Lost River | Filmkritik

24. März 2015

Lost River

Dass er in Cannes einmal kollektiv ausgebuht werden würde, hätte sich Ryan Gosling vermutlich eher nicht träumen lassen. Doch das Publikum an der Croisette ist bekanntlich gnadenlos und so gab es für das Regiedebüt des Kanadiers nicht nur lautstarke Unmutsbekundungen, sondern auch jede Menge Häme in Form niederschmetternder Kritiken. Nüchtern betrachtet, besteht zu beidem kein wirklich nachvollziehbarer Anlass, denn das einzige, was „Lost River“ zu einem Problemfall werden lässt, ist der Fluch eines guten Namens und die willkommene Gelegenheit, sich bei Gosling für sein unverschämt gutes Aussehen und seine bislang solide Karriere zu rächen. Erwachsen ist das selbstverständlich nicht.

Als Erstling eines ambitionierten, aber namenlosen Newcomers hätte der visuell bemerkenswerte Film fraglos ganz andere Reaktionen ausgelöst. Natürlich: Die Einflüsse der großen Vorbilder (Lynch, Refn, Malick, del Toro, Bava) sind an allen Ecken und Enden spürbar, doch wie sollte das bei einem Debütfilm auch anders sein? Den unvermeidlichen Eklektizimus also einmal beiseite gelassen, erweist sich „Lost River“ als dunkles Märchen über Verfall und Untergang mit ganz eigenem Reiz. Kein Wunder also, dass Gosling sein Setting ausgerechnet in Detroit gefunden hat.

Zu sehen gibt es die gleichen Weltuntergangskulissen, die zuletzt Tilda Swinton und Tom Hiddleston in „Only lovers left alive“ entlanggefahren sind, doch hier repräsentieren sie keinen realen, sondern einen halbmythischen Ort (nämlich dem titelgebenden). Dessen großer Fluss, aus dem – erstarrten Seeungeheuern gleich – stumm und nutzlos gekrümmte Straßenlaternen herausragen, beheimatet eine vor Zeiten geflutete Stadt. Mit ihrem Untergang, so erzählt das Nachbarsmädchen Rat (Saoirse Ronan), wurde Lost River einst verwunschen, und Bones, der Junge von nebenan (Iain De Caestecker, „Agents of S.H.I.E.L.D.“) wird es sich zur Aufgabe machen, den bösen Zauber aufzuheben.

Lost River

Dazu besteht aller Grund, denn die weitestgehend verlassene Umgebung gleicht einer trostlosen Vorhölle, aus der selbst die meisten Dämonen schon entflohen sind. Einzig übrig geblieben sind der psychotische Bully (Ex-„Doctor Who“ Matt Smith), der sich in einem umgebauten Convertible umherfahren lässt und per Megaphon seinen Machtanspruch kundtut, sowie der undurchsichtige Dave (beunruhigend nah an der Grenze zum Triebtäter: Ben Mendelsohn), der nicht nur plötzlich die Kreditabteilung der örtlichen Bank übernimmt, sondern auch einen namenlosen Nachtclub für alle möglichen Formen absonderlicher Bedürfnisse unterhält.

Bully ist der erklärte Gegenspieler von Bones, Dave der Teufel, von dem seine Mutter Billy (wunderschön und todtraurig: Christina Hendricks) in die Unterwelt geführt wird. Denn die Hypothek auf ihr Haus kann sie nur noch bedienen, wenn sie auf das Angebot eingeht, in seinem Club zu arbeiten und den Männern dort ein klaustrophobisches Schauspiel zu bieten: Eingeschlossen in einen weiblichen Plexiglaskörper steht sie einzelnen Gästen als Privatspielzeug zur Verfügung, während die Meute im Hauptsaal durch eine spezielle Form des Grand Guignol (und Eva Mendes) belustigt wird.

Lost River

Es ist eine düstere, eine trostlose Welt, in der nichts Gutes regiert. Die Zukunft sieht hoffnungslos aus und so fliehen die Menschen oder verkriechen sich, wie Rats stumme Großmutter (ein Echo aus einer anderen Epoche: Barbara Steele), in eine Vergangenheit, die nur noch in Form unscharfer Erinnerungsvideos existiert. Bully hingegen erweist sich als gefährlicher Irrer, dessen liebste Waffe eine stumpfe Schere ist. In einem Akt der Wut – oder vielleicht auch gänzlich grundlos – schneidet er seinem Fahrer die Oberlippe ab und nennt ihn fortan „Face“ (in der deutschen Fassung „Fresse“). Als sich Rat – übrigens benannt nach ihrem Haustier: einer Ratte – von ihm nach Hause bringen lässt, um von Bones abzulenken, ist offensichtlich, dass Schlimmes geschehen wird. Was dann aber tatsächlich passiert, damit lässt sich beim besten Willen nicht rechnen. Am Ende ist Bully der archetypische Geist, der stets verneint und nichts bestehen lassen kann, was Liebe und Freude bedeutet.

Eine Menge hat „Lost River“ ganz sicher der versiert-poetischen Kameraarbeit von Benoît Debie zu verdanken („Enter the Void“, „Spring Breakers“) und auch sonst setzt Gosling nachdrücklich auf seine an beeindruckenden Credits reiche Crew und eine Besetzung, die durchaus familiäre Züge trägt. Viele der Beteiligten stammen aus dem Refn-Umfeld (fast alle Produzenten waren zuvor an „Drive“ und/oder „Only God forgives“ beteiligt) oder sonstigen gemeinsamen früheren Projekten, aber wer darf ihm das zum Vorwurf machen?

Goslings Debüt als Regisseur (und Autor) hat sicher seine Fehler, aber insgesamt besteht aller Grund, die Verdienste hinter der träumerischen Bilderwelt dieses dunklen Märchens zu würdigen anstatt sich über sie hinwegzusetzen. Hätte hier nicht ein Hollywoodstar an den entscheidenden Türen geklopft, wäre das nötige Budget ganz sicher nie zusammengekommen. So aber existiert nun ein weiteres Beispiel für experimentelles Filmemachen jenseits des Mainstreams, das dank seines namhaften Machers einiges an Aufmerksamkeit generiert. Und das kann man nur unterstützen. [LZ]

Lost River

OT: Lost River (US 2014) REGIE: Ryan Gosling. BUCH: Ryan Gosling. MUSIK: Johnny Jewel. KAMERA: Benoît Debie. DARSTELLER: Christina Hendricks, Saoirse Ronan, Iain De Caestecker, Ben Mendelsohn, Matt Smith, Eva Mendes, Barbara Steele, Reda Kateb, Torrey Wigfield, Garrett Thierry. LAUFZEIT: 95 Min.

Lost River

[Abbildungen: Bold Films Productions, LLC | Tiberius Film GmbH]

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