Love | Filmkritik: Die Liebe stirbt und kehrt nie mehr zurück

29. Januar 2016

Love | Gaspar Noé

Dieser Ort ist ein Gefängnis. So geht es Murphy durch den Kopf am Morgen jenes ersten Januars an der Seite einer Frau, die er nicht liebt, mit einem Kind, das er mit einer anderen haben wollte, in einer Wohnung, die einmal sein Zuhause war. Davon ist jetzt nur noch ein Bücherbord mit ein paar Filmen übrig geblieben, Restbestände seines ambitionierten Traums, ein bedeutender Regisseur zu werden, der leidenschaftliche Geschichten von Blut, Sperma und Tränen erzählt. In einer leeren VHS-Hülle bewahrt er einen kleinen Beutel mit Opium auf, das letzte Geschenk von Electra, seiner großen Liebe, die spurlos verschwunden ist, sich vermutlich das Leben genommen hat, und mit der er nur noch in schmerzhaften Erinnerungen zusammen sein kann.

Sein Gefängnis wird er bis zum Ende dieses manchmal schwer zu ertragenden Films nicht verlassen, sich tief in sich selbst und den Assoziationsstrom seiner Erinnerungen zurückziehen, bis ihm am Schluss nur noch die Utopie eines Traums übrig bleibt, für den es keine Hoffnung gibt. Zu Beginn zeigen ihn die allzeit statischen Bilder wiederholt gefangen zwischen Türzargen, eingerahmt, eingeengt, und der Zuschauer könnte ihm kaum näher sein, denn solange der Film in der Gegenwart bleibt, legen sich Murphys Gedanken klaustrophobisch über das Geschehen.

Eine Nachricht von Electras verzweifelter Mutter, die seit Wochen nichts von ihrer Tochter gehört hat, löst einen schleichenden emotionalen Absturz aus. Immer tiefer geht es hinab in der eigenen Vergangenheit. Chronologie spielt dabei keine Rolle, denn die Bilder reagieren aufeinander, und so erschließt sich die Geschichte von Murphy und Electra (beides selbstverständlich sprechende Namen) aus den Fragmenten eines Mosaiks. Nur wenige Anhaltspunkte helfen bei einer einigermaßen stimmigen zeitlichen Einordnung einzelner Ereignisse: eine neue Frisur, eine Brille, ein Oberlippenbart. Aufschlussreicher aber ist der Umgang der beiden Protagonisten miteinander und erst nach und nach wird offenbar, dass die große Liebe schon viel früher zerbrochen war, als es zunächst den Anschein hat.

Immer wieder schleichen sich Tod und Suizid in die Geschichte ein, und so festigt sich die Befürchtung zunehmend, dass Electra tatsächlich Selbstmord begangen hat. Einmal lässt sie Murphy kryptisch wissen, dass sie einfach verschwinden würde, sollten sich die beiden trennen. Und wenn sie ihr Lieblingsgedicht zitiert, jene berühmten Zeilen von Robert Frost über die vielen Meilen, die dem Schlafenkönnen vorangehen (von Tarantino in „Death Proof“ zum selbstgefälligen Zitationsvehikel degradiert), schwingt in den leichtfüßig dahingesprochenen Worten rückblickend bittere Todessehnsucht mit.

Love

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Es ist ein Leichtes, diesen Film misszuverstehen. Bevor inhaltlich auch nur das geringste Detail bekannt war, machte er mit einer unsäglichen Plakatkampagne auf sich aufmerksam, die den ersten Arthouse-Porno in 3D vermuten ließ. Bis heute zeigt das Hauptmotiv den intensiven Austausch von Körpersäften in Nahaufnahme (allerdings Speichel) und den Filmtitel in Spermaschrift (eine Idee, die so bereits ein ungarisches Poster zu Steve McQueens ähnlich depressivem „Shame“ verunstaltete). Eine explizite Eröffnungseinstellung, mehrere ausführliche Penetrationssequenzen und zwei Cumshots direkt ins Auge des Zuschauers machen es nicht gerade leichter, den Fokus auf die eigentliche Geschichte zu lenken.

Aber schließlich ist „Love“ ein Film von Gaspar Noé und Provokation demnach Programm. Die entscheidende Frage ist, ob die pornografisch anmutenden Sequenzen verzichtbar sind oder essentieller Bestandteil. Auch wiederholtes Anschauen bietet dazu keine durchgehend eindeutige Entscheidung und so ist es vermutlich auch angelegt. Detailaufnahmen geraten bisweilen zu Abstraktionen und in den Beischlafsequenzen lässt sich eine Nähe zu den Figuren erreichen, die andernorts in aller Regel außen vor bleibt. „Sentimentalen Sex“ wolle Murphy auf der Leinwand zeigen, erzählt er irgendwann einer Partybekanntschaft, mit der er Electra kurz danach betrügt, denn Vergleichbares hätte bislang niemand versucht. Dass hier der Regisseur durch seinen Protagonisten spricht, ist jedoch maximal eine Vermutung, von der man sich – wie von so vielem in diesem Film – nicht allzu schnell aufs Glatteis führen lassen sollte.

Sicher, Murphys Wohnung ist zugekleistert mit Postern jener radikalen Meisterwerke der Kinogeschichte, an denen sich ambitionierte junge Filmstudenten gerne ein Beispiel nehmen wollen, wohl aber hat das weniger Alter-Ego-Bezug zum Autor als dass es die Fallhöhe der Figur markiert, denn außer ein paar Homevideos wird Murphy nichts zustande bringen. Seinen Sohn nennt er Gaspar und Electras Ex, ein schmieriger Galerist, heißt Noé und wird auch von Noé verkörpert. Doch gerade solche arg plakativen Metaspielereien mit Cameo-Charakter lenken in erster Linie ab und haben inhaltlich keine erkennbare Relevanz. Wer darauf reinfällt, ist selber schuld.

Man muss also schon selber darauf achten, dass man die Fallstricke, die einem der Film auslegt, möglichst umsteuert. Dann aber kann er eine intensive und nachhaltige Seherfahrung sein, wie man sie von Noés früheren Arbeiten kennt. Am schmerzhaftesten gerät der Film, wenn er am Ende seiner Erzählung die erste Begegnung von Murphy und Electra zeigt. Unschuldig und schön ihr Aufeinandertreffen, zwei Menschen, die füreinander geschaffen sind. Dass diese Liebe nicht von Dauer ist (wie lange die Beziehung anhält, lässt sich nur schwerlich abschätzen) und in Hass auf der einen, Verzweiflung auf der anderen Seite endet, und man das alles schon gesehen hat, bevor es den ewiges Glück versprechenden Anfang zu sehen gibt, macht alles noch viel schlimmer. Am Schluss ist von der Liebe in Murphys Leben nur ein billiges Spielzeughotel neben seinem Bett übrig geblieben, auf dessen Dach der Schriftzug „Love“ prangt. [LZ]

OT: Love (FR/BE 2015). REGIE: Gaspar Noé. BUCH: Gaspar Noé. KAMERA: Benoît Debie. DARSTELLER: Karl Glusman, Aomi Muyock, Klara Kristin, Ugo Fox, Juan Saavedra, Gaspar Noé, Isabelle Nicou, Benoît Debie, Déborah Révy. LAUFZEIT: 134 Min (DVD), 137 Min (Blu-ray). VÖ: 29.01.2016.

Love | Gaspar Noé

[Abbildungen: Alamode]

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