Hausverbot und Political Correctness: Lars von Trier verschafft Cannes einen willkommenen Skandal | MELANCHOLIA bleibt im Wettbewerb

21. Mai 2011

Lars von Trier

Nein, Lars von Trier ist ganz bestimmt kein Hitler-Sympathisant. Aber offenbar ist man in Cannes mittlerweile so empfindlich geworden, dass eine aus dem Ruder gelaufene Provokation des dänischen Filmemachers an Empfindlichkeiten rührte, die man gerade bei diesem Festival eigentlich nicht vermutet hätte. Seitens des Director’s Board wurde von Trier als dezidierte Reaktion auf dessen launige Kokettiererei mit Anti-Semitismus und großdeutschen Endsiegdenken zur Persona non grata erklärt und mit sofortiger Wirkung vom Festival verbannt. Sein Film „Melancholia“ allerdings darf weiter im Wettbewerb bleiben.

Eine Kurzschlusshandlung, ein Politikum, vorauseilender Gehorsam – oder vielleicht auch eine willkommene Gelegenheit, dem längst nicht mehr so skandalösen Spektakel an der Croisette eine dringend notwendige Imagepolitur zu verschaffen. Die Zeiten jedenfalls, wo Cannes für kollektive Empörung und massive Kontroversen sorgte, sind lange vorbei. Brav ist das Programm auch 2011 wieder, und lediglich die Todesbilder von Lady Diana in Keith Allens (arg parteiisch finanziertem) Dokumentarfilm „Unlawful Killing“ sorgten für ein bisschen Aufruhr. Da kommt Lars von Triers Nazi-Ausrutscher also gerade recht.

Ein Novum in der 64-jährigen Geschichte des Festivals war möglich geworden. Der dänische Regisseur bekam Hausverbot und wurde quasi mittels Türsteher vom Festivalgelände geworfen. Das Resultat: Cannes hat seinen Skandal, und vom Feuilleton bis zum Boulevard scheint alles reagieren zu müssen, was mit einer Tastatur umgehen oder in ein Mikrofon sprechen kann. Übertreffen ließe sich die bestehende Konstellation nur noch dadurch, dass von Triers Film am Ende trotz allem eine Palme davonträgt (bis zur berüchtigten Pressekonferenz standen die Chancen gut). PR-strategisch wäre das der Idealfall.

Inhaltlich lässt sich die Reaktion der Festivalleitung nicht wirklich erklären. Von Trier ist schon immer Berufsprovokateur gewesen und in Cannes nicht zuletzt deshalb gerne gesehen. Beim letzten Mal hatte er vor allem mit dem Film selber die Lager gespalten und musste deshalb eigentlich kaum mehr nachlegen. Natürlich tat er es trotzdem und konterte das Urteil französischer Filmkritik, seine Horrorfabel „Antichrist“ sei schlichtweg „Merde“, mit der Feststellung, der größte Regisseur der Welt zu sein. Wie gewünscht traf selbst derartig offensichtlicher Nonsens auf fruchtbaren Boden und zog eine Diskussion nach sich, die sich ernsthaft damit beschäftigte, ob von Trier größenwahnsinnig geworden sei.

Dabei wäre Nachtreten gar nicht nötig gewesen. „Antichrist“ polarisierte so ausführlich, dass sich manche Offiziellen im Bergischen Land, wo der Film mit umfangreichen Fördermitteln der (auch diesmal wieder beteiligten) Filmstiftung NRW entstanden war, im Nachhinein wohl wünschten, dem Dänen nie eine Drehgenehmigung erteilt zu haben. „Melancholia“ hingegen bietet keinen vergleichbaren Aufreger in Form von sprechenden Füchsen oder verstümmelten Genitalien in Großaufnahme, sondern hat maximal eine hüllenlose Kirsten Dunst vorzuweisen. Die ersten Reaktionen fielen gemischt aus, und so war von Trier zur Pressekonferenz vermutlich in der richtigen Laune, seinem Ruf als unberechenbarer Spaß-Demagoge mit zweifelhaftem Geschmack ausgiebig gerecht zu werden.

Einen vierstündigen Hardcore-Porno wolle er als nächstes drehen, und zwar mit Dunst und Charlotte Gainsbourg in den Hauptrollen. Außerdem habe er jahrelang unbedingt ein Jude sein wollen, dann aber herausgefunden, dass er stattdessen ein Nazi ist. Außerdem habe seine Begegnung mit der jüdischen Kollegin Susanne Bier seine Meinung geändert. – Wer will da irgendetwas ernst nehmen? Offenbar entdeckte von Trier das enorme Potential dieser Randbemerkung und schoss sich auf das Thema ein. Ausgelöst hatte den Monolog eine Frage nach der deutschen Herkunft des Filmemachers, und so waren Tür und Tor geöffnet für zwei denkwürdige Minuten, die mit einem resignierendem Scheingeständnis („Ok, I’m a Nazi“) und kollektiven Lachern endeten.

Doch die Nachwirkungen waren anderer Natur. Von Trier hatte Israel als „pain in the ass“ bezeichnet, und das reichte vermutlich bereits aus, um die Wächter der Political Correctness auf den Plan zu rufen. Wer sich den betreffenden Teil der Pressekonferenz in Gänze ansieht, wird kaum auf den Gedanken kommen, irgendetwas von dem, was der Filmemacher da an Absurditäten von sich gibt, ernst nehmen zu müssen. Betrachtet man hingegen das Gros der Berichterstattung, so zeigt sich im Wesentlichen der Niederschlag eines hysterischen Empörungsaktionismus, der mindestens so gedankenlos ist wie dasjenige, worüber er sich empört. Natürlich hat von Trier gesagt, er sei ein Nazi. Aber schließlich war Kennedy auch kein Berliner.

1975 stellte David Bowie in einem legendären „Playboy“-Interview die These auf, dass Hitler „einer der ersten Rockstars“ gewesen sei und England bereit wäre für „einen faschistischen Führer“. Klug war das nicht, und die zugehörigen Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Ähnliche Kontroversen löste 2008 ein Statement von Rose McGowan im Rahmen einer Pressekonferenz zu dem ohnehin von Kontroversen überschatteten Nordirland-Thriller „Fifty Dead Men Walking“ aus. Ihre Aussage: Wäre sie Ende der 80er in Belfast aufgewachsen, dann hätte sie sich „zu 100 Prozent“ der IRA angeschlossen. Unionisten gingen unmittelbar auf die Barrikaden und verlangten eine offizielle Entschuldigung. McGowan ging nicht darauf ein. Von Trier schon, und damit sollte die Sache eigentlich erledigt sein.

Doch nein, weiterhin fühlt sich eine ganze Reihe von Leuten verpflichtet, den Filmemacher entweder unbeirrt beim Wort zu nehmen oder ihm seine Aktion als unentschuldbar vorzuwerfen. Noch einen Schritt weiter gehen die Verleiher in Argentinien und Israel. Beide haben bereits angekündigt, ihre bestehenden Verträge aufzulösen und „Melancholia“ in den jeweiligen Ländern nicht auf die Leinwand zu bringen. Sonderlich reif oder erwachsen ist nichts davon.

Laut dpa empfindet die dänische Regierung den Rauswurf des Regisseurs übrigens als Überreaktion. Und für den Korrespondenten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks DR liege das Problem einfach darin, dass man in Cannes kein Verständnis für dänischen Humor habe. Prince Harry hätte das aus britischer Sicht wahrscheinlich ähnlich gesehen. [LZ]

[Foto Lars von Trier by Christian Geisnaes © 2011 Concorde Filmverleih GmbH]

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