LIEBE (Amour) | Filmkritik

22. September 2012

Amour

Derzeit kann Michael Haneke offenbar nichts falsch machen. Gänzlich vergessen ist der katastrophal gescheiterte Versuch, mit einer eins-zu-eins-Kopie seines 1997er Meta-Schockers „Funny Games“ auf ein fehlgeleitetes US-Publikum einzuwirken. In seiner Filmografie scheint diese gründliche Fehleinschätzung des Zielgruppenverhaltens schlicht ausgeblendet und wird chronologisch einfach durch „Caché“ ersetzt. Im Zuge des weltweiten Arthouse- und Festival-Erfolgs seines Cannes-Gewinners „Das weiße Band“ haben ihn nicht wenige einfach mal zum derzeit wichtigstem europäischen (etwas moderater sollte man vielleicht doch hinzufügen: deutschsprachigen) Kinomacher erklärt – ein Status, den er mit seinem aktuellen Film eindruckvoll untermauert. Das intensive und unbarmherzige Kammerspiel über das Sterben ist fraglos ein Jahrhundertwerk. Daran gibt es nichts zu rütteln. Doch wem soll man „Amour“ eigentlich empfehlen?

Guten Gewissens kann man nur echte Haneke-Hardliner, Fundamental-Existenzialisten und professionelle Cineasten zum Ansehen bewegen. Für alle anderen sind die 127 Minuten sezierter Krankheit zum Tode schlichtweg unzumutbar – und das ist durchaus ganz im Sinne des Films und seines Autors gedacht. „Amour“ will nicht gefallen oder gar unterhalten, keine oberflächlichen Emotionen wecken oder Mitleid generieren, sondern stattdessen die Schmerzgrenzen des Zuschauers herausfordern (wohlgemerkt nicht „austesten“). In gewissem Sinn macht das diesen Film zu einer Art erwachsener Version von Torture Porn mit der Leitfrage, wie lange man weiter zusehen kann, und wann das Geschehen auf der Leinwand so unerträglich wird, dass nur noch wegschauen hilft.

Liebe - Michael HanekeDer entscheidende Unterschied zum gutgelaunten Folterkino ist dabei weniger das Ausbleiben expliziter Gewaltdarstellung, als vielmehr die Tatsache, dass Haneke einen ganz und gar realen Horrorfilm gemacht hat, an dem nichts, aber auch rein gar nichts (Traumsequenzen einmal außen vor gelassen) bloße Fantasie ist. Der Schrecken des Verlustes aller Kontrolle über Körper und Geist, das langsame Verschwinden aller Menschlichkeit, das Auflösen des geliebten Gegenübers und die Sehnsucht nach Erlösung im Tod, der einfach nicht kommen will – „Amour“ schaut nicht weg, sondern überlässt die Entscheidung hierzu ganz dem Publikum.

Es ist eine einfache Geschichte, und umso erschütternder das Ausmaß an unentrinnbarem Grauen, das sie entfaltet. Doch Haneke will nicht erschrecken, sondern lediglich Beobachter sein bei einem Lebensende, das so alltäglich wie furchtbar ist. Die 80 längst überschritten, verbringen Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emanuelle Riva), beide Musikprofessoren im Ruhestand, ihren Lebensabend mit Konzertbesuchen und gemeinsamen Erinnerungen. Ein kleiner Flirt am Esstisch, ein liebevolles Wort, eine zärtliche Geste – die Gemeinsamkeit dieser späten Jahre ist eine gute. Erst als Anne eines Tages stumm am Tisch vor sich hinstarrt und keine Reaktion zeigt, beginnt der Abstieg in die Hölle der letzten Tage und Monate. Nach einer Gefäßoperation bleibt sie einseitig gelähmt und ist fortan auf Hilfe angewiesen.

In Schüben zeigt der Film die Verschlechterung ihres Zustandes, mit dem sie sich zu Beginn noch zu arrangieren versucht. Genau schaut die Kamera hin, wenn sie sich bemüht, mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten ein Buch zu lesen, aber scheut auch nicht davor zurück, die Schwierigkeit des Toilettengangs zu dokumentieren, bei dem Georges ihr helfen muss. Das ist schonungslos, aber nicht voyeuristisch. So weit wie möglich versucht das Paar, würdevoll mit den Dingen umzugehen, und so tut es auch der Film. Nie sieht man Georges die Geduld verlieren oder in Verzweiflung geraten. Sogar für den ihm eigenen sanften Humor bleibt Raum, und so stellt sich rasch großer Respekt für diese Figur ein, deren Glaubwürdigkeit zu keinem Zeitpunkt schwankt, auch wenn sie nur fiktiv ist. Doch immer wenn man sich gerade mit dem Status Quo einigermaßen arrangiert hat, setzt Haneke einen nicht näher bestimmten Zeitsprung an, nach dem erneut nichts mehr ist wie zuvor.

