Logan – The Wolverine | Filmkritik: Shane mit den Scherenhänden

05. März 2017

Logan - The Wolverine

Wenn sich das Zielpublikum nicht irgendwann voller Überdruss abwendet, werden DC und Marvel 2029 mit großer Wahrscheinlichkeit weit über 100 Superheldenfilme auf die Leinwand gebracht haben. Und warum auch nicht? Seit über einem Jahrzehnt verzeichnet das Genre keine relevanten Schwankungen oder gar Einbrüche. Offizielle Starttermine für einzelne Titel reichen bereits über 2020 hinaus. Die Zeichen stehen also gut. Weniger rosig sieht es für Superhelden in der fiktiven Variante des Jahres 2029 aus. Die X-Men sind ausgestorben, neue Mutanten gibt es keine und Logan arbeitet unter seinem bürgerlichen Namen unerkannt als Limousinenfahrer. Nur noch ein paar abgegriffene Comichefte erinnern an bessere Zeiten. Wie konnte es bloß so weit kommen?

Wer sich auf diese Frage eine Antwort erhofft, wird mit James Mangolds Film nicht glücklich werden. Denn statt einen direkten Anschluss an einen der möglichen Vorgänger zu suchen (im Erzähluniversum der X-Men wären gut und gerne drei Varianten möglich), legt „Logan“ seine ganz eigenen Prämissen fest und ermöglicht damit eine Geschichte, die im Superheldenkino derzeit völlig einzigartig da steht. Weltenrettung, Zerstörungsorgien, megalomane Gegenspieler – alle bis zum Überdruss wieder und wieder durchgespielten Szenarien haben hier nichts verloren. Hugh Jackmans letzter Auftritt als Wolverine ist Spätwestern, Roadmovie und machmal gar Kammerspiel. Lichtjahre entfernt also von ultrateuren Materialschlachten oder albernem Fastfood wie zuletzt etwa „Batman v Superman“ und „Suicide Squad“.

Stattdessen Schwanengesang. Logan ist alt geworden und der Rest seines Lebens ein Rennen gegen die Zeit. Die Selbstheilungskräfte haben nachgelassen, die Hüfte schmerzt und ein beständig wiederkehrendes Husten lässt nichts Gutes vermuten. Von der Coolness früherer Jahre ist nicht viel übrig geblieben. Ein einziges Mal greift er sich eine Handvoll Zigarren, doch mehr als Gewohnheit ist das vermutlich nicht, denn rauchen sieht man ihn nie. Kämpfen will er schon lange nicht mehr, aber wenn es sich nicht vermeiden lässt, macht er auf brutalste Weise kurzen Prozess (ein R-Rating war Mangolds erklärtes Ziel).

Doch eine letzte Mission verfolgt er noch und die hat es in sich. In einem ausgedienten Wassertank nahe der mexikanischen Grenze hält er den 91-jährigen Charles Xavier versteckt (beeindruckend: Patrick Stewart), einst der Mentor aller X-Men, und bei der ersten Begegnung mit ihm kann einem als Zuschauer der Atem stocken. In sich zusammengefallen und dem Vergessen durch Alzheimer ausgeliefert, vegetiert er in seinem Rollstuhl vor sich hin, immer wieder heimgesucht von einer Art telekinetischer Epilepsie, die alles und jeden in seinem Umfeld zum Opfer eines mentalen Erdbebens werden lässt. Das ist umso gefährlicher, als dass Xaviers Versteck auf diese Weise entdeckt werden könnte – ein Umstand, den Logan um jeden Preis verhindern muss, denn regierungsnahe Mutantenjäger haben es auf den Professor und ein kleines Mädchen mit besonderen Fähigkeiten abgesehen, das schließlich Auslöser einer Flucht ins Ungewisse wird.

Logan - The Wolverine | Patrick Stewart, Hugh Jackman

Näher war ein “X-Men”-Film nie an den “Watchmen” dran. Das dystopische Amerika, in dem sich äußerlich fast nichts geändert hat, ist ein gespaltenes Land der Verfolgung von Minderheiten, wo Standpunkte und Besitzansprüche eher mit gezückter Waffe als mit Worten angemeldet werden. Selbst Kinder haben keine andere Handhabe als Gewalt – und die fällt besonders kompromisslos aus. Kein Wunder, dass hier und da ein Funken von “Mad Max” aufleuchtet, denn George Millers anarchistische Zukunftsvision ist nur der logisch nächste Schritt. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, Mangold habe hier bereits ein Bild der USA von morgen unter oder nach Trump entwerfen wollen.

Umso wehmütiger gerät eine Sequenz, in der Xavier dem Mädchen von “Shane” erzählt, jenem aufrechten Edelwestern, dessen Geschichte bis heute zu Hollywoods großen Erlösermythen gehört. Es sind Erinnerungen an bessere Zeiten, an Kindheitstage und die überwältigende Kraft des Kinos, die den Professor da bewegen. Vielleicht ist es aber auch die offensichtliche Erkenntnis, dass eine Welt wie seine – den Vorrechten des Stärkeren mindestens so nah wie der amerikanische Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts jenseits der großen Städte – rettender Engel mit dunkler Vergangenheit bedarf. Und so leiht sich “Logan” verständlicherweise einiges bei George Stevens’ Klassiker aus, auch und gerade weil kaum einer seiner Zuschauer das große Vorbild noch kennen dürfte.

Mit Mark Millars Comicserie “Old Man Logan” hat dieser Film hingegen nichts gemein, auch wenn man gelegentlich anderes zu lesen bekommt. Mangolds Geschichte erzählt stattdessen von zwei Männern am Ende ihres Lebens, ihren Narben und Schmerzen, durch eine gemeinsame Vergangenheit aneinandergeschweißt und aufeinander angewiesen. Für eine kurze Zeit werden sie dank des Mädchens (ein Mutant wie sie, was auch sonst?) zu so etwas wie einer Familie, Anlass für einen der wenigen Scherze des Films und zugleich sein eigentliches Herz. Denn nichts ist so bewegend wie jener Moment, in dem Logan seinen Ziehvater Xavier eine Treppe hinaufträgt, behutsam bettet und ihm so für wenige Stunden die Illusion eines geborgenen Daseins schenkt, zu dem keiner von ihnen je die Chance hatte. [LZ]

OT: Logan (USA 2017). REGIE: James Mangold. BUCH: Scott Frank, James Mangold, Michael Green. MUSIK: Marco Beltrami. KAMERA: John Mathieson. DARSTELLER: Hugh Jackman, Patrick Stewart, Dafne Keen, Boyd Holbrook, Stephen Merchant, Elizabeth Rodriguez, Richard E. Grant, Eriq La Salle, Elise Neal. LAUFZEIT: 137 Min.

Logan - The Wolverine | Filmplakat

[Abbildungen © 2017 Twentieth Century Fox]

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