützt.

Jen Soska, Gigi Saul Guerrero, Sylvia Soska

screen/read: Wie viele Filmemacher heute habt Ihr Euer Budget per Crowdfunding zusammengetragen und wart dabei ziemlich erfolgreich.

Raynor: Allerdings, da kamen 8000 Dollar zusammen, 3000 mehr als wir ursprünglich angepeilt hatten. Das zusätzliche Geld haben wir in die Ausstattung gesteckt. Shane hat so viele Fans, die geholfen haben, ein bisschen Geld kam von unseren Unterstützern und selbst Leute, die nie zuvor einen unserer Filme gesehen hatten, wurden bei Kickstarter auf das Projekt aufmerksam und stiegen mit ein. Dafür sind wir sehr dankbar, denn ohne all diese Hilfe hätten wir den Film nicht machen können.

screen/read: Wie hoch kalkuliert Ihr das Budget für die Spielfilmversion?

Gigi: Auch wenn mehr natürlich immer besser ist, setzen wir einen halbe Million Dollar an. Das ist das äußerste Minimum, um der Vorlage gerecht zu werden und trotzdem klarzukommen. Die Chancen, für sein Spielfilmdebüt mehr Geld zu bekommen, als man erwarten kann, sind sehr gering. Keiner will bei Neulingen ein Risiko eingehen.

Luke: Mit sehr kleinen Budgets zu arbeiten, ist allerdings auch unsere Spezialität geworden. Alle unsere Filme haben wir mit nur sehr wenig Geld gedreht. Wir wissen also ziemlich gut, wie wir auch den kleinsten Betrag maximal ausschöpfen und das Beste aus dem machen können, was wir haben.

screen/read: Das kann ich nur bestätigen. Keiner Eurer Filme sieht so aus, als hättet ihr gegen fehlendes Geld ankämpfen müssen. Wie geht Ihr da vor?

Raynor: Das hat viel mit den Locations zu tun. Bei „M is for Matador“, einem Kurzfilm, der für „The ABCs of Death 2“ gedacht war, hatte ich das Set schon gefunden, bevor es überhaupt ein Drehbuch gab. In gewissem Sinne haben wir die Geschichte also auf Grundlage des Scheune entwickelt, in der die Hauptfigur des Films ihre Gefangenen unterbringt. Damit haben wir uns dann an den Dreh gemacht. Die Aufnahmen selbst zeigen jetzt immer nur Ausschnitte des Sets, um es größer wirken zu lassen.

Luke: Ich glaube, was wir ganz gut machen, ist, dass wir uns eine Menge Gedanken darüber machen, was der Zuschauer später zu sehen bekommt. Die entscheidende Frage ist: Wie können wir den Bildausschnitt so füllen, dass er so gut wie möglich aussieht? „El Gigante“ war der erste Film, bei dem wir die vollen 360 Grad eines Sets berücksichtigen mussten. Das war eine völlig neue Herausforderung für uns.

screen/read: Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung, fühlt Ihr Euch da bereit für größere Projekte?

Gigi: Bis jetzt hatten wir noch nicht mit allzu großen Crews gearbeitet. Die meisten Leute waren an „Dia de los muertos“ beteiligt, unserem Beitrag für eine Anthologie namens „México Bárbaro“. Das waren insgesamt 55 Personen. Abgesehen davon arbeiten wir von Anfang an in derselben Konstellation. Als wir 2012 anfingen, waren das sechs bis acht Leute. Seitdem ist es immer dasselbe Kernteam gewesen. Mittlerweile haben wir soviel Praxiserfahrung, dass ich es wirklich kaum abwarten kann, einen Spielfilm auszuprobieren. Keiner von uns hat das als Mitglied von Luchagore bisher gemacht, aber ich glaube, unser Team ist jetzt dazu bereit.

Dio de los Muertos | Raynor Shima, Gigi Saul Guerrero, Luke Bramley

screen/read: Viele junge Filmemacher beginnen ihre Karriere heute im Horrorgenre und werden von der Community sehr schnell sozusagen eingemeindet. Was macht es Newcomern aus Eurer Sicht da leichter als anderswo?

Luke: Meiner Meinung nach sind die meisten Horrorfans auf gewisse Weise gesellschaftliche Außenseiter. Das Horrorgenre selber ist ja im Vergleich zum Mainstream bereits ein Außenseiter. Ich glaube, dass ist es, was viele Leute zusammenbringt. Wenn man zu einer Horrorconvention geht, ist das wie bei einem Familientreffen. Und Horrorfans unterstützen gerne Independent-Filme und Low-Budget. Das gibt es tatsächlich in keinem anderen Genre. Für Filmemacher, speziell für Newcomer ist Horror deshalb so interessant, weil man mit wenig Geld arbeiten kann. Man braucht zum Beispiel keine Schauspieler aus der A-Liga, denn das Verkaufsargument ist der Horror selbst. Horrorfilme werden um des Horrors willen angesehen. Da kann man also viel mehr experimentieren als bei Actionfilmen oder Scifi.

screen/read: Wenn Ihr über das Thema Distribution nachdenkt, was sind da Eure Hoffnungen und Ängste? Ist die Kinoauswertung für kleinere Produktionen überhaupt noch ein realistischer Wunsch?

Luke: Jeder Filmemacher will natürlich, dass sein Film auf der großen Leinwand gezeigt wird. Das ist ein ganz anderes Gefühl, eine andere Erfahrung. Leider ist eine Kinoauswertung jedoch eine teure Sache. Heute schaut sich jeder Filme auf dem Smart-TV, dem Handy oder Laptop an. Der Medienkonsum ändert sich also. Speziell für kleine Produktionen ohne großes Vermarktungsbudget ist VOD in der Zukunft ein wichtiger Faktor. Distributoren bewerten die Lage immer danach, ob sich ein Film gut verkaufen lässt, ob er Geld einfährt und die Werbekosten wieder einspielt. Am Ende läuft alles auf Dollar und Cent raus. Was uns angeht, so erwarten wir kein großes Geld von unserem ersten Spielfilm, aber wir wollen, dass ihn möglichst viele Leute zu sehen bekommen.

screen/read: Aber ist nicht gerade Geld etwas, worüber junge Filmemacher ganz generell nachdenken sollten? Wie kommt Ihr da zurande?

Gigi: Im Moment verdienen wir mit unserer Arbeit überhaupt kein Geld. Wir lieben es einfach, Filme zu machen. Deshalb drehen wir als Luchagore-Team nur am Wochenende. Unter der Woche gehen wir alle normalen Jobs nach, denn schließlich müssen wir unsere Miete bezahlen. Ich gebe Skatekurse für Kinder, Raynor repariert Autos und Luke arbeitet an der Universität. Wir kümmern uns also darum, dass wir Geld verdienen, lassen aber zugleich auch nie aus den Augen, dass wir Zeit genug haben für unsere kleinen blutgetränkten Filme [lacht].

Kurz nach unserem Interview ereignete sich dreierlei: Das Luchagore-Team bekam mit Raven Banner („Wolfcop“) einen erfahrenen Partner für „El Gigante“ an die Seite, einen Manager in Los Angeles und ein Großprojekt, über das die drei bislang noch nicht öffentlich sprechen dürfen.

[Die englische Originalfassung dieses Interviews findet sich hier]

Luchagore

El Gigante | Artwork

[Abbildungen: Luchagore Productions]

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