Von der gemeinsamen Tochter (Isabelle Huppert) ist weder Hilfe noch Verständnis zu erwarten. Beziehungsunfähig und desorientiert, wie sie ist, erlaubt ihre Figur eine Ahnung davon, wie wenig ideal die Verhältnisse der Familie in früheren Jahren ausgesehen haben mögen. Mit völliger Entgeisterung wird der Zuschauer Zeuge, wie Eva (zu der es keinen Adam gibt) auf ihre Mutter einredet, ihr belanglosen Nonsens von Hypotheken und Mietkosten erzählt, und erst nach Minuten ungebremster Worthülsen entsetzt begreift, dass die Frau, die sie einmal großgezogen hat, nichts, aber auch gar nichts mehr mitbekommt. Wie das weitergehen solle, wird sie später ihren Vater anfahren. Und Georges wird ihr ebenso wahrhaftig wie ausweglos antworten, dass es von Tag zu Tag eben immer weniger werde, solange, bis es eben irgendwann vorbei sei.

Amour

Das ist bewegend, ohne rührselig zu sein, gnadenlos, aber nicht kalt. Quälend lange Einstellungen zeigen Anne, die darum kämpft, einen Gedanken zu formulieren, während ihr Motorik und Geist unüberwindbare Hindernisse in den Weg legen. Zu einem anderen Zeitpunkt muss man miterleben, wie Georges geduldig versucht, sie mit Brei zu füttern, den er liebevoll mit Pfirsichsaft versüßt hat, während sich Anne zu essen weigert und die Situation eskaliert. Doch es gibt auch die lieblose Pflegerin, die den Menschen, der einmal große Talente zu erfolgreichen Konzertpianisten gemacht hat, wie ein wertloses Stück Fleisch behandelt und damit nur das äußerste Beispiel für eine Reihe von Figuren ausmacht (die Tochter, ihr Ehemann, ein ehemaliger Schüler von Anne), die auf die eine oder andere Weise nicht mit der Situation umgehen können. Er wünsche ihr von ganzem Herzen, formuliert Georges, als er sie mit der ihm eigenen Beherrschtheit rauswirft, dass sie später einmal selber auf Hilfe angewiesen ist und genauso behandelt wird. Dass sie nicht versteht, was sie da zu hören bekommt, liegt auf der Hand.

In gewohnter Weise arrangiert Haneke jede Einstellung präzise, greift nicht ein und hält sich als beobachtende Instanz scheinbar aus allem raus. Minutenlang hält er den Blick auf Georges, der versucht, eine Taube einzufangen, die sich in die Wohnung verirrt hat oder lässt das Rauschen eines geöffneten Wasserhahns zur dramaturgischen Grenzlinie zwischen vorher und nachher werden. Nichts jedoch wäre sein Film ohne das einfühlsame, stets zurückhaltende Spiel seiner beiden Hauptdarsteller, die mit minimalem Einsatz das Bewusstsein um ein unumkehrbar aus der Bahn geratenes langes Leben in beherrschten Nuancen nach außen entfalten (Trintignant) und hinter den präzise nachgebildeten und kontinuierlich Überhand nehmenden Symptomen des Krankheitsverlaufs den langsam verschwindenden Menschen beständig sichtbar durchscheinen lassen (Riva).

„Amour“ ist ein Film, den man gesehen haben sollte, aber vermutlich kein zweites Mal sehen will. Zu unerträglich ist das, was er zeigt, auch wenn sich eine abschließende Katharsis einstellt, die versöhnt, aber auch ratlos zurück lässt. Wenig Vergleichbares fällt einem ein, doch in seiner Radikalität des schwer Konsumierbaren bewegt er sich in einem Kosmos mit so unterschiedlichen Arbeiten wie „Scrapbook“ von Eric Stanze oder Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“.

Am Ende wird Anne nur noch ein hilfloser Schatten jenes Menschen sein, der sie einmal war, unfähig, sich jenseits unkontrollierter Schmerzlaute zu äußern oder nachvollziehbar zu reagieren. Und doch wird Georges an ihrem Bett sitzen und mit zärtlichem Streicheln ihrer Hand und der Erzählung einer lang vergangenen Geschichte, die sie nicht verstehen kann, ein bisschen Linderung bringen. Vielleicht ist der Titel des Films in keiner Szene präsenter als hier. Bevor alles vorbei ist, gibt es nur noch diese beiden Menschen, untrennbar miteinander verbunden bis zu jenem Moment, da nichts mehr bleibt. [LZ]

OT: Amour (AT/FR/DE 2012). REGIE/BUCH: Michael Haneke. KAMERA: Darius Khondji. DARSTELLER: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco, Carole Franck, Dinara Drukarova. LAUFZEIT: 127 Minuten.

Amour

[Abbildungen: X-Filme, Les Films du Losange]

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Eine Antwort zu “LIEBE (Amour) | Filmkritik”

  1. Sidenstein sagt:

    Ein sagenhafter Film. Die Beziehung der beiden hat mich wirklich berührt.

